ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2006Therapie-Leitlinien: Verwirrend
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LNSLNS In seinem Beitrag wendet sich Herr Dr. Weihe als Einzelperson gegen die international akzeptierten und von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie herausgegebenen evidenzbasierten Leitlinien zur Behandlung der multiplen Sklerose (MS) . . . In den Publikationen der Multiple-Sklerose-Therapie-Konsensus-Gruppe (MSTKG) ist die Empfehlung zur Frühtherapie mit rekombinanten Betainterferonen immer an eine vorherige Risikoabschätzung gekoppelt, die jeweils wichtige paraklinische Informationen („diagnostische Neuerungen der letzten Jahre [MRT]“) sehr wohl mit einbezieht, um gerade dem unkritischen Einsatz der teuren und potenziell mit Nebenwirkungen behafteten Präparate vorzubeugen. Die Wirksamkeit dieser Medikamente zur Reduktion der Schubrate und Verlangsamung der Progression der Behinderung ist unumstritten. Da bei der MS bereits zu Beginn der Erkrankung Axone zerstört werden und die Regenerationskraft des Zentralnervensystems sehr beschränkt ist, ist es ein international anerkanntes Ziel, durch konsequente Frühtherapie von Patienten mit Krankheitsaktivität die Langzeitbehinderung möglichst gering zu halten. Wenn es nur um das Verschreiben neuer Immunmodulatoren ginge, wären „MS-Zentren“ nicht nötig. Ziel dieser Einrichtungen ist es ja gerade, das Erfahrungswissen um das multimodale Behandlungskonzept der MS mit traditionellen und innovativen Behandlungsansätzen zu kombinieren, transparent zu dokumentieren und somit neue Erkenntnisse auch außerhalb firmengesponserter Studien zu erhalten.
Die Pflicht zur Dokumentation ist integraler Bestandteil für die Anerkennung eines „MS-Zentrums“. Durch die Gewinnung von validen Langzeitdaten u. a. über den Behinderungsverlauf wird eine Sicherung der Ergebnisqualität in der Behandlung von MS-Betroffenen möglich. Hier folgt der Ärztliche Beirat der DMSG in seinen Empfehlungen der Arbeitsweise von etablierten „Zentren“ zur Behandlung anderer chronischer Erkrankungen, wie z. B. Diabetes mellitus, rheumatoide Arthritis oder Brustkrebs. Herr Dr. Weihe erkennt diese neuen Standards offenbar nicht an. Herr Dr. Weihe unterstellt weiter, dass die Therapie-Empfehlungen in den Leitlinien den Interessen der Industrie zuliebe erfolgen. Selbstverständliche Maxime für die Arbeit des Ärztlichen Beirates der DMSG sind Transparenz und Unabhängigkeit. Um dies zu untermauern und öffentlich zu dokumentieren, hat der Ärztliche Beirat eine Selbstverpflichtungserklärung erstellt, die von jedem einzelnen Mitglied unterzeichnet wird und auf der Homepage der DMSG veröffentlicht ist (www.dmsg.de/dokumentearchiv/freiwillige_selbstverpflichtungserklaerung09.08.2005.pdf). Uns allen ist bewusst, dass der medizinische Fortschritt in der Behandlung chronischer Erkrankungen nicht in Sprüngen, sondern in kleinen Schritten vorangeht. Der Beitrag von Herrn Dr. Weihe ist sowohl aufgrund vieler inhaltlicher Fehler als auch in seiner tendenziösen Art für den Leser verwirrend. Er birgt die Gefahr des Rückschritts in der Bemühung zur Verbesserung der Behandlung von Patienten mit multipler Sklerose in Deutschland in sich.
Literatur bei den Verfassern
Prof. Dr. Klaus V. Toyka, Vorsitzender des Ärztlichen Beirats der DMSG (Bundesverband),
Prof. Dr. P. Rieckmann, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der DMSG (Bundesverband),
Universitätsklinikum Würzburg,
Josef-Schneider-Straße 11, 97080 Würzburg
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