ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1997Mitteilungen: Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft Hyposensibilisierung - Indikationen, Kontraindikationen, unerwünschte Wirkungen

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Mitteilungen: Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft Hyposensibilisierung - Indikationen, Kontraindikationen, unerwünschte Wirkungen

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LNSLNS Die Möglichkeit schwerwiegender anaphylaktischer Reaktionen nach der Gabe von Allergenextrakten zur Hyposensibilisierung veranlaßt die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, erneut auf Indikationen, Kontraindikationen und unerwünschte Wirkungen dieser Therapie hinzuweisen (s. auch Deutsches Ärzteblatt, Heft 10/1993):
Eine Hyposensibilisierung sollte in Betracht gezogen werden, wenn durch Anamnese, Hautteste, eventuell auch serologische Untersuchungen und gegebenenfalls organbezogene Expositionstests eine IgE-vermittelte allergische Pathogenese nachgewiesen ist und das Allergen nicht gemieden werden kann. Dies trifft insbesondere auf Patienten mit Insektengiftallergie, mit Allergie gegen verschiedene Blütenstäube, Hausstaubmilben und eventuell auch gegen Pilzsporen zu.
Generell ist im Einzelfall abzuwägen, ob eine Therapie mit Arzneimitteln (H1-Antihistaminika, Cromoglicinsäure, Kortikosteroide) ausreicht beziehungsweise der jeweiligen Krankheitssituation (Krankheitsstadium, Krankheitsdauer, Intensität der Beschwerden) besser angepaßt ist als eine Hyposensibilisierung, die erhebliche Anforderungen an die Mitarbeit des Patienten einerseits und die speziellen Kenntnisse und Erfahrungen des Arztes andererseits stellt.
Die mindestens dreijährige Durchführung einer Hyposensibilisierung, zu der nur Präparate vor dem Verfallsdatum verwendet werden dürfen, erfordert das Beachten der absoluten oder relativen Kontraindikationen, wie Infektionen, konsumierende Leiden, Gravidität und Erkrankungen, bei denen eine eventuell notwendige Schocktherapie mit Adrenalin vermieden werden muß (zum Beispiel koronare Herzkrankheit, Hypertonie oder Hyperthyreose).
Eine absolute Kontraindikation stellt die Einnahme von Beta-Rezeptorenblockern dar, weil Notfallmaßnahmen wirkungslos sein können.
Es sollten höchstens bis zu vier verschiedene Allergene in einem Extrakt enthalten sein; saisonale und ganzjährige Allergene dürfen nicht in einem Extrakt gemischt werden. Die Verordnung von Mischungen erfordert entsprechende Kenntnisse etwaiger Inkompatibilitäten und der saisongerechten Behandlung. Zum Ausschluß möglicher Umsetzungen innerhalb derartiger Individual-Rezepturen sollten diese immer über die Apotheke vom Hersteller bezogen werden. Die Behandlung ist eine ärztliche Maßnahme und darf - wegen einer eventuell notwendigen Schocktherapie - nicht an Hilfspersonal delegiert werden. Die Dosis soll bei den sogenannten Semidepot-Extrakten in der Regel wöchentlich, bei wäßrigen Extrakten in der Einleitungsphase in der Regel zweimal pro Woche langsam individuell gesteigert werden bis zu der vom Hersteller empfohlenen Höchstdosis beziehungsweise der individuellen Toleranzgrenze (im allgemeinen das Tausend- bis Zehntausendfache der Initialdosis). Generell soll ein Injektionsvolumen von 1 ml pro Einzelinjektion nicht überschritten werden. Der Beginn einer Hyposensibilisierung sollte in einer symptomfreien oder wenigstens weitgehend erscheinungsfreien Krankheitsperiode liegen. Eine sogenannte Rush-Hyposensibilisierung (bei Hymenopteren-Allergikern) sollte nur unter stationären Bedingungen durchgeführt werden.
Da ein großer Prozentsatz der Patienten mit einer Inhalations-Allergie (Typ I) im Laufe der jährlichen Expositionen zu Asthmatikern werden kann und die Anwendung von Hyposensibilisierungslösungen beim exogen-allergischen Asthma nur in Frage kommt, wenn der Krankheitszustand noch nicht chronisch geworden ist, sollte möglichst frühzeitig eine spezifische Hyposensibilisierung erwogen werden (unter Beachtung der Kontraindikationen und der anderen Behandlungsmöglichkeiten). Eine Hyposensibilisierung birgt stets das Risiko einer allergischen Reaktion bis zum anaphylaktischen Schock in sich. Meist sind die schweren Nebenwirkungen Folge eines intravasalen Allergeneinstroms, von direkter oder indirekter AllergenÜberdosierung, wie zum Beispiel Verwechslung der Extraktverdünnungen, zu schnelle Injektion beziehungsweise zu rasche Injektionsfolge, ungenügende Dosisreduzierung nach längerer Therapiepause oder individuelle Empfindlichkeitsschwankungen. Die Patienten müssen in der Praxis oder in der Klinikambulanz mindestens 30 Minuten nach jeder Injektion sorgfältig überwacht werden. Medikamente zur Therapie des anaphylaktischen Schocks (Adrenalin, Antihistaminika, Glukokortikoide und Infusionslösungen) müssen ebenso wie ein Notfallbesteck immer in der Praxis verfügbar sein. Sie müssen regelmäßig gewartet, ihr Einsatz muß geübt werden.
Eine sublinguale ("orale") Hyposensibilisierung ist nur in Einzelfällen sinnvoll. Deshalb ist diese nur dann durchzuführen, wenn positive Ergebnisse von nach wissenschaftlichen Kriterien aussagefähigen Prüfungen vorliegen. Aus theoretischen Überlegungen heraus muß auch bei diesen Substanzen mit dem Auftreten unerwünschter Wirkungen gerechnet werden, was insbesondere zu beachten ist, falls die "orale" Hyposensibilisierung nicht in der Praxis durchgeführt werden sollte. Prinzipiell gilt auch für diese Therapieform, daß die Applikation eines nachgewiesenen, zu Allergien führenden Allergens eine ärztliche Maßnahme darstellt, die nicht an Hilfspersonen delegiert werden kann.
Die Arznei­mittel­kommission bittet die Ärzte, auch in Zukunft über Verdachtsfälle von unerwünschten Wirkungen in Zusammenhang mit der Anwendung von Hyposensibilisierungslösungen zu berichten - entweder auf den im Deutschen Ärzteblatt abgedruckten Berichtsbogen oder auch formlos, telefonisch oder per Telefax.
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