ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2006Chronologie eines 24-Stunden-Dienstes: Der ganz normale Wahnsinn

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Chronologie eines 24-Stunden-Dienstes: Der ganz normale Wahnsinn

Schuchardt, Katrin

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Foto: Caro
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Sonntagmorgen, 9 Uhr, ein kommunales Krankenhaus mit 200 Betten, 80 davon internistisch: Eine Kollegin informiert mich über die in den letzten 24 Stunden aufgenommenen Patienten. Sie hat nur eineinhalb Stunden geschlafen und sieht müde aus. Ich denke noch, dass ich nach so einer Nacht rein statistisch gesehen endlich mal wieder einen ruhigen Dienst haben müsste.
9.30 Uhr. Die 89-jährige Frau Schreiber von Station hat Luftnot und Brustschmerzen. Sie empfängt mich mit den Worten: „Frau Doktor, helfen Sie mir, bitte.“ Das EKG ist bei reinen Schrittmacheraktionen nicht verwertbar, dennoch zeigt das Troponin einen deutlichen Anstieg. Bei einer ausgeprägten Niereninsuffizienz wird eine maximale konservative Therapie eingeleitet.
Die Ambulanz piepst mich an: Der Notarzt warte mit Herrn Möller auf mich. Herr Möller biete eine wahnhafte Psychose und verweigere Nahrung und Flüssigkeit, ohne es zu bemerken. Als ich eintreffe, beschimpft er mich: Er wolle sofort heim. Dass er in der Rehaklinik getobt hat und er nach mehreren Beruhigungsspritzen Ruhe gab, weiß er nicht mehr. Nachdem er in Richtung Überwachungsstation unterwegs ist, eile ich auf Station Ost, wo eine 76-Jährige nur noch lallend spricht. Die Töchter sind in heller Aufregung. Als ich ankomme, bildet sich die Aphasie und Dysarthrie innerhalb von fünf Minuten zurück. Ich lasse mich ins Neurozentrum der nächstgelegenen Uniklinik verbinden. Da die Patientin rüstig ist, bietet man mir an, sie zu übernehmen. Die Töchter sind sehr dankbar. Schnell wird noch ein Brief geschrieben und der Transport organisiert.
In der Notaufnahme ist nun Herr Paul angekommen, der unter Marcumar, ASS und Plavix Blut abgesetzt hat und kollaptisch war. Zwischendurch werde ich von einer Frau angepiepst, die selbst Ärztin ist und seit dem Genuss einer Bratwurst Bauchschmerzen hat, die dem Protonenpumpeninhibitor trotzen. Ich wage keine Ferndiagnose und empfehle eine Vorstellung in der Klinik. Während Herr Paul seine Infusionen und Sauerstoff erhält und wir auf das Labor warten, wird die Endoskopie vorbereitet. Da die Leitstelle einen komatösen Patienten ankündigt, kann ich meinem Oberarzt nicht assistieren, sondern muss zurück in die Notaufnahme. Kurz vor dem Notarzt kommt ein 50-Jähriger mit Bauchschmerzen, der als nicht dringlich eingestuft wird und erst mal warten muss. Die Ambulanzschwester sagt, die Ärztin mit den Bauchschmerzen sei auch inzwischen eingetroffen. Wegen ihres guten Allgemeinzustands muss auch sie erst mal warten.
Der Notarzt bringt den angekündigten somnolenten 60-Jährigen nach einem wohl erstmaligen Krampfanfall. Ich lasse das CT frei machen und hoffe, dass der Krampfanfall erst mal sistiert. Auf dem Weg zum CT äußert der Patient plötzlich starke Kopfschmerzen. Er erbricht und beginnt erneut zu krampfen. Kurz darauf liegt der Patient beatmet im CT. Die Vermutung einer großen intrazerebralen Blutung bestätigt sich. Der Patient erhält vom intensivmedizinischen Kollegen noch einen arteriellen Zugang, während ich die Helikopter-Verlegung organisiere und den Brief schreibe. Die Angehörigen fragen nach den Chancen. Ich mache Mut, ohne zu viel zu versprechen.
