ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2006Merck + Schering: Kleiner Riese

VARIA: Wirtschaft

Merck + Schering: Kleiner Riese

Jachertz, Norbert

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Foto: dpa
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Was bringt eine Übernahme den Beteiligten und dem medizinischen Fortschritt?

Die Frage, wem es nützt, wenn Merck-Darmstadt Schering-Berlin kauft (DÄ, Heft 11/2006), kann kurz beantwortet werden. Die Begründung dauert etwas länger. Der klare Gewinner ist Merck. Die Schering-Aktionäre machen den schnellen Euro. Schering als Unternehmen zieht dagegen den Kürzeren. Seine Firmenkultur geht in der von Merck auf. Dem medizinischen Fortschritt bringt das Zusammengehen nichts.
Das alles tritt ein, wenn es tatsächlich zur Übernahme kommt. Zurzeit wird um den Kaufpreis gepokert. Merck bietet 15 Mrd. Euro, hoch, aber fair. Der Preis könnte steigen, wenn der sagenhafte „weiße Ritter“ – im Gerede ist Bayer – auftreten sollte. Für Schering wäre das Ergebnis unter dem Strich gleich. Statt von Merck würden die Berliner von einem anderen geschluckt.
Merck profitiert, weil die Pharma-Produktpalette arrondiert werden kann. Denn Schering bringt seine Hormonpräparate („Pille“ in vielen Varianten) ein, außerdem Betaferon. Dessen Patente laufen zwar in spätestens zwei Jahren ab, aber für Merck könnte daraus ein interessantes Generikum werden. Und Generika stehen bei den Darmstädtern nach wie vor hoch im Kurs, im Unterschied zu Schering, das konsequent auf ethische Präparate gesetzt hat. Ob Merck mit dem kleinen und feinen Geschäft der Berliner mit Kontrastmitteln etwas anfangen kann, steht dahin. Das Geschäft mit Onkologika wird nach einem Kauf grundsätzlich überdacht werden müssen. Es gibt Überschneidungen. Schering hat im vergangenen Jahr einige Rückschläge einstecken müssen, insbesondere PTK/ZK (Indikation Kolorektales Karzinom) erwies sich in Phase III als schwach. Merck hat hingegen für die gleiche Indikation Erbitux bereits eingeführt, ein Glücksfall für die Firma, weil der bisherige „Renner“, das Diabetesmittel Glucophage, 2002 aus dem Patentschutz herausfiel.
Erbitux kommt von der US-Firma Imclone, die sich auch den Vertrieb in den USA und in Kanada weiter vorbehält. So wie Erbitux nicht aus der Merck-Forschung hervorging, so Betaferon, das umsatzstärkste Schering-Präparat, nicht aus der Schering-Forschung. Lizenzgeber ist vielmehr Chiron. Die Firma soll von Novartis übernommen werden. Schering (und demnächst vielleicht Merck als Rechtsnachfolger) hat jedoch die Option, die gesamten Rechte an Betaferon zu erwerben, falls Chiron an Novartis geht. Im Februar erklärte Schering noch, die Option wahrnehmen zu wollen. Zum Preis wollte man sich nicht äußern.
Merck setzte 2005 knapp 5,9 Mrd. Euro um, davon etwa 3,9 mit Pharmaka (ethische Präparate, Generika, Mittel zur Selbstmedikation). Der Rest betrifft die Chemie, insbesondere Flüssigkristalle. Ein bunter Strauß. Scherings Umsatz von 5,3 Mrd. Euro hingegen betrifft fast ausschließlich Arzneimittel. Die Zahlen deuten auf gegensätzliche Firmenphilosophien in Berlin und Darmstadt hin. Die wirklich interessante Frage jenseits der aktuellen Finanzspekulationen ist deshalb, ob es gelingt, aus den beiden Unternehmen ein einheitliches Ganzes zu machen. Dazu ist bisher wenig zu hören. Es wäre Sache von Merck, mit einem überzeugenden Konzept hervorzutreten. Bisher gibt es nur vage Äußerungen. Ein großer deutscher Pharmaplayer solle kreiert, auch sollen Synergien genutzt werden. Die erschöpfen sich nach aller Erfahrung im Abbau von Personal, Faustregel zehn Prozent. Die addierte Mitarbeiterzahl der beiden Unternehmen beläuft sich auf rund 54 000.
Und der große Player? Merck und Schering kommen auf zusammen 9,2 Mrd. Pharmaumsatz. Das entspricht etwa dem Pharmabereich von Bayer (9,4 Mrd.). Zum Vergleich: Pfizer, das bei Redaktionsschluss größte Pharmaunternehmen der Welt, kommt auf 43,3 Mrd., Glaxo-Smith-Kline auf 31,5 Mrd. und Sanofi-Aventis auf 27,3 Mrd. (alle Zahlen in Euro). Merck + Schering wäre somit ein eher kleiner Riese.
Weiteres Wachstum stößt bei einem Familienunternehmen – 73 Prozent von Merck gehören der Familie – schnell an Grenzen. Schon die Übernahme von Schering führt dazu, dass der Familienanteil am Merck-Kapital auf etwa 53 Prozent zurückgeht. Künftige Expansion kann zum Verlust der Mehrheit führen. Die Alternative, Gewinne im Unternehmen zu lassen, wäre für 130 hungrige Merck-Abkömmlinge wenig reizvoll.
Dubiose Zahl von 800 Millionen Dollar
Größe bedeutet ohnehin nicht Innovationskraft, wie manche Großen beweisen, aus deren Pipeline es nur tröpfelt. Die echten Neuentwicklungen kommen zumeist von relativ kleinen Unternehmen, vorwiegend der Biotechnologie. Das auch jetzt wieder bemühte Argument, große Einheiten seien nötig, weil Pharmaforschung so viel koste, ist mit Vorsicht zu genießen. Die Zahl von 800 Millionen Dollar, die dieser Tage wieder durch den Blätterwald rauschte, ist dubios, wie Marcia Angell, die frühere Chefredakteurin des New England Journal, kürzlich nachgewiesen hat. Sie kommt, jedenfalls für den US-Markt, auf Kosten, die „deutlich unter 100 Millionen Dollar“ liegen. Für den medizinischen Fortschritt bringen große Zusammenschlüsse somit wenig. Merck und Schering können folglich sowohl zusammen wie auch je für sich innovativ sein. Oder auch nicht. Norbert Jachertz
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