ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2006Krebsforschung in Deutschland: „Wir müssen völlig neue Allianzen schaffen“

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Krebsforschung in Deutschland: „Wir müssen völlig neue Allianzen schaffen“

Rieser, Sabine; Zylka-Menhorn, Vera

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Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata
Diskussionsveranstaltung „Ärzteblatt-Wortwechsel“: Plädoyer für eine konzertierte Aktion aller Akteure aus Forschung, Medizin und Wirtschaft

Es gibt in Deutschland in der Krebsforschung viele strukturelle Schwachpunkte: Junge Ärzte finden beispielsweise neben der Krankenversorgung zu wenig Zeit für die patientenbezogene Forschung. Klinische Studien in der Onkologie werden fast ausschließlich von der Deutschen Krebshilfe finanziert. Und viel versprechende innovative Forschungsansätze gelangen nicht rasch genug in die Praxis. Doch wenn die beteiligten Akteure stärker als bisher kooperierten, ließen sich einige strukturelle Defizite in der Krebsforschung trotz knapper finanzieller Ressourcen beheben. Zu diesem Ergebnis gelangten Fachleute am 9. März 2006 in Berlin im Rahmen der ersten Diskussionsveranstaltung „Ärzteblatt-Wortwechsel“, die dem Thema „Klinische Krebsforschung“ gewidmet war.
Während die Grundlagenforschung in Deutschland einen hohen Stellenwert besitzt und in bestimmten Gebieten sogar Weltmaßstäbe setzt, fristet die klinische Forschung im internationalen Vergleich ein Schattendasein. Die Mehrzahl der global bedeutenden, patientenorientierten Studien wird entweder von Ärzten aus anderen Ländern geleitet, oder die Durchführung erfolgt ohne jede deutsche Beteiligung – obwohl hierzulande leistungsfähige medizinische Versorgungseinrichtungen vorhanden sind, die gute Voraussetzungen für die ergebnisorientierte Forschung besitzen.
Aus medizinischer Sicht ist die klinische Forschung für den Erkenntnisgewinn unabdingbar, eröffnet sie doch völlig neue Therapiemöglichkeiten oder erweitert bestehende. Sie verschafft den Patienten nicht nur eine intensive medizinische Betreuung und den frühen Zugang zu innovativen Arzneimitteln, sondern bietet teilnehmenden Ärzten die Chance, sich umgehend mit neuen Therapieansätzen zu befassen, und sorgt somit für einen hohen Behandlungsstandard. Daher wird die anwendungsorientierte Forschung als ein wichtiger Motor sowohl für den Wissenschafts- als auch für den Wirtschaftsstandort eines Landes angesehen.
Die Gründe für das Defizit sind vielschichtig: mangelnde Interaktion zwischen Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen, das Fehlen langfristiger Förderprogramme zur Finanzierung klinischer Studien und eine zu geringe Synergienutzung der vorhandenen Strukturen. Die in Berlin versammelten 60 Gäste waren sich einig in der Einschätzung, dass die Ursachen für das Defizit längst erkannt und vielfach benannt worden sind. Die Zeit sei nun überfällig, diese zu beheben. „Dafür genügt es allerdings nicht, hin und wieder ein paar pfiffige Köpfe zusammenzubringen“, betonte der Heidelberger Forscher Wiestler. Notwendig sei vielmehr eine konzertierte Aktion von Forschung, Medizin und Wirtschaft: „Wir müssen völlig neue Allianzen schaffen.“ !
Als einen zukunftsweisenden Ansatz bezeichnete Wiestler die Einrichtung einer begrenzten Anzahl von onkologischen Spitzenzentren nach US-amerikanischem Vorbild der „Comprehensive Cancer Center“. Diesem entspricht das neu geschaffene „Nationale Tumorzentrum Heidelberg“, in dem – gefördert vom Bun­des­for­schungs­minis­terium – die übergreifende (translationale) Forschung einen Schwerpunkt darstellt. Bereits Anfang der 90er-Jahre habe der Bund versucht, Forschungsprojekte nicht nur inhaltlich zu fördern, sondern gleichzeitig mit der Förderung bestimmte Strukturen voranzubringen, sagte Lange: „Viele unserer Maßnahmen zielten auf strukturelle Veränderungen. Doch wir müssen ernüchternd zur Kenntnis nehmen, dass sich die verschiedenen Akteure schwer tun, zu einer gemeinsamen Strategie zu kommen.“
Prof. Dr. med. Wolfgang Hiddemann begrüßte die eingeleiteten Fördermaßnahmen durch den Bund als Schritte in die richtige Richtung. Dies lasse sich an der Etablierung der Interdisziplinären Zentren für Klinische Forschung (IZKF), den Koordinierungszentren für Klinische Studien (KKS), den Kompetenznetzen in der Medizin und der Telematikplattform für Medizinische Forschungsnetze (TMF) ablesen. Nach einer großzügigen Anschubfinanzierung versiegten die Mittel jedoch abrupt, und man überlasse die Wissenschaftler ihrem Schicksal. Lange entgegnete, dass der Bund keine Dauerfinanzierung leisten könne: „Es müssen auch andere Finanziers mit an den Tisch.“ Insbesondere Therapievergleichsstudien sollten von den Krankenkassen mitfinanziert werden. Dann wäre auch der Bund bereit, sich an den Kosten zu beteiligen. „Aber an diesem Punkt kommen wir in Gesprächen nicht weiter“, so Lange.
Deswegen liegt das Augenmerk auf der Deutschen Krebshilfe. Doch Hiddemann hält es für absurd, „dass industrieunabhängige onkologische Studien in Deutschland fast ausschließlich von einer gemeinnützigen Organisation gefördert werden.“ Allein 2005 habe die Deutsche Krebshilfe 12,5 Millionen Euro in Therapiestudien investiert. Nach der Novellierung des Arzneimittelgesetzes von 2004 ist ihre Durchführung jedoch erheblich erschwert worden. „Die erhöhten Auflagen hinsichtlich Dokumentation und Standardisierung steigern die Patientensicherheit und die Qualität von klinischen Studien, sind aber personalintensiver und gehen mit einem deutlich höheren Kostenaufwand einher, der von der Deutschen Krebshilfe allein finanziell nicht mehr gestemmt werden kann“, sagte Hiddemann. Er appellierte an den Bund und die Kostenträger, sich an der Finanzierung von klinischen Studien zu beteiligen, um die Qualität der Krebsbehandlung in Deutschland langfristig zu sichern. „Aufgrund ihrer Vertrauensposition erhält die Deutsche Krebshilfe Spendengelder in Millionenhöhe. Die Kehrseite davon ist, dass die Verantwortung für die klinische Forschung auf sie geschoben wird“, bestätigte Dr. Heinrich Höfer vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) stellte sich der Kritik, bei der Mittelvergabe die Neurowissenschaften zulasten der Krebsforschung zu bevorzugen: „Die DGF legt nicht
