POLITIK: Die Glosse

Qualitätsbericht

Dtsch Arztebl 2006; 103(12): A-750

Krause, Tom

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LNSLNS Als mündiger und kritischer Patient und Angehöriger sind für mich die Qualitätsberichte ein Quell der Erkenntnis und eine wichtige Hilfe bei der Wahl der Klinik. Als technophiler Mensch screene ich systematisch die Berichte im Internet und wühle in den Leistungs- und Strukturdaten der Häuser – vorausgesetzt, mein 58K-Modem schafft es, den Fünf-Megabyte-Bildband des einen oder anderen Hauses downzuloaden.
So lag Onkel Ernst schon längst in der nächsten Stroke-Unit, als ich feststellen konnte, dass die übernächste Klinik viel mehr ischämische Insulte behandelt als die von Onkel Ernst – und Masse macht doch Klasse, oder? Besorgt musste ich außerdem über das www.klinik-konsil.de feststellen, dass dieser Laden über drei Wochen für die Behandlung von ICD-I63 benötigt, wohingegen das die Multi-Mega-Klinik in acht Tagen schafft. Misstrauisch über die rekordverdächtig hohe Verweildauer stellte ich den Chefarzt zur Rede, der mich jedoch süffisant fragte, ob die acht Tage der Konkurrenz denn auch die stationäre Rehabilitation mit geriatrischer Komplexbehandlung (OPS 8-550) enthalte und ob die Multi-Mega-Neurologen auch eine teilstationäre beziehungsweise ambulante Nachbehandlung anböten.
Aufgeklärt über die Ignoranz der Qualitätsberichte gegenüber dem Prinzip der Integrierten Versorgung widmete ich mich der akribischen Planung der Niederkunft unseres zweiten Sprösslings. Die Bemühungen um neonatologische Optionen, Stillfreundlichkeit und den Kreißsaal in Pastellfarben wurden durch eine häusliche Sturzgeburt konterkariert.
Frustriert über die Unberechenbarkeit akuter Vorfälle, recherchierte ich weiter für die elektive TEP-OP der liebenswerten, aber gesundheitspolitisch unbedarften Nachbarin Frau Piesepampel. Standortnah fand ich drei Berichte von drei Kliniken – unter einer Adresse. Im Rahmen der allgemeinen Klinik-Fusionitis war de facto eine neue Klinik entstanden, mit de jure drei Kliniken und drei Berichten und drei Tabellenwerken. Die TEP war TOP1-DRG bei der kleinsten Klinik, was aber immer noch weniger war als die TEP als TOP 20 der größten Klinik des Verbundes. Frau Piesepampel waren gesellschaftsrechtliche Aspekte vergleichsweise egal, Hauptsache das Essen schmeckt und die Schwestern sind nett – beides war gegeben, obwohl es in den Qualitätsberichten nicht explizit erwähnt wurde.
Nach diesem Kuddelmuddel interessierte ich mich nur noch für wirklich harte Qualitätsparameter – und was ist härter als der Tod? Bei der Mortalität zeigt sich doch nun wirklich, was die Docs auf dem Kasten haben. Also suchte ich nach dem schweren Rezidiv von Onkel Ernst und einer ungewissen Prognose die Geriatrie mit der höchsten Mortalitätsrate aus, denn in dem kirchlichen Haus durfte man als Patient auch sterben. Mit Seelsorger, einem hübschen Raum für den Abschied und in Würde. Auch wenn’s den Benchmark versaut. Tom Krause
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