ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2006Als Praxisvertreter nach Frankreich: Es gibt ein Leben nach der Klinik

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Als Praxisvertreter nach Frankreich: Es gibt ein Leben nach der Klinik

Dtsch Arztebl 2006; 103(11): A-732 / B-624 / C-604

Lindemann, Wolfgang B.

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Foto:Wolfgang B. Lindemann
Foto:Wolfgang B. Lindemann
Nach abgeschlossener Weiterbildung verbringt ein junger französischer Allgemeinmediziner in der Regel einige Zeit als Praxisvertreter: Er vertritt niedergelassene Kollegen, während diese in Urlaub sind, sich fortbilden oder wegen Krankheit ausfallen. Eine solche Vertretung dauert meist ein bis zwei Wochen, bei längeren Krankheiten oder Schwangerschaftsvertretungen auch einmal mehrere Monate.
Welcher Arzt für welchen Zeitraum einen Vertreter sucht, erfährt man über Schwarze Bretter, Internetseiten der départementalen Ärztekammern, durch spezialisierte Vermittlungsagenturen (gratis, es zahlt der Niedergelassene) oder über persönliche Kontakte. Bürokratische Hemmnisse gibt es nicht: Der Vertreter schließt einen Vertrag mit dem niedergelassenen Kollegen, dieser informiert die Präfektur sowie die lokale Ärztekammer – das ist alles. Bevor es losgeht, zeigt einem der Niedergelassene noch kurz die Praxis und erklärt das Computerprogramm (das ist meist das Schwierigste). Eine solche Übergabe dauert ein bis zwei Stunden.
Das Berufsbild der Arzthelferin gibt es in Frankreich nicht. Wenn überhaupt, haben Praxen eine Sekretärin. Wegen der damit verbundenen Kosten leisten sich dies jedoch in der Regel nur Gemeinschaftspraxen von zwei oder mehr Ärzten. Eine Sekretärin ist schon von Vorteil – kennt sie doch die Patienten, die Räumlichkeiten und Abläufe. Es ist aber auch ohne sie auszukommen.
Wichtigste Aufgabe des Vertreters ist es, die Praxis „am Laufen“ zu halten: Sprechstunden, Hausbesuche, Telefonate. Üblich ist, dass der Platzhalter eher defensiv agiert. Medikationen „eingestellter“ Patienten werden in der Regel nicht modifiziert. Bei schwierigeren Fällen wird zwar eine Diagnostik eingeleitet, doch wenn die Ergebnisse vorliegen, ist der Praxisinhaber meist wieder zur Stelle. Rezepterneuerungen machen etwa ein Drittel der Tätigkeit aus, ein Drittel der Fälle sind Bagatellerkrankungen wie Husten, Schnupfen oder Durchfall, und etwa ein Drittel der Fälle ist kniffliger. Bei ernsteren Bildern schickt der Vertreter die Patienten zum Facharzt oder in die Notaufnahme. Ein Vertreter, der die Patienten weniger gut kennt, überweist häufiger als ein Niedergelassener.
Wie in Frankreich üblich, hat man viel Zeit für die Patienten und macht weniger technische Untersuchungen. Ein Niedergelassener behandelt zwischen 15 und 25 Patienten am Tag – mehr als 25 Patienten an einem Tag sind sehr selten und für französische Verhältnisse stressig. Dementsprechend kurz sind die eigentlichen Sprechzeiten: meist etwa fünf Stunden am Tag (etwa 15 Minuten pro Patienten), dazu noch etwa ein bis zwei Stunden Hausbesuche. Dafür muss man recht lange in der Praxis erreichbar sein: zwischen 8:00 Uhr und 20:00 Uhr oder wenigstens zwischen 8:30 Uhr und 19:00 Uhr. Wenn man weiter weg von der eigenen Wohnung vertritt, kann das lästig werden. Es ist üblich, dass Ärzte auf dem Land dem Vertreter ihre eigene Wohnung zur Verfügung stellen – gratis und mit gefülltem Kühlschrank.
Der Bedarf an Praxisvertretern ist viel größer als das Angebot. Die Bezahlung ist entsprechend gut: zwischen 60 und 80 Prozent der Bruttoeinnahmen. Ein tägliches Minimum von zehn Konsultationen à 20 Euro wird in der Regel garantiert. Die Patienten bezahlen ihre Rechnung sofort (meistens eine Pauschale von 20 Euro, die sie später von ihrer Kran­ken­ver­siche­rung zurückerstattet bekommen). Von seinem Verdienst muss der Praxisvertreter noch Sozialabgaben, Rentenversicherung und Steuern abführen. Auch kann man den Verdienst nicht aufs Jahr hochrechnen. Denn nicht für jede Woche des Jahres ist eine Vertretung zu finden: in den Schulferien gibt es ein Überangebot,
zu anderen Zeiten ist der „Markt“ schwieriger.
Bis zur Abschaffung des AiP genügte die deutsche Vollapprobation, um in Frankreich „médecin généraliste“ zu sein und Vertretungen machen zu dürfen. Die neuen Regelungen sind noch nicht eindeutig, aber generell kann jeder deutsche Allgemeinmediziner mit zumindest begonnener Weiterbildung in Frankreich als Vertreter tätig werden. Natürlich kann man sich auch gleich niederlassen (Stichworte: völlige Niederlassungsfreiheit, keine Budgetierungen, Kosten für Praxiseinrichtung nur 10 000 bis 15 000 Euro), aber es ist sehr zu empfehlen, erst einige Jahre zu vertreten, weil
die Medizinsysteme, die Medikamentennamen und die Diagnosegewohnheiten doch recht verschieden sind. Die französischen Allgemeinmediziner sind oft besser ausgebildet als die deutschen, zumindest zu Beginn ihrer Assistenzarztzeit. Als AiP in der Neurologie sollte ich beispielsweise einmal – auf einer Stelle, die für einen angehenden Allgemeinmediziner vorgesehen war – alleine, ohne Facharzt vor Ort, Nachtdienst in der pädiatrischen Notaufnahme und in der kardiologischen Intensivstation machen . . . Ein Praxisvertreter ist Freiberufler und muss Buchhaltung, Steuererklärung et cetera auf Französisch führen – das will auch gelernt sein.
Weitere Informationen und Tipps zur Tätigkeit in Frankreich gibts im Internet unter: www.wolfganglindemann.net.
Wolfgang B. Lindemann
E-Mail: lindewb9@aol.com
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