a priori fest, wie viel Prozent der Gelder in welche Töpfe zu gehen haben“, entgegnete Programmdirektorin Hintze. Man fördere die Onkologie mit jährlich 60 Millionen Euro. Das entspricht 12,5 Prozent des Budgets für die Lebenswissenschaften. Einen Automatismus, wonach patientenbezogene onkologische Projekte direkt an die Deutsche Krebshilfe weitergereicht würden, gebe es nicht.
Hintze regte an, stärker als bisher in Verbünden zu arbeiten und sich im Rahmen der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern um Förderung zu bemühen. Aus Sicht der in der Krebsforschung engagierten Wissenschaftler ist es bedauerlich, dass sich in der ersten Runde der Vorauswahl für die Exzellenzcluster die beiden einzigen Anträge mit dem Schwerpunkt „Krebsforschung“ nicht durchsetzen konnten.
„Die Kassen gehören mit an den Tisch“, betonte Prof. Dr. med. Wolff Schmiegel (Ruhr-Universität Bochum) – zumal in der Onkologie ein Paradigmenwechsel stattgefunden habe: „Krebs ist heute eine chronische Erkrankung mit einer Vervierfachung der Lebensdauer.“ Diese Lebensverlängerung gehe allerdings mit einer Verhundertfachung der Kosten einher. Das Ziel aller Akteure im Gesundheitswesen müsse es daher sein, Wege zu finden, den Patienten trotz knapper Ressourcen medizinische Fortschritte zugänglich zu machen.
Dass dies möglich ist, sieht Prof. Dr. med. Dr. h. c. Günter Henze (Charité Berlin) durch die Erfolge in der pädiatrischen Onkologie bestätigt: „Hier wurde mithilfe der Förderung durch die Deutsche Krebshilfe in den letzten 20 Jahren eine Studienkultur geschaffen, um die man Deutschland weltweit beneidet“: So sei es erst mithilfe der Therapiestudien, in denen über 90 Prozent der Betroffenen behandelt werden, aber auch des vom Bund geförderten „Kompetenznetzes Pädiatrische Onkologie“ möglich geworden, krebskranke Kinder bundesweit flächendeckend nach einheitlichen Therapieprotokollen zu behandeln.
Henze gab zu bedenken, dass der patientenorientierten Forschung – im Gegensatz zur Grundlagenforschung – immer noch das Vorurteil anhafte, keine „klassische“ Wissenschaft zu sein. Dabei seien entscheidende Verbesserungen der Patientenversorgung gerade aus anwendungsorientierten Studien abgeleitet worden. Prof. Dr. med. Thomas Weihrauch (Bayer AG, Wuppertal) benannte als markante Beispiele aus dem kardiologischen Alltag, die zu einer Veränderung der Lehrmeinung geführt haben, die Effektivität der Kalziumantagonisten bei Hypertonus sowie die der ACE-Hemmer bei Herzinsuffizienz.
Dr. pharm. Siegfried Throm (Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller, VFA ) bestätigte dies: „Große Fortschritte der chemotherapeutischen Behandlung haben sich für die Patienten erst ergeben, als man durch Therapieoptimierungsstudien erkannte, welche Kombinationen von Präparaten am erfolgversprechendsten sind.“ Nun seien wieder innovative Mittel auf dem Markt, und erneut stelle sich die Frage, wie man diese Präparate optimal dosiere und kombiniere. Diese für die Patienten wesentlichen Fragen könnten nur mithilfe von Therapieoptimierungsstudien beantwortet werden.
Allerdings müssen sich Patienten auch dazu bereit erklären, an klinischen Studien teilzunehmen. Diese Bereitschaft ist nach Ansicht der Diskutanten hierzulande geringer ausgeprägt als in anderen Ländern, da die Patienten befürchten, statt im begehrten Verumarm in der ungeliebten Placebogruppe zu „landen“.
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Wiestler wiederum wies darauf hin, dass die klinische Forschung lange Zeit als „industrieverseucht“ und für junge Ärzte als „karrierehemmend“ galt. Im Hinblick auf die zwiespältige Einstellung mancher Forscher zur Industrie betonte er, dass komplexe medizinische Fragestellungen heute nicht mehr ohne flexible Strukturen und eine kritische Masse zu bearbeiten seien. Dazu gehörten auch Kooperationen mit der Industrie, so dies sinnvoll erscheint. Wiestler nannte als Beispiel die kürzlich vereinbarte Allianz des Deutschen Krebsforschungszentrums mit Siemens Medical Solutions auf dem Gebiet der onkologischen Radiologie: „Basis dafür waren mehrjährige vertrauensvolle Kontakte.“ Aus der Perspektive eines „global players“ bestätigte Dr. med. Wolfgang Dietrich, Leiter des Geschäftsbereichs Onkologie bei Hoffmann-La Roche, dass das Geschäftsmodell der Industrie heute „auf zwei Säulen“ stehe – die eigene Forschung stärken und kooperieren. Dies sei auch die Philosophie in Penzberg, wo Roche eines der größten Biotechnologie-Zentren Europas betreibt.
Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, wiederum räumte mit Blick in die Zukunft ein, dass die „Dreieinigkeit“ von Forschung, Lehre und Krankenversorgung für die junge Ärztegeneration wohl nicht mehr zeitgemäß sei: „Wahrscheinlich ist die Zeit überschritten für eine derartige Aufgabenkombination.“ Die Selbstverwaltung müsse Forderungen nachkommen, diese drei Felder anders zu gestalten. Einen eigenen zukunftsweisenden Beitrag will die Bundes­ärzte­kammer mit einer Förderinitiative zur Versorgungsforschung leisten, die eine Laufzeit von sechs Jahren hat. Wie Hoppe berichtete, zielt diese darauf ab, „unter sich verändernden Rahmenbedingungen konkrete Lösungen für eine verbesserte Patientenversorgung – und somit auch für eine adäquate ärztliche Berufsausübung – aufzuzeigen“. Aus 180 eingegangenen Projektanträgen werde Ende März die Endauswahl getroffen. „Wir müssen in klinische Forschung investieren, um Krankheiten besser verstehen und behandeln zu können. Das sind wir unseren Patienten schuldig“, verlangte Hoppe.
Fazit der Diskussionsveranstaltung: Die fördernden Organisationen – Deutsche Krebshilfe, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Bun­des­for­schungs­minis­terium – werden künftig enger zusammen- arbeiten, um Synergien zu schaffen und die klinische Krebsforschung konzertiert voranzubringen.

