ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2006Joseph Beuys und die Heilkunde: Mahnende Zeichen der Vergänglichkeit

VARIA: Feuilleton

Joseph Beuys und die Heilkunde: Mahnende Zeichen der Vergänglichkeit

Murken, Axel Hinrich

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Abb. 1: Joseph Beuys: Die Kreuzschmerzen der Frau, 1973. Buch, Packpapier, Kamm, rote Plastilinmasse, Plastiktüte. 30 × 28,5 cm Fotos: Sammlung Murken/VG Bild-Kunst Bonn 2006
Abb. 1: Joseph Beuys: Die Kreuzschmerzen der Frau, 1973. Buch, Packpapier, Kamm, rote Plastilinmasse, Plastiktüte. 30 × 28,5 cm Fotos: Sammlung Murken/VG Bild-Kunst Bonn 2006
„Ich würde sagen: was ich praktiziere, ist ohne weiteres auf die Welt der Medizin zu übertragen.“ Joseph Beuys, 1972


Als Joseph Beuys vor 20 Jahren am 23. Januar 1986 in Düsseldorf starb, stand es außer Zweifel, dass mit ihm das 20. Jahrhundert einen der bedeutendsten Künstler verloren hatte. Der in den 60er- und 70er-Jahren gerade in seinem Heimatland und seiner Düsseldorfer Wirkungsstätte lange Zeit wenig anerkannte Künstler wurde zu seinen Lebzeiten spätestens seit der umfassenden Retrospektive seiner Werke im Guggenheim-Museum in New York 1979 in aller Welt diskutiert, geschätzt und präsentiert.
Seither gilt die internationale Bewunderung vor allem seiner weit greifenden künstlerischen Konzeption mit ihrem universellen und visionären Charakter. Joseph Beuys hat es wie kein anderer Künstler verstanden, mythologische, religiöse und heilkundliche Überlieferungen in seine Ideenwelt miteinzubeziehen und damit lebendig werden zu lassen. Zugleich hat er mit verformbaren organischen Stoffen sowie mineralischen und metallischen Elementen, wie Schwefel, Kupfer, Silber und Zink, gearbeitet. Darüber hinaus gehören zu seinem künstlerischen Repertoire auch Heilpflanzen und nicht zuletzt Utensilien aus dem Milieu des Arztes, wie
Tabletten, Tupfer, Verbandsstreifen und sogar medizinische Lehrbücher.
Schon in seinen Zeichnungen der 40er- und 50er-Jahre tritt ein ausgesprochen prozesshafter Charakter zutage in Themen wie Geburt, Krankheit, Sterben und Tod. Diese auf das Mitdenken und die
eigene Fantasie des Betrachters zielende Tendenz lässt sich kontinuierlich durch alle Phasen seines künstlerischen Schaffens verfolgen. Wie Friedrich Nietzsche hat er im Menschen „das kranke Wesen“ gesehen, das von seinen vorgefundenen Abhängigkeiten über eine Stärkung des Geistes und der Kreativität befreit werden muss. Allerdings baute er im Gegensatz zu Nietzsche auf der christlichen Heilslehre mit ihrem zentralen Bekenntnis zur Barmherzigkeit sein vielschichtiges Gedankengebäude auf.
Es lag nahe, dass sich damit folgerichtig Beuys auch mit der Medizin, die die Menschheitsgeschichte von Anfang an begleitet, ihrem Denken und Handeln, ihrer Moral und ihrer Ethik beschäftigt hat. Dabei rückten für einen so ganzheitlich orientierten Künstler besonders die Außenseiter der Medizin wie Paracelsus, Franz Anton Mesmer oder Samuel Hahnemann ins Zentrum seines Interesses.
Sie haben schon die Künstler, Dichter und Naturphilosophen der Romantik beeinflusst. Diese ganzheitlich denkenden Mediziner kann man ebenso wie den deutschen Arzt und Mystiker Angelus Silesius, den schwedischen Arzt und Chemiker Jens Jacob Berzelius, den gelernten Mediziner und Idealisten Friedrich Schiller und den Philosophen Nietzsche zu den geistigen Vätern von Joseph Beuys rechnen. Vor allem waren es aber die Dichtung und die Fragmente von Novalis, die in ihrer geistigen Ausrichtung einiges anklingen lassen, was Beuys zweihundert Jahre später weiterverfolgte und mit Leben zu erfüllen suchte.
