ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2006Zwangssterilisation in Passau
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Medizingeschichte
Kirchlicher Einfluss
Horst W. Heitzer: Zwangssterilisation in Passau. Die Erbgesundheitspolitik des Nationalsozialismus in Ostbayern 1933–1939 (Passauer Historische Forschungen, Bd. 13). Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien, 2005, VIII, 432 Seiten, 1 Karte, gebunden mit Schutzumschlag, 49,90 €

Im Unterschied zur Euthanasie-Aktion fand das NS-Sterilisationsprogramm in aller Öffentlichkeit statt. Seine Basis war ein öffentlich verkündetes Gesetz, begleitet wurde es von einer breiten Aufklärungsoffensive. Über Ausmaß und Art seiner Umsetzung allerdings ließ man die Öffentlichkeit gezielt im Unklaren. Aufgrund dieser Geheimhaltung lässt sich auch heute die Gesamtzahl der Zwangssterilisierten nur schätzen. Große Bedeutung kommt daher Regionalstudien zu, die das Ausmaß der NS-Zwangssterilisation und ihre konkrete Durchführung vor Ort exemplarisch beleuchten, wie die von Horst W. Heitzer zum Bezirk des Passauer Erbgesundheitsgerichts.
Zentrale Quelle der Studie sind die gerichtlichen Einzelfallakten, die der Autor über eine Stichprobe statistisch auswertet. Dabei wird deutlich, dass sich das Passauer Vorgehen bei der Zwangssterilisation nur wenig von dem in anderen Regionen unterschied: So wurde der weitaus größte Teil der Verfahren von Amtsärzten initiiert, und gut 94 Prozent der Prozesse führte am Ende zu einem Sterilisationsurteil.
Die Besonderheit von Heitzers Arbeit liegt in der Darstellung, wie die katholische Kirche in Passau auf das Sterilisationsprogramm reagierte. Wie der Autor zeigt, leisteten die Kirchenvertreter hier eine „intensive Aufklärungskleinarbeit“ mit den Betroffenen: Dabei gewährten sie ihnen nicht nur seelsorgerischen Beistand während des diskriminierenden Verfahrens, sondern halfen auch bei der Formulierung von Beschwerden gegen das Gerichtsurteil. Wohl deshalb war die Einspruchsrate beim Erbgesundheitsgericht Passau ungewöhnlich hoch, auch wenn fast alle Beschwerden am Ende erfolglos blieben. So zeigt sich der kirchliche Einfluss vor allem auf einer individuell-menschlichen Ebene, die Auswirkungen auf Anzahl und Ausgang der geführten Sterilisationsverfahren waren dagegen anscheinend gering. Astrid Ley
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