ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2006Evidenzbasierte medikamentöse Therapie der Alzheimer-Erkrankung: Falsch behandelt?
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LNSLNS Zunächst las ich diesen Artikel mit zunehmend schlechtem Gewissen und wachsendem Unbehagen: Hatte ich tatsächlich einen Teil meiner Alzheimer-Patienten falsch behandelt, wenn ich den Cholinesterasehemmer absetzte, sobald sich der MMST-Score unter der Behandlung um 3 bis 5 Punkte verschlechterte? Die Autoren vertreten die Meinung, dass „unabhängig vom Therapieerfolg [...] die Behandlungsindikation für jeden Patienten bestehen (bleibt), der die Rahmenbedingungen der Studien erfüllt, weil evidenzbasierte Medizin nur Aussagen über den Effekt einer Behandlung in Gruppen von Patienten macht [. . .].“ Heißt das, man versucht keine erfolgsorientierte, sondern eine diagnoseorientierte Behandlung? Und gilt dies auch für andere chronische Erkrankungen, wie die arterielle Hypertonie oder den Diabetes mellitus, bei denen das Medikament weiter eingenommen werden sollte, ganz gleich, ob sich darunter Blutdruck oder Blutzucker bessert oder nicht? Stellt die Verlaufsdokumentation mittels MMST unter Alzheimer-Behandlung nicht einen wirksamen Algorithmus dar, um einen Behandlungserfolg oder -misserfolg widerzuspiegeln? Was bedeutet der Ausdruck „evidenzbasiert“ für die Verordnung eines Cholinesterasehemmers, wenn die Erkrankung das Stadium „schwere Demenz“ (= MMST < 10 Punkte) erreicht hat? Sollte man dann einfach die Indikationsverbindlichkeiten außer acht lassen, nur weil eine Handvoll Experten die Weiterverordnung entgegen der vorhandenen Fachinformation empfehlen? Und andererseits: Warum soll der Eintritt von Bettlägerigkeit ein limitierender Faktor für die fortlaufende Behandlung sein? Bettlägerigkeit kann doch unabhängig vom demenziellen Zustand des Patienten auf einer anderen Erkrankung beruhen und ist kein diagnostisches Kriterium für die Zuordnung zu einer leichten, mittelschweren oder schweren Alzheimer-Krankheit.
Zum Schluss des Artikels machte sich Unmut breit, als ich las, dass fünf der Koryphäen Studienunterstützung und Vortragshonorare einschlägiger Pharmaunternehmen entgegennehmen. Die drei verbliebenen Autoren erklärten hingegen, dass kein Interessenkonflikt für sie im Sinne wissenschaftlicher Richtlinien bestehe, sodass ich mich natürlich frage, ob dies auch für die fünf Erstgenannten gilt. Hat hier die normative Kraft der suggestiven Einflussnahme die Feder geführt? Oder bin ich einfach nicht klug genug, um die tiefere Botschaft des Artikels zu erfassen? Da für mich viele Fragen offen geblieben sind, bitte ich die Autoren hierzu um Stellungnahme.
Dr. med. Sigrid Planz-Kuhlendahl
Aliceplatz 7
63065 Offenbach
E-Mail: planz-kuhlendahl@t-online.de

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