Abb. 2: Joseph Beuys: Cuprum 0,3 % unguentum, metallicum praeparatum, 1978. Bienenwachs mit fein verteiltem Kupfer. 30 × 19 × 19 cm. Gewicht 2 000 g
Abb. 2: Joseph Beuys: Cuprum 0,3 % unguentum, metallicum praeparatum, 1978. Bienenwachs mit fein verteiltem Kupfer. 30 × 19 × 19 cm. Gewicht 2 000 g
In den Zeichnungen und Aquarellen wie etwa „Russische Krankenschwester“ (1943), „Zwei bandagierte Frauen“ (1949), „Kalb mit Kindern“ (1950), „Mann mit gläsernem Kindersarg“ (1950) oder „Contergankind“ (1963) mit ihren sensiblen, zarten Darstellungen klingt dieses für den Menschen existenzielle Spektrum motivisch unübersehbar an. Das Thema menschlicher Verwundbarkeit und Sterblichkeit hat dann in den 60er- und 70er-Jahren mit den Plastiken wie „Injektionsspritze mit Tonklumpen und Streichholzschachtel auf Tannennadeln“ (1963), „Hasengräber“ (1963– 1967), „Zeige deine Wunde“ (1976) oder „Cuprum 0,3 % unguentum metallicum praeparatum“ (1978) eine noch höhere Steigerung erfahren.
Ohne ihre heilkundlichen Bezüge sind diese Werke in ihrer ganzen Dimension kaum zu entschlüsseln. Schließlich zieht er in seinem Alterswerk noch einmal in den grafischen Zyklen „Suite Schwurhand“ (1980) „Suite Zirkulationszeit“ (1983) und „Tränen“ (1985) eine Bilanz seiner Sujets und Motive. In den 80er-Jahren entstehen auch noch die großen, thematisch mit der Heilkunde verbundenen Installationen „Schmerzraum“ (1983) und „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ (1984). Es ließe sich in diesen Beuysschen Werken durchaus beispielhaft eine Parallele zum biblischen Gleichnis des „Barmherzigen Samariters“ finden. Allerdings hebt Beuys diese christliche Parabel auf eine ganzheitliche, Leib und Seele einbeziehende Ebene, indem er die Gestalt des Samariters symbolisch mit der des Schamanen verschmilzt. Dem „beschädigten“ Leben hat er so ein holistisches Heilkonzept gegenüberzustellen versucht, in dem Mensch und Tier, Bäume und Pflanzen in einer der Natur gemäßen Harmonie zusammenleben, sodass allen lebendigen „Wesen“ schöpferischer Freiraum gewährt werden kann.
Ein breit gefasstes Spektrum von Symbolen und Metaphern
In dem Werk „Die Kreuzschmerzen der Frau“ (1973) (Abbildung 1) steht der Schmerz mit seinem leib-seelischen Geflecht im Mittelpunkt eines kleinen, dreidimensionalen Kunstwerkes. Geht man bei diesem von einer „Plastik“-Tüte zusammengehaltenen Objekt ins Detail, so erkennt man links neben dem Lehrbuch „Die Kreuzschmerzen der Frau“ des Gynäkologen Heinrich Martius (1885– 1965), ein medizinischer Klassiker seiner Zeit, einen gelben Kamm sowie den ovalen Ring aus Packpapier und die Vulva-ähnliche Skulptur aus roter Plastilinmasse. Dem weit verbreiteten gynäkologischen Lehrbuch eines Schulmediziners, das mit Buntstiften vom Künstler leicht bearbeitet worden ist, stehen drei, an den Rand gedrängte Teile gegenüber, die wie archaische Fetische wirken. Darüber hinaus erinnern der Kamm, die dunkelrote Plastikform und das Papieroval auch an Votivgaben für Fruchtbarkeit.
Abb. 3: Der Schamane,1984, Siebdruck auf Karton, 90 × 62,5 cm
Abb. 3: Der Schamane,1984, Siebdruck auf Karton, 90 × 62,5 cm
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Die Beuyssche Plastik „Cuprum 0,3% unguentum metallicum praeparatum“ entstand im Jahr 1978 im Zusammenhang mit dem Buch „Joseph Beuys und die Medizin“, dessen Konzeption der Künstler aufmerksam mitverfolgt hat. In dieser Skulptur sind mythologisches, religiöses sowie medizinisches Ideengut und Wissen konzentriert eingeflossen (Abbildung 2). Der Name des an einen weiblichen Torso erinnernden kubischen Werkes aus gehärtetem Bienenwachs mit Kupferpartikeln geht auf eine Wundsalbe aus der Apotheke der Homöopathen zurück, während die reliefartige Gestaltung der Vorderfront uralte chiffrierte Symbole aufzeigt. Wenn man sie näher in Augenschein nimmt, so bieten sich unterschiedliche, ja ambivalente Möglichkeiten der Deutung an: die obere Vorwölbung imponiert als Halbmond, die darunter liegende Aushöhlung mit dem sie umgebenden erhobenen Kreis als Flamme oder als Opferschale, als Phallus oder als weibliches Geschlecht.