Sabine Rieser
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn



Zur 1. Diskussionsveranstaltung „Ärzteblatt-Wortwechsel“ hatten die Deutsche Krebshilfe und das Deutsche Ärzteblatt Fachleute unterschiedlicher Disziplinen nach Berlin geladen. Hintergrund der Diskussion „Stagnation oder Fortschritt – Wir haben die Wahl!“ ist die Tatsache, dass die klinische Forschung in der Onkologie in weiten Teilen brachliegt und die Deutsche Krebshilfe mittlerweile fast alleiniger Geldgeber von industrieunabhängigen Forschungsprojekten geworden ist. Ziel des „Wortwechsels“ war, Handlungsansätze für eine langfristige Verbesserung der klinischen Krebsforschung zu erarbeiten.
Auf dem Podium diskutierten (von links) Moderator Stefan Schulze-Hausmann (3sat Wissenschaftsmagazin „nano“), Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe (Präsident der Bundes­ärzte­kammer), Dr. rer. nat. Petra Hintze (Programmdirektorin der Deutschen Forschungsgemeinschaft), Prof. Dr. med. Otmar Wiestler (Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums und Vorsitzender des Beirats Deutsche Krebshilfe), Priv.-Doz. Dr. Peter Lange (Ministerialdirigent im Bun­des­for­schungs­minis­terium) sowie Prof. Dr. med. Wolfgang Hiddemann (Vorsitzender Fachausschuss „Therapiestudien“ Deutsche Krebshilfe).

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