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In letzter Zeit ertappe ich mich immer häufiger dabei, dass ich zu später Stunde, Zerstreuung vor dem Fernseher suchend, in Gruselfilme der minderen Qualität hineinzappe. Dieses für einen niedergelassenen Arzt et-
was ungewöhnliche Verhalten bedarf der psychoanalytischen Durchleuchtung, könnte doch die Zeit nutzbringender mit Ausfüllen von DMP-Bögen und Krankenkassenanfragen verwendet werden. Nach längerer retrograder Dissektion meines gelegentlichen abendlichen Vergnügens bin ich nun zu dem Schluss gekommen, dass sich in diesen B-Pictures eigentlich mein Berufsleben widerspiegelt: Auch ich war einmal der begeisterte junge Wissenschaftler, der mit neuesten Instrumenten und überquellendem Wissen in die Ferne zog, um die Menschen vom Bösen zu erlösen. Beseelt war ich von den modernsten Methoden der Wissenschaft; ich konnte nur milde lächeln, wenn ich über den Haustüren meiner Schutzbefohlenen olfaktorisch aktive Substanzen wie Knoblauch vorfand, der die bösen Geister vertreiben sollte. Äußerst beschwingt war ich, wenn eine Dorfschönheit mir schöne Augen machte (nicht dass ich optisch reizvoll wäre, vergleiche Grafik schräg unten; sondern weil meine exzessiven Arbeitszeiten in den Augen unbedarfter Damen beruflichen Erfolg, sozialen Status und wirtschaftliche Absicherung versprachen). Doch dann begann ich die ersten Bisse der Vampire zu verspüren, die sich an meinem Blut delektierten und mich mit dem unbekannten Grauen infizierten. Hilflos sah ich zu, wie sich in meinem Inneren sinistre Erkrankungen breit machten, über die ich auf der Universität nichts gelernt hatte, und obskure Namen wie Investitionsvolumina, Kontokorrentkredit oder Gewährleistungspflichten trugen. All meine teuren Maschinen nutzten nichts gegen diese Krankheiten, die Fieberkurve meines Bankkredits zuckte in den moribunden Bereich. Hilfe suchend wandte ich mich an einen Quacksalber, der zu Gegenmitteln riet, die mir fremdartig erschienen, aber zunächst Erlösung versprachen: Vorwegabschreibung, Kapitalbeteiligung. Zunächst von dem Panzer der Steuerdrohungen befreit, die mich umklammert hielten wie ein transgalaktischer Alien, musste ich alsbald feststellen, dass die Dorfschönheit nunmehr per Scheidungsverfahren eine Lebensstandardgarantie einforderte, die im krassen Gegensatz zu meinem Marasmus stand. Wie ein Untoter arbeite ich nun die Tage und Nächte durch; aus meinen Adern rinnt das Blut in Schröpfnäpfe hinein, auf denen geschrieben steht: Steuernachzahlung – Regressforderungen – Kreditrückführungen . . .
Sie fragen sich, warum ich meine Zeit mit derart hirnlosen Filmen vergeude?
Vielleicht gibt’s irgendwo ein Happy End.
Dr. med. Thomas Böhmeke
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