ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2006Evidenzbasierte medikamentöse Therapie der Alzheimer-Erkrankung: Wissenschaftlicher Nachweis nicht erbracht
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LNSLNS Es ist erfreulich, wenn im Deutschen Ärzteblatt eine Therapieübersicht über eine so wichtige Erkrankung wie die Alzheimer-Demenz nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin erfolgt.
Den Ausführungen von Riepe und Kollegen ist jedoch vehement zu widersprechen. Bei Sackett heißt es: „Die Praxis der evidenzbasierten Medizin bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung“ (1). Es ist also gerade die Synthese aus individueller Erfahrung des Arztes, persönlichen Präferenzen des Patienten und externer Evidenz, die das ärztliche Handeln leiten sollte.
Riepe et al. setzen eine „Therapie mit der Brechstange“ dagegen: Ihrer Auffassung nach müsste unabhängig von Kontrollen im Einzelfall das Ergebnis randomisierter Studien umgesetzt werden. Es sei gar nicht sinnvoll, den Effekt einer medikamentösen Demenzbehandlung zu überprüfen, weil die entsprechenden Tests durch Müdigkeit oder Verschlechterungen des Stoffwechsels beeinflusst sein könnten und außerdem die neuropsychologischen Tests schlecht wiederholt werden könnten (2).
Diese Haltung ist in keiner Weise akzeptabel, weil sie dem individuellen Patienten nicht gerecht wird. Eine kognitive Verschlechterung kann durchaus im natürlichen und eben nicht entscheidend durch Antidementiva beeinflussbaren Verlauf der Alzheimer-Erkrankung liegen und ist nur in seltenen Fällen durch Ereignisse wie das zitierte subdurale Hämatom verursacht.
Bezüglich der neuropsychologischen Tests ist der Artikel unlogisch: Einerseits berufen sich Riepe et al. auf die Ergebnisse evidenzbasierter Studien, andererseits sprechen Sie den Tests eine Bedeutung in der Überprüfung der Effekte einer medikamentösen Behandlung ab. Die Ergebnisse der Studien basieren aber doch gerade auf solchen Tests. Unterlagen die Probanden dieser Studien nicht der Beeinträchtigung durch Müdigkeit, Stoffwechselverschlechterungen und anderen Nebenwirkungen?
Ferner zitieren Riepe et al. Weyer (2), nach dem für eine sichere Änderung im Messinstrument ADAS-cog ein Unterschied von 7 Punkten erforderlich sei – aber sie verschweigen, dass in keiner randomisierten Studie ein Unterschied von 4 Punkten erreicht worden ist! Folgt man Weyer, wäre in allen Studien die Unwirksamkeit der Cholinesterasehemmer nachgewiesen worden.
Schließlich diskutieren Riepe et al. überhaupt nicht die Studienlage. Das wäre aber eine Voraussetzung, um in der Überschrift das Wort „evidenzbasiert“ benutzen zu dürfen. In einem kürzlich erschienenen Review stellen Kaduszkiewicz et al. (3) fest, dass aufgrund von methodischen Mängeln der einzelnen Studien der wissenschaftliche Nachweis einer Wirkung der Cholinesterasehemmer bisher nicht erbracht wurde.
Kaduszkiewicz et al. ziehen aus dem missglückten Nachweis der Medikamentenwirkung aber nicht die Schlussfolgerung, Antidementiva grundsätzlich nicht anzuwenden, sondern schlagen vor, prinzipiell eine Einzelfallprüfung zuzulassen unter Wirksamkeitskontrollen durch neuropsychologische Tests.
Wie schön, dass im Ärzteblatt inzwischen ersichtlich wird, welcher Autor Interessenkonflikte anzugeben hat – der Leser mag seine Schlussfolgerungen selbst ziehen.

Literatur
1. Sackett DL et al.: Evidence-based medicine: What it is and what it isn’t. BMJ 1996; 312: 71.
2. Weyer G, Erzigkeit H, Kanowski S, Ihli R, Hadler D: Alzheimer’s disease assessment scale: reliability and validity in a multicenter clinical trial. Int Psychogeriatr 1997; 9: 123–38.
3. Kaduszkiewicz H, Zimmermann T, Beck-Bornholdt HP, van den Bussche H: Cholinesterase inhibitors for patients with Alzheimer's disease: systematic review of randomised clinical trials: BMJ 2005; 331: 321–7.

Günther Egidi
Huchtinger Heerstraße 41
28259 Bremen
E-Mail: familie-egidi@nord-com.net
1.
Sackett DL et al.: Evidence-based medicine: What it is and what it isn’t. BMJ 1996; 312: 71. MEDLINE
2.
Weyer G, Erzigkeit H, Kanowski S, Ihli R, Hadler D: Alzheimer’s disease assessment scale: reliability and validity in a multicenter clinical trial. Int Psychogeriatr 1997; 9: 123–38. MEDLINE
3.
Kaduszkiewicz H, Zimmermann T, Beck-Bornholdt HP, van den Bussche H: Cholinesterase inhibitors for patients with Alzheimer's disease: systematic review of randomised clinical trials: BMJ 2005; 331: 321–7. MEDLINE
1. Sackett DL et al.: Evidence-based medicine: What it is and what it isn’t. BMJ 1996; 312: 71. MEDLINE
2. Weyer G, Erzigkeit H, Kanowski S, Ihli R, Hadler D: Alzheimer’s disease assessment scale: reliability and validity in a multicenter clinical trial. Int Psychogeriatr 1997; 9: 123–38. MEDLINE
3. Kaduszkiewicz H, Zimmermann T, Beck-Bornholdt HP, van den Bussche H: Cholinesterase inhibitors for patients with Alzheimer's disease: systematic review of randomised clinical trials: BMJ 2005; 331: 321–7. MEDLINE

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