ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2006Symposium zur Wirksamkeit von Rehabilitation: Zu wenig Kenntnisse

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Symposium zur Wirksamkeit von Rehabilitation: Zu wenig Kenntnisse

Rieser, Sabine

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Auf dem Weg zu mehr Beweglichkeit: Ein Patient trainiert in der Klinik Bergmannstrost in Halle/Saale. Foto: Frommann/laif
Auf dem Weg zu mehr Beweglichkeit: Ein Patient trainiert in der Klinik Bergmannstrost in Halle/Saale. Foto: Frommann/laif
Es mangelt an kontrollierten Studien, an Erhebungen über längere Zeiträume und zum Teil am Wissen der Ärzte.

Rehabilitation geht vor Rente, Pflege oder Chronifizierung einer Krankheit – diesem Ziel stimmen wohl alle zu, die im Gesundheitswesen tätig sind. Doch das verbreitete Verständnis von Reha als eine Schlussmaßnahme engt ihr Potenzial ein und führt dazu, dass die mit Rehabilitation Befassten zu spät in Behandlungsprozesse eingebunden werden. Diese Auffassung vertrat Prof. Dr. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK, bei einem Symposium der Deutschen Rentenversicherung Bund (vormals BfA) in Berlin. Dort debattierten Mitte März Fachleute über Wirksamkeit und ökonomischen Nutzen von Rehabilitation.
Rebscher verwies darauf, dass es mittlerweile konkurrierende Ansätze zur „klassischen“ Rehabilitation gibt. So sind im Rahmen von Verträgen zur Integrierten Versorgung (IV) oder durch Einzelverträge Rehabilitationseinrichtungen stärker in Behandlungsabläufe eingebunden. Als Beispiel nannte er IV-Verträge der DAK für Hüftoperationen. Zu den Vorgaben gehört, dass Patienten bereits vor einer Operation in der Reha-Einrichtung erfahren, was dort mit ihnen passieren wird und wie sie sich besser vorbereiten können, zum Beispiel indem sie abnehmen und üben, sich mit Gehhilfen zu bewegen.
Dr. Axel Reimann, Direktor der Deutschen Rentenversicherung Bund, stimmte Rebscher zu: Welche Möglichkeiten Reha-Maßnahmen böten, sei niedergelassenen Ärzten noch nicht ausreichend vermittelt. Dabei zeigten Untersuchungen, dass sich der Gesundheitszustand durch Reha verbessert und diese Wirkung für viele Betroffene mittel- und langfristig anhält. Beispielhaft erläuterte Reimann die Effekte einer Patientenschulung bei Morbus Bechterew sowie die Ergebnisse einer Studie zur medizinisch-beruflichen Orientierung in der Orthopädie.
Der Reha-Bedarf ist höher als die Anträge suggerieren
Gleichwohl ist die Anzahl der Anträge auf medizinische Rehabilitation bei der Deutschen Rentenversicherung im Jahr 2005 auf knapp 1,3 Millionen gesunken (2002: mehr als 1,4 Millionen Anträge). Ursache hierfür ist vor allem die angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt. Die Zahl der Bewilligungen sank im gleichen Zeitraum von rund 950 000 auf 880 000. Die Diskrepanz zwischen Antrags- und Bewilligungszahlen resultiert daraus, dass eine Reha-Maßnahme von der Deutschen Rentenversicherung Bund nur bewilligt wird, wenn eine erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigung oder eine längere Arbeitsunfähigkeit vorliegt. An Geld mangele es nicht; die Reha-Mittel seien nicht ausgeschöpft, betonte Reimann. Er ist überzeugt: „Der Reha-Bedarf ist höher, als es sich bei uns auf der Antragsseite zeigt.“
Über die Ergebnisse einer Studie zur Wirksamkeit und zum Nutzen psychosomatischer Rehabilitation für Patienten in drei Kliniken berichtete Prof. Dr. Rolf Meermann, Bad Pyrmont. Verglichen wurden unter anderem der Umfang an Arztkontakten, Arzneimittelverbrauch und Arbeitsunfähigkeitstagen vor der Reha-Maßnahme, kurz danach und erneut nach zwei Jahren. Die Zahl der Kranken­haus­auf­enthalte reduzierte sich ebenso wie die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage und die Menge an Medikamenten. Anhaltend positive Effekte zeigten sich auch bei den psychosomatischen Symptomen. „Die Stressverarbeitung wurde aber kaum gebessert“, berichtete Meermann.
Prof. Dr. Ulla Walter, Hannover, wies darauf hin, dass Schulungsmaßnahmen bei rheumatisch-orthopädischen Erkrankungen den Patienten nutzen und sich rechnen. Sie sollten deshalb verstärkt eingesetzt werden. Trotz verbesserter Forschungsergebnisse durch die Reha-Verbünde fehlten jedoch kontrollierte Studien zur Wirksamkeit von Reha. „Wir haben zu wenig Daten von Reha gegen den Rest der Welt“, ergänzte Prof. Dr. Jürgen Wasem, Essen. Dazu umfassen die meisten Studien nur Zeiträume von sechs bis zwölf Monaten. Welche Kosten dauerhaft durch erfolgreiche Reha vermieden werden, wird so nicht erhoben. Sabine Rieser
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