Zurück in der Notaufnahme setzt mich die Schwester davon in Kenntnis, dass neben dem Mann mit Bauchschmerzen und der Kollegin mit Bauchschmerzen jetzt noch eine Frau mit Grippe wartet. Ich frage mich nur kurz, was eine Grippe-Patientin in der Notaufnahme zu suchen hat. Da erreicht mich ein erneuter Fernruf auf dem Piepser. Die Zentrale verbindet mit jener Kollegin, die nebenan im Wartezimmer sitzt. Sie fragt per Handy, ob ich Notfälle hätte, sie würde schon seit einer Stunde warten. Ruhig erkläre ich ihr, dass genau dies der Fall ist. Der Mann mit den Bauchschmerzen kann entlassen werden. Schnell will ich mir die Kollegin ansehen. Sie hat das Haus aber bereits verlassen. So widme ich mich der Grippe-Patientin, der mit Schmerzmitteln und Nasentropfen geholfen werden kann.
Nun ist es 14 Uhr, und die 78-jährige Frau Meier wird mit dem Rettungsdienst gebracht. Sie kann nur noch im Sitzen atmen. Bei einem bekannten schweren Klappenfehler, den sie nicht operieren lassen will, ist ihre Herzschwäche katastrophal. Ich versuche, ihr medikamentös Erleichterung zu verschaffen. Sie ist trotz Hörgerät nahezu taub. Aus ihrem letzten Entlassbrief geht hervor, dass man sich schriftlich mit ihr verständigen könne. Ich versuche es, aber Frau Meier winkt ab: „Vergessen Sie es, es hat keinen Sinn.“ Resigniert organisiere ich den Transport auf die Station.
Im Nebenzimmer wartet schon Frau Sen auf mich. Sie hat Kopfschmerzen. Darunter leidet sie dreimal wöchent-lich, aber diesmal wollen
die Schmerzen trotz Schmerztabletten nicht weggehen.
Ich diagnostiziere Spannungskopfschmerzen, erhöhe die Dosis der Analgetika und empfehle Massage und Krankengymnastik.
Ich mache eine Runde über die Stationen, lege schnell ein paar venöse Zugänge. Des Weiteren bittet mich eine Schwester, nach Herrn Haupt von Station Süd zu sehen, der während seiner Alkoholentgiftung alkoholisiert vom Spaziergang zurückkam. Herr Haupt ist vor wenigen Wochen aus disziplinarischen Gründen genau deshalb bei uns entlassen worden. Jetzt ist er wegen Entzugssymptomatik wieder da. Und er will meinen Ärger nicht verstehen. Dass unsere Medikamente mit Alkohol zusammen gefährlich sein können, scheint er noch eher zu begreifen als die Tatsache, dass wir ihn nicht entgiften können, wenn er nebenher trinkt. Mir berichtet er von „nur einem Bier“, der Schwester gegenüber gibt er einen Schnaps zu. Ich belasse es – aus Zeitmangel – bei einer Verwarnung.
Ich trabe zurück in die Notaufnahme. Dort wartet Herr Vogel mit Wadenschmerzen: eine (immerhin nur oberflächliche) Thrombose. Ebenfalls auf mich warten musste Fabian: Ein 21-Jähriger, der kerngesund scheint. Er klagt über atemabhängige Schmerzen. Weil er heiser klingt, denke ich zunächst an eine Rippenfellentzündung. Als ich mein Stethoskop auf seine Lungen setze, findet sich rechts fast kein Atemgeräusch. Die Sauerstoffsättigung ist 100 Prozent. Ungläubig veranlasse ich ein Röntgenbild. Es bestätigt sich ein großer Pneumothorax. Chirurgen und Anästhesisten stehen aber im OP. Da es Fabian gut geht, muss er monitorisiert einen Moment warten. Weil der Chirurg nicht da ist und wir Platz brauchen, versorge ich einer jungen Frau nebenher ihre Fingerschnittwunde. Nun ist der Raum frei für einen 45-Jährigen mit Bauchschmerzen. Nach eingehender Untersuchung muss auch er auf den Chirurgen warten. Möglicherweise eine retrozökal liegende Appendizitis – der Mann will nach Hause.
Es ist Abend geworden. Das Pflegeheim schickt Frau Weiher: eine rüstige alte Dame mit Verdacht auf Anämie und sehr geschwächt. Frau Weiher will nicht bei uns bleiben. Sie muss aber zugeben, dass sie hier vielleicht besser aufgehoben ist, weil sie vor Schwäche seit einigen Tagen kaum mehr alleine aufstehen kann.
Der Notarzt wird wieder vorstellig. Diesmal bringt er einen sehr verwahrlosten Mittfünfziger, der einen Alkoholentzugskrampf erlitten hat und sich nach 30 mg Diazepam durch den Hausarzt jetzt in einem Zustand zwischen postiktal und sehr sediert befindet. Auf starke Schmerzreize bewegt er nur die rechte Körperhälfte. Da seine Sauerstoffsättigung die 72 Prozent kaum mehr überschreitet, bitte ich den Anästhesisten, mir bei der Intubation beizustehen, damit das CT gefahrlos durchgeführt werden kann. Selbiges bleibt unauffällig, wir vermuten eine Toddsche Parese und bringen den Patienten intubiert und beatmet auf die Intensivstation.
Nebenher hatte sich Herr Mohammed, den ich auf Anfang 60 schätze, immer wieder durch lautes Stöhnen und eine Bauchlandung auf der Untersuchungsliege in den Ambulanzbetrieb eingemischt. Ein kurzer Blick des Oberarztes vermittelte uns, dass er dennoch nicht akut vital gefährdet war. Als ich bei ihm ankomme, klagt er über Schwindel und Grippe. Nach dem Ausstellen einer Krankmeldung nimmt er nicht einmal mehr das von mir angebotene Parazetamol, sondern zieht eiligst von dannen.
Nun ist Herr Bäumle dran. Sein Bett war vor dem OP abgestellt worden, weil die Ambulanz überfüllt ist. Herr Bäumle ist 40 Jahre alt und hat in Ermangelung von Wodka zwei Flaschen Rasierwasser getrunken. Nachdem er daraufhin massiv erbrechen musste und seinen Hausarzt hierüber informierte, sah dieser sich gezwungen, ihn erneut zu hospitalisieren. Ich frage Herrn Bäumle, ob er diesmal bereit sei, im Anschluss an die Entgiftung eine Entzugstherapie mitzumachen. Er ist dieses Jahr schon mehrfach bei uns gewesen. Einmal hatte er Franzbranntwein getrunken und einmal Brennspiritus. Jetzt will er unserem Vorschlag folgen und die Therapie nahtlos anschließen. Die Giftzentrale versichert mir, dass bei genanntem Rasierwasser keine gravierenden Folgen zu erwarten sind. Ich schicke Herrn Bäumle auf die Station.
Es ist 23 Uhr. Der 19-jährige Mario klagt über Durchfall seit einem Monat. Er sei nervös. Warum, will er mir zunächst nicht verraten. Als ich den Vater, der vor der Tür lauschte, wegschicke, berichtet er, dass seine Freundin ihn verlasse habe und seine Eltern ständig über ihn wachten. Er fühlt sich unruhig und kann schlecht schlafen. Die Blutentnahme verweigert er, sodass ich eine Schilddrüsenproblematik nicht ausschließen kann. Er wird mit Baldrian und der Maßgabe, den Hausarzt zu konsultieren, entlassen.
Auf Station bittet mich die Nachtschwester, nach Herrn Amthal zu sehen. Er sei sehr schläfrig und verlangsamt. Ein Blick in die Kurve verrät mir, dass Herr Amthal innerhalb von 72 Stunden um mehr als fünf Kilo leichter geworden ist. Ich diagnostiziere den Zustand einer Exsikkose.
Die Notaufnahme ruft schon wieder. Ein 13 Monate altes Kind wird mir mit Ausschlag vorgestellt. Dieser verfärbt sich zunehmend livide, die Temperatur liegt bei 39,6 Grad Celsius. Das Kind hat Ödeme an Armen und Beinen. Da an unser Haus keine pädiatrische Abteilung angeschlossen ist, halte ich Rücksprache mit der 30 Kilometer entfernten Kinderklinik. Dort ist man meiner Meinung: Das Kind muss sofort kommen.
Es ist ein Uhr nachts: Ein siebenjähriger Junge wird von den Eltern gebracht. Er sei vor Bauchschmerzen aus dem Schlaf aufgewacht. Die Schmerzen sind im linken Unterbauch. Der Junge bewegt sich vor Schmerzen kaum. Die Blutentnahme wird zur Zerreißprobe: Die Venen sind einwandfrei, aber meine Ohren wollen um diese Uhrzeit nichts mehr mit solchen Frequenzen – der Junge schreit unaufhörlich – zu tun haben. Als der Chirurg aus dem OP kommt, lacht das Kind wieder und erklärt, die Schmerzen seien fort. Geduldig erklärt mein Kollege das Prinzip einer Invagination oder Torsion und empfiehlt bei erneutem Auftreten das Anfahren einer Kinderklinik. Als die Familie fort ist, berichtet er mir noch von der erfolgreichen Thoraxdrainage bei Fabian, der nun auf der chirurgischen Station untergekommen ist.
Es piepst erneut: Ich werde nochmals zu Frau Meier gerufen. Frau Meier hat trotz maximaler Bemühungen nichts ausgeschieden und sitzt senkrecht nach Luft ringend im Bett. Ich entscheide mich für einen Lasixperfusor, Morphin und Nitro und versuche nochmals, ihr Mut zuzusprechen. Da dies nicht gelingt, bleibe ich ein paar Minuten bei ihr sitzen und halte ihre Hand. Als das Morphin wirkt, wird sie ruhiger.
Es ist jetzt zwei Uhr nachts. Meine Tagesration Nahrung habe ich mir gegen 23 Uhr einverleibt. Ich denke erneut: Der Statistik nach müsstest du jetzt wenigstens vier Stunden schlafen können. Diesmal hat die Statistik Erbarmen. Die vier Stunden gehören mir. Ich träume fast die ganze Zeit von der Klinik: mäßig erholsam.
Als der Wecker klingelt, geht es schnell unter die Dusche und dann erneut auf Station: Blut abnehmen, Infusionsnadeln legen, Problempatienten anschauen. Frau Meier hat weiterhin nichts ausgeschieden. Es scheint wenig aussichtsreich für ihre Genesung, aber sie schläft jetzt ruhiger. Wir treffen uns zur Übergabe auf der Intensivstation. Dem Mann mit der Blutung geht es nach Unterspritzung mit Supra besser, jener mit dem Entzugskrampf ist weiterhin beatmet, und der Psychotiker hat die Intensivstation die ganze Nacht mit seinen Verschwörungstheorien beschäftigt. Es folgt die Besprechung, in der die Neuzugänge auf Normalstation berichtet werden. Jetzt steht noch die normale Visite an. Matt bemühe ich mich um ein patientenorientiertes Vorgehen. Ein Patient sagt: „Sie sind ja immer noch da.“ Um zwölf Uhr mittags verlasse ich die Klinik. Einmal mehr bin ich der Ansicht, dass die Fristverlängerung zur Umsetzung der EU-Arbeitszeitrichtlinie keine gute Idee ist. Dr. med. Katrin Schuchardt
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