ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2006Vogelgrippe: Neue Maßstäbe gesetzt
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Der Blick durch das Elektronenmikroskop zeigt das Influenzavirus H5N1 (braun). Foto: CDC/C. Goldsmith, J. Katz and S. Zaki/ddp
Der Blick durch das Elektronenmikroskop zeigt das Influenzavirus H5N1 (braun). Foto: CDC/C. Goldsmith, J. Katz and S. Zaki/ddp
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt hat die Länder aufgefordert, mehr Medikamente zur Eindämmung einer möglichen Pandemie der Vogelgrippe bereitzuhalten. Dies setzt neue Maßstäbe, welche Anforderungen in Zukunft an die Abwägung der verfügbaren Evidenz in strittigen Fällen nicht zugelassener Indikationen (Off-Label-Use) gestellt werden müssen. Offensichtlich reichen In-vitro-Ergebnisse, minimale Erfahrungen in Tierversuchen sowie anekdotische, nicht publizierte Berichte aus unkontrollierten Heilversuchen am Menschen aus, um Investitionen von vielen Millionen zur Beschaffung von Tamiflu® zu rechtfertigen. Niemand beneidet die Politik um diese Entscheidung, Sinn dieser Zeilen ist es nicht, die hoffentlich wohl überlegte Bevorratung infrage zu stellen. Andererseits darf man fragen, ob die zugrunde liegende Not so grundsätzlich anders ist als die eines Onkologen, der angesichts einer malignen Erkrankung ohne echte therapeutische Alternative auf ein in dieser Indikation nicht zugelassenes Arzneimittel zurückgreift, auch wenn die Evidenz hierfür kaum besser ist? Ich bezweifle, dass die jetzt für Tamiflu vorgebrachten Argumente z. B. die Kriterien des Urteils des Bundessozialgerichts vom 19. März 2002 erfüllen würden (. . . Daten, die einen „klinisch relevanten Nutzen bei vertretbaren Risiken belegen“, dass die „Erweiterung der Zulassung bereits beantragt“ ist etc.). In der kollektiven Bedrohung der Pandemie werden die Maßstäbe offensichtlich gelockert. Gleichsam erfühlt plötzlich jeder Bürger die Situation, die sonst nur der Patient ohne therapeutische Alternative erlebt. Plötzlich sieht die Politik sich in der unangenehmen Rolle des Arztes, der auf unzureichender Datenbasis entscheiden muss. Doch halt – der Vergleich hinkt. Eine reale Gefahr des Regresses besteht hier wohl für Gesundheitspolitiker nicht . . .
Priv.-Doz. Dr. med. Ulrich Schuler, Ebereschenweg 45 A,
01328 Dresden-Pappritz
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