Unter den fünf Doppelobjekten von „Zeige deine Wunde“, installiert in der katakombenartigen Unterführung der Maximilianstraße in München, fallen neben den beiden „Sendern“ an der nackten Betonwand die beiden rohen und kalten Bahren schockierend in den Blick. Darunter stehen die mit Fett angefüllten Zinkbehälter, auf denen ein Vogelschädel, ein Reagenzgläschen und ein Fieberthermometer liegen. In einiger Entfernung findet man die beiden beschrifteten Tafeln mit dem imperativen Schriftzug „Zeige deine Wunde“. Die erschrekkende Unmittelbarkeit und ungewöhnliche Präsentation im Untergrund einer Großstadt, später auch in dem musealen Rahmen des Münchener Lenbachhauses, schaffen eine Fülle von nachdenklichen Überlegungen, deren Stichworte, wiederum dem Polaritätsprinzip folgend, Leid und Erlösung sind.
Es vollzieht sich bei der Begehung und Betrachtung dieser Beuysschen Installationen ein überraschendes Zusammenspiel von unterschiedlichen Objekten aus dem Umfeld der von den Naturwissenschaften geprägten Pathologie und den noch weiter im Raum verteilten einfachen Geräten aus praktischer bäuerlicher Tätigkeit. Diese Installation bietet in ihrer strengen Komposition eine breite Palette von Interpretationen an. Sicherlich sind Anspielungen auf prähistorische Totenkulte ebenso wie auf die christliche Eucharistie unverkennbar in diesem Ensemble zu studieren. Insgesamt wirkt dieses Beuyssche Raum greifende Werk wie eine Apotheose des 20. Jahrhunderts, in der das Elend und das Leid dieser von zwei brutalen Weltkriegen gekennzeichneten Epoche erschreckend direkt und mysteriös zugleich offenbar werden.
Der Memento-mori-Charakter, der in einzelnen Objekten ebenso wie in den weiträumigen Installationen zutage tritt, ist kaum zu übersehen. Dabei verwendet Beuys ein breit gefasstes Spektrum von Symbolen und Metaphern: ob in der Figur des Elches oder des Hasen, ob in der mythologischen Figur der Iphigenie, in der Goethe sein Humanitäts-
ideal verkörpert sah, oder in dem legendären baskischen Ort Manresa, an dem der heilige Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, seine mystischen Erlebnisse hatte, man kann fast alle Arbeiten in ihrer Thematik und ihrer Materialität sowohl im kultischen wie auch im liturgischen Sinn als mahnende Zeichen der Vergänglichkeit sehen.
Daraus ergibt sich fast logisch die Konsequenz, dass erst die Bewusstmachung des menschlichen Schicksals zu höherer Geistigkeit führen kann. Dabei ist es gut verständlich, dass der Künstler in allen Phasen seines künstlerischen Schaffens immer wieder auf den „Heilsbringer“, sei es in der Figur des Schamanen, des christlichen Missionars oder des Arztes, zurückgekommen ist (Abbildung 3).

Literaturnachweise beim Verfasser

Prof. Dr. med. Dr. phil. Axel Hinrich Murken

Die Ausstellung „Heilkräfte der Kunst – Werke von Joseph Beuys in der Sammlung Axel Heinrich Murken“, war bis Mitte März im museum kunst palast, Düsseldorf, zu sehen. Im Museum Wiesbaden wird sie vom Oktober bis Februar 2007 zu sehen sein. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog „Heilkräfte der Kunst“, 70 Seiten, sechs Schwarzweiß- und 55 Farbabbildungen. Verlag Murken-Altrogge, Herzogenrath, 24 Euro.

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