ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2006Cleofide in Dresden: Dresden feiert seinen vergessenen Hofkomponisten

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Cleofide in Dresden: Dresden feiert seinen vergessenen Hofkomponisten

Bartholomäus, Elke

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Die Dresdener Semperoper erstrahlt in abendlichem Glanz. Foto: ddp
Die Dresdener Semperoper erstrahlt in abendlichem Glanz. Foto: ddp
Donnerstag früh. Wolkenverhangen zeigt sich der Kölner Himmel, als sich vor mir die Tür zum Terminal öffnet. Die Reise geht nach Dresden. Gemeinsam mit 14 weiteren Musikliebhabern lockt es mich zur berühmten Semperoper. Die vor 274 Jahren in Dresden uraufgeführte Barockoper „Cleofide“ von Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) steht auf dem Programm. Der seinerzeit in ganz Europa berühmte Komponist, den Bach und Mozart gleichermaßen schätzten, war lange Zeit in Vergessenheit geraten, obwohl sein 30-jähriges Wirken als Hofkapellmeister Friedrich Augusts I. den Ruf Dresdens als internationale Opernmetropole begründete. Unter der Regie von Karoline Gruber ist die Geschichte der indischen Königin Cleofide, die durch den Sieg Alexanders des Großen über ihren Geliebten – den indischen König Poro – im Jahre 326 v. Chr. zwischen die Fronten gerät, wiederauferstanden. Das komplexe Drama um Macht, Eifersucht und Intrige basiert auf dem Libretto von Pietro Metastasio. Zum besseren Verständnis dieser „Opera seria“ („ernste Oper“) reisen wir mit dem Kölner „Verein zur Pflege klassischer Musik durch Musikliebhaber e.V.“ unter der Leitung von Dr. med. Olaf Zenner. Der Organist und Arzt veranstaltet seit 1981 Musikseminare und Opernreisen zu den wichtigsten Opernhäusern der Welt. Vor der Aufführung wird er uns in einem mehrstündigen Seminar die musikalischen Details erklären und die Oper in ihren historischen Zusammenhang stellen. Diese Vorbereitung auf den Opernbesuch ist das Kernstück der Opernreise. „Wer eine Oper oder ein anderes Musikstück ohne Vorbereitung hört“, erläutert Zenner, „bekommt
einen voluminösen Gesamteindruck, der sich vielleicht wie eine Glasglocke über einen stülpt. Es werden kaum Details zurückbleiben, die man später reflektieren kann.“ Seine Seminare zielen auf die Fähigkeit des aktiven Zuhörens. Musikalische Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Zenner möchte gerade dem Laienpublikum musikalische Kompetenz vermitteln.
Am Puls der Avantgarde
Die viertägige Entdeckungsreise sieht neben musikalischen auch eine Reihe kulturhistorischer Höhepunkte vor. Dresden ist nicht nur ein kultureller Magnet: Mit den neuen Medien hat das „Silicon Valley des Ostens“ den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft und verzeichnet als einzige Stadt der neuen Bundesländer eine beachtliche Zuwanderung. Wie schon zu Hasses Zeiten, als die italienische Oper in Dresden Inbegriff der musikalischen Avantgarde war, versteht es die Stadt heute wieder, Anziehungspunkt innovativer Strömungen zu sein.
Noch am Ankunftstag verschaffen wir uns einen ersten Überblick, erwandern die schönen Elbschlösser und erleben das „Blaue Wunder“ – die hellblaue Stahlbrücke, die zum Wahrzeichen der Stadt wurde. Für die nächsten Tage steht eine Besichtigung der Semperoper und der Frauenkirche auf dem Programm.
Moderner Barock
Am Samstagabend geht es in die Aufführung. Unter der Leitung des Gastdirigenten Allesandro De Marchi meistert die Staatskapelle die virtuose Partitur auf beachtliche Weise. Die historischen Instrumente wurden allerdings durch zeitgenössische ersetzt. Das durchweg gute sängerische Personal besteht ganz in der Tradition der Barockoper ausschließlich aus hohen Stimmen. Die seinerzeit von Kastraten gesungenen männlichen Rollen werden von Countertenören oder Sopranistinnen in Hosenrollen verkörpert. In der Indifferenz der Geschlechterrollen sieht Regisseurin Karoline Gruber einen modernen Aspekt. In kühnem Stilbruch kombinieren Bühