ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2006Evidenzbasierte medikamentöse Therapie der Alzheimer-Erkrankung: Naiver Trugschluss
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LNSLNS Die Studien zu den Alzheimer-Medikamenten Donezepil, Rivastigmin, Galantamin und Memantin würden die höchste Evidenzstufe erfüllen, so schlussfolgern Riepe et al. in ihrem vom Kompetenznetz Demenz finanzierten Beitrag. Die Autoren beklagen, dass nur etwa 20 Prozent der leicht bis mittelschwer von der Alzheimer-Erkrankung Betroffenen mit einem cholinerg wirkenden Medikament behandelt würden. Dabei seien signifikante Therapieeffekte in etlichen Studien und Cochrane-Reviews dokumentiert. Einsparungen im Gesundheitssystem seien nicht zulasten geistig Beeinträchtigter und damit wenig wehrhafter Mitbürger auszutragen. Letzterer Aussage stimmen wir vorbehaltlos zu. Ansonsten liegt dem Aufsatz jedoch ein naiver Trugschluss zugrunde: Evidenzbasierte Medizin wird als Hierarchisierung von Studiendesigns fehlinterpretiert. Ganz oben an der Spitze der wissenschaftlichen Beweiskraft ist demnach die Metaanalyse aus randomisiert-kontrollierten Studien angesiedelt, ungeachtet der methodischen Qualität der klinischen Studien und der klinischen Relevanz der Ergebnisse. Kaduszkiewicz et al. (1) haben kürzlich unter Anwendung rigoroser Beurteilungskriterien die mangelhafte Qualität der randomisiert-kontrollierten Studien zu Cholinesterasehemmern festgestellt. Die Cochrane Reviews zum Thema haben die methodische Qualität der Einzelstudien nur unzureichend gewürdigt. Auch von robusten, klinisch relevanten Effekten der Alzheimer-Medikamente kann nicht die Rede sein. Vielmehr berichten die Wirksamkeitsnachweisstudien von geringfügigen Verbesserungen der auf psychometrischen Skalen erhobenen Werte. Gewinne in Höhe von 1,5 bis 3,9 Punkten auf dem ADAS-Cog (Skala 0 bis 70 Punkte) sind zu verzeichnen. Die Ergebnisse, auch wenn sie statistisch hoch signifikant sein mögen, liegen unter dem, was Experten konsensuell als Minimum klinischer Relevanz definieren. Dem fehlenden Nutzen sind die nicht unerheblichen unerwünschten Wirkungen gegenüber zu stellen (1).
Entgegen den Behauptungen von Riepe et al. ist die Verordnung aus Sicht der evidenzbasierten Medizin überaus strittig. So strittig, dass das britische National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) angekündigt hat, aufgrund der unzureichenden Beweislage zum Nutzen der Cholinesterasehemmer auf klinisch relevante Endpunkte seine Verschreibungsempfehlung zurückzunehmen (2). Die derzeit in Durchführung befindliche Bewertung von Cholinesterasehemmern, Ginkgo und Memantin durch das IQWIG (3) wird von uns mit Spannung erwartet.
Literatur
1. Kaduszkiewicz H, Zimmermann T, Beck-Bornholdt HP, van den Bussche H: Cholinesterase inhibitors for patients with Alzheimer’s disease: systematic review of randomised clinical trials. BMJ 2005; 331: 321–7.
2. Kmietowicz Z: NICE proposes to withdraw Alzheimer’s drugs from NHS. BMJ 2005; 330: 495
3. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. http://www.iqwig.de/de/auftraege/arznei
mittel_/Auftragsliste_1.html
Dr. phil. Gabriele Meyer
Universität Hamburg
MIN-Fakultät, Fachwissenschaft Gesundheit
Martin-Luther-King-Platz 6
20146 Hamburg
E-Mail: Gabriele.Meyer@uni-hamburg.de
1.
Kaduszkiewicz H, Zimmermann T, Beck-Bornholdt HP, van den Bussche H: Cholinesterase inhibitors for patients with Alzheimer’s disease: systematic review of randomised clinical trials. BMJ 2005; 331: 321–7. MEDLINE
2.
Kmietowicz Z: NICE proposes to withdraw Alzheimer’s drugs from NHS. BMJ 2005; 330: 495 MEDLINE
3.
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. http://www.iqwig.de/de/auftraege/arzneimittel_/Auftragsliste_1.html
1. Kaduszkiewicz H, Zimmermann T, Beck-Bornholdt HP, van den Bussche H: Cholinesterase inhibitors for patients with Alzheimer’s disease: systematic review of randomised clinical trials. BMJ 2005; 331: 321–7. MEDLINE
2. Kmietowicz Z: NICE proposes to withdraw Alzheimer’s drugs from NHS. BMJ 2005; 330: 495 MEDLINE
3. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. http://www.iqwig.de/de/auftraege/arzneimittel_/Auftragsliste_1.html

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