ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2006Ambulante Versorgung: Kein Arzt mehr – weit und breit

POLITIK

Ambulante Versorgung: Kein Arzt mehr – weit und breit

Dtsch Arztebl 2006; 103(11): A-662 / B-570 / C-550

Maus, Josef

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Die Sorge vor einem massiven Ärztemangel wächst. Die KV Niedersachsen wirbt bereits bundesweit um Nachwuchs.

Zahlen lügen nicht, aber sie können täuschen. Ende 2005 waren bundesweit 1 433 mehr Ärztinnen und Ärzte in der ambulanten Versorgung tätig als im Jahr zuvor – insgesamt 134 798, davon 126 252 in der regulären Niederlassung. Dies erscheint ausreichend, und doch wächst die Sorge, dass das Gesundheitswesen auf einen massiven Ärztemangel zusteuert.
„Der Mangel an niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten hat sich manifestiert“, sagt beispielsweise Eberhard Gramsch, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Im nach Bayern größten Flächenland der Bundesrepublik weiß man, dass es eigentlich schon fünf vor zwölf ist. Bis zum Jahr 2015 müssen sich rund 450 Ärzte in Niedersachsen niederlassen, damit eine Unterversorgung in bestimmten Regionen des Bundeslandes verhindert wird. Unterversorgung ist ein eher blutleerer Begriff mit geringer Alarmwirkung. Konkret bedeutet Unterversorgung jedoch: Tausende von Patienten haben – vor allem in ländlichen Gebieten – keinen Arzt mehr, zu dem sie gehen können. Erst recht wird es dann keine Ärzte mehr geben, die zum Patienten nach Hause kommen.
Überall derselbe Trend, noch deutlicher im Osten
Rund 450 fehlende Ärzte in den nächsten zehn Jahren nach Niedersachsen zu holen dürfte kein unlösbares Problem sein. Aber: Das Flächenland im Norden steht nicht allein vor dieser Herausforderung. Nahezu überall zeichnet sich derselbe Trend ab, vor allem im Osten der Republik. Bei den wenigen Hundert Ärzten, die in Niedersachsen fehlen, geht es darum, eine Unterversorgung mit fatalen Folgen für die Bevölkerung zu verhindern. Soll hingegen der heutige Stand der ambulanten Versorgung beibehalten werden, fehlen schon 3 679 Niedergelassene. Und auch das ist in anderen Bundesländern ähnlich. Besonders deutlich wird die Dramatik in Prozentzahlen. Die 3 679 Ärzte, die bis zum Jahr 2015 in Niedersachsen ausscheiden, stellen rund 30 Prozent aller Vertragsärzte des Bundeslandes. Knapp ein Drittel hört (allein aus Altersgründen) auf, und noch weiß niemand, wo der Nachwuchs herkommen soll.
Die KVN wirbt jetzt bundesweit um niederlassungswillige Ärztinnen und Ärzte. „Werden Sie Hausarzt in Niedersachsen“ ist eine Anzeige im Rubrikenmarkt des Deutschen Ärzteblattes (Heft 8/2006) überschrieben. Niedersachsen streckt die Fühler aus, andere Bundesländer tun dies bereits auch, weitere werden folgen – auf verschiedenen Wegen.
Im Norden hat der KV-Vorstand ein dreistufiges Konzept zur Sicherstellung der ärztlichen Versorgung beschlossen. Niederlassungsseminare der KV, Informationsveranstaltungen an Krankenhäusern und Universitäten, die Einbindung der KV in die Weiterbildungskurse zur Allgemeinmedizin und die Kooperation mit den Gemeinden sind der erste Schritt. Stufe zwei besteht aus der Förderung der Weiterbildung – zum Beispiel mit dem Angebot eines Ausbildungsplans mit exakt definierten Weiterbildungsabschnitten. Auch finanziell soll die Weiterbildung unterstützt werden. Im Gegenzug erwartet die KV die Bereitschaft, eine Niederlassungspflicht zu akzeptieren. Stufe drei besteht aus Umsatzgarantien für Ärzte in bestimmten Regionen, aus Zinszuschüssen sowie Zuschlägen für Landarztpraxen.
Vor allem Letzteres ist entscheidend für die Zukunft der ambulanten Versorgung in Landkreisen wie Emsland, Gifhorn, Celle und Stade, um nur einige zu nennen. Überall dort gehen in etwa zehn Jahren die Lichter aus, wenn die Anwerbung nicht gelingen sollte. Dasselbe Schicksal droht beispielsweise auch den Bundesländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dort scheiden bis zum Jahr 2015 zwischen 40,8 und 42,9 Prozent der heute noch tätigen Hausärzte aus.
Der Slogan der KV Niedersachsen könnte vor diesem Hintergrund erweitert werden: „Werden Sie Hausarzt in Deutschland!“ Josef Maus
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