ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2006rund ums Geld: Good old Kostolany

VARIA: Schlusspunkt

rund ums Geld: Good old Kostolany

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Lebte er noch, wäre André Kostolany gerade eben 100 Jahre geworden. Die meisten von uns kennen den Altmeister des glatten Börsenparketts noch aus zahlreichen Büchern und unzähligen Fernsehauftritten, in denen der Grandseigneur seine Sicht der Dinge aufdröselte, und das erledigte er mit einer schlitzohrigen Eleganz und einem Charme, die einen unwillkürlich an die Zeiten der KuK-Donaumonarchie erinnerte. Ich habe ihn gelegentlich privat erlebt, und da war der gute alte Kostolany kein anderer, ebenso nett wie gesprächig.
Was bleibt von ihm? Sein wichtiger Rat hatte mit Anlagestrategie, wenn auch nur vordergründig, nichts zu tun. Er forderte stets vehement, möglichst viel Geld in die Ausbildung der Kinder zu stecken; diese Empfehlung hat sich, wiewohl richtig, beim Anblick der PISA-Studien durchaus nicht staatstragend durchgesetzt. Wer das Elend heute mit den staatlichen Altersversorgungssystemen erlebt, weiß unmittelbar um die Weitsichtigkeit dieses Wunsches.
Und sonst? André Kostolany hat in unseren Köpfen verankert, dass die Börse aus Psychologie besteht, und zwar in einem ganz erheblichen Ausmaß. Er ist gewissermaßen der erste Börsenpsychologe und ein wichtiger Wegbereiter einer Forschungsrichtung, die wir heute unter dem Begriff „Behavioral Finance“ wiederfinden, also der verhaltensorientierten Analyse der Märkte und, noch wichtiger, der Marktteilnehmer selber, einfach gesprochen:
zu lernen und zu bewahren, dass der gesunde Menschenverstand in der Geldanlage bloß nicht auf der Strecke bleiben darf.
So einfach sich Kostos gute Ratschläge anhören, so schwierig sind sie offenbar in der Umsetzung. Das hat vermutlich damit zu tun, dass die Gier nach Geld und Reichtum das menschliche Verhalten mindestens genauso prägt wie die fürs Börsengeschäft eigentlich „passenderen“ Tugenden wie Bescheidenheit, Augenmaß, Demut und die Größe, sich Verluste zum einen einzugestehen und zum anderen sie dann auch mutig zu realisieren, solange sie noch vergleichsweise gering sind, und nicht erst bei 50 Prozent minus panikartik zu verkaufen.
Das ist wirklich eine teuflische Angelegenheit, wenn so eine Aktie ins Minus gerät. Abgesehen von der narzisstischen Kränkung, doch nicht so ein Held zu sein, wird es immer dann gefährlich, wenn die Verluste über zehn Prozent hinausgehen. Selbst wer sich schon beim Kauf vorgenommen hatte, höchstens einen zehnprozentigen Abschlag zu akzeptieren, findet dann, wenn es so weit ist, mindestens drei Gründe, es nicht zu tun. Die wundersame Leidensfähigkeit nimmt mit dem weiteren Abstieg des Wertes stetig zu, und auch der Wunderglaube, die Aktie habe nun aber Mitleid mit einem und würde alleine deswegen wieder steigen, wächst proportional zur Kurve nach unten. Nach meiner Erfahrung wird dann so ab dem hälftigen Verlust die Notbremse gezogen. Dann doch lieber Lotto gespielt.
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