ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2006Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft – „Aus der UAW-Datenbank“: Immunthrombozytopenie nach Gabe von Oxaliplatin

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft – „Aus der UAW-Datenbank“: Immunthrombozytopenie nach Gabe von Oxaliplatin

Dtsch Arztebl 2006; 103(12): A-806 / B-686 / C-662

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LNSLNS Zu den Aufgaben der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) gehören die Erfassung, Dokumentation und Bewertung von unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW). Die AkdÄ möchte Sie regelmäßig über aktuelle Themen aus der Arbeit ihres UAW-Ausschusses informieren und hofft, Ihnen damit wertvolle Hinweise für den Praxisalltag geben zu können.
Das Zytostatikum Oxaliplatin (Eloxatin®) gehört zu einer neuen Klasse von Platinderivaten (3. Generation) und ist zur adjuvanten Behandlung eines Kolonkarzinoms des Stadiums III (Dukes C) nach vollständiger Entfernung des primären Tumors und zur Behandlung des metastasierten kolorektalen Karzinoms, jeweils in Kombination mit 5-Fluorouracil (5-FU) und Folinsäure (FS), zugelassen (1).
Dosislimitierend ist die Neurotoxizität (periphere sensorische Neuropathie), die sich von der Neurotoxizität der anderen Platinderivate (Cisplatin, Carboplatin) deutlich unterscheidet, vor allem durch Dysästhesien und/oder Parästhesien der Extremitäten mit oder ohne Krämpfe charakterisiert ist, und häufig über mehrere Monate anhält.
Weitere, sehr häufige unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) sind gastrointestinale Störungen (vorwiegend Übelkeit, Erbrechen und Diarrhoe) und Hämatotoxizität (Anämie, Neutro- und Thrombozytopenie) (2). In der Fachinformation wird auch auf gelegentlich (bei Monotherapie) oder häufig (in Kombination mit 5-FU und FS) auftretende allergische Reaktionen sowie seltene Fälle von Immunthrombozytopenie und autoimmunhämolytische Anämie (AIHA) hingewiesen (1).
Im deutschen Spontanmeldesystem (gemeinsame Datenbank von BfArM und AkdÄ, Stand 24. 11. 2005) finden sich 442 Meldungen zu Oxaliplatin, davon betreffen 20 eine Hämolyse (4,5 Prozent) und 24 eine Thrombozytopenie (5,4 Prozent).
In einer aktuellen Meldung wurde der AkdÄ der Verdacht auf eine Immunthrombozytopenie bei einem 64-jährigen männlichen Patienten mit kolorektalem Karzinom berichtet, der mit 5-FU, FS und Oxaliplatin behandelt wurde. Anlässlich der Applikation des siebten Zyklus wurden Fieber (38° C), Schüttelfrost und ein Thrombozytenabfall beobachtet (Angaben zu absoluten Thromboyztenwerten fehlten leider ebenso wie Angaben zu klinischen Blutungszeichen). Nach drei Tagen waren die Thrombozytenwerte wieder spontan angestiegen. Bereits nach dem sechsten Therapiezyklus war es zu einem Thrombozytenabfall innerhalb von Stunden nach Infusion von Oxaliplatin gekommen, wobei sich die Thrombozytenwerte eine Woche später spontan normalisierten. In der UAW-Meldung wird weiterhin über eine Leukozytose und einen positiven Coombs-Test, allerdings ohne Hinweise auf eine AIHA, berichtet.
In den letzten Jahren sind mehrere Kasuistiken über das Auftreten Oxaliplatin-induzierter AIHA, Thrombozytopenien bzw. eines Evans-Syndroms (Kombination von AIHA und Immunthrombozytopenie) veröffentlicht worden (3–9). Auch eine Oxaliplatin-induzierte Panzytopenie wurde beschrieben (10). Es wird vermutet, dass es sich bei der wenige Stunden nach Gabe von Oxaliplatin auftretenden Zytopenie um eine medikamentenabhängige, immunologisch vermittelte Reaktion handelt. Diese Interpretation wird durch den Nachweis eines positiven direkten Coombs-Tests mit IgG-Spezifität unterstützt (3; 5; 10). Es wird beschrieben, dass die Patienten unter oder unmittelbar nach Infusion von Oxaliplatin über Unwohlsein, Kältegefühl und Schüttelfrost berichten, zum Teil auch über Fieber und Zeichen der hämorrhagischen Diathese (Petechien, Schleimhautblutungen). Die Gabe von Kortikosteroiden als Prämedikation zeigte bei einer Patientin mit plötzlich aufgetretener schwerer Thrombozytopenie keine Wirkung (8).
Das Risiko immunologisch vermittelter Zytopenien, die häufig erst nach mehreren Therapiezyklen mit Oxaliplatin auftreten, sollte bei Patienten, die Oxaliplatin erhalten, immer beachtet werden.
Bitte teilen Sie der AkdÄ alle beobachteten Nebenwirkungen (auch Verdachtsfälle) mit. Sie können dafür den in regelmäßigen Abständen im Deutschen Ärzteblatt auf der vorletzten Umschlagseite abgedruckten Berichtsbogen verwenden oder diesen aus der AkdÄ-Internetpräsenz www.akdae.de abrufen.

Literatur
1. Sanofi-Synthelabo GmbH: Fachinformation Eloxatin®. September 2004.
2. Cassidy J, Misset JL: Oxaliplatin-related side effects: characteristics and management. Semin Oncol 2002; 29: 11–20.
3. Chen VM, Thrift KM, Morel-Kopp MC, Jackson D, Ward CM, Flower RL: An immediate hemolytic reaction induced by repeated administration of oxaliplatin. Transfusion 2004; 44: 838–43.
4. Desrame J, Broustet H, Darodes de Tailly P, Girard D, Saissy JM: Oxaliplatin-induced haemolytic anaemia. Lancet 1999; 354: 1179–80.
5. Earle CC, Chen WY, Ryan DP, Mayer RJ: Oxaliplatin-
induced Evan’s syndrome. Br J Cancer 2001; 84: 441.
6. Sorbye H, Bruserud O, Dahl O: Oxaliplatin-induced haematological emergency with an immediate severe thrombocytopenia and haemolysis. Acta Oncol 2001; 40: 882–3.
7. Hofheinz RD, Nguyen XD, Buchheidt D, Kerowgan M, Hehlmann R, Hochhaus A: Two potential mechanisms of oxaliplatin-induced haemolytic anaemia in a single patient. Cancer Chemother Pharmacol 2004; 53: 276–7.
8. Dold FG, Mitchell EP: Sudden-onset thrombocytopenia with oxaliplatin. Ann Intern Med 2003; 139: 156–7.
9. Garufi C, Vaglio S, Brienza S et al.: Immunohemolytic anemia following oxaliplatin administration. Ann Oncol 2000; 11: 497.
10. Taleghani BM, Fontana S, Meyer O et al.: Oxaliplatin-induced immune pancytopenia. Transfusion 2005; 45: 704–8.
Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Herbert-Lewin-Platz 1, 10623 Berlin, Telefon: 0 30/40 04 56-5 00, Fax: 0 30/40 04 56-5 55, E-Mail: info@
akdae.de, Internet: www.akdae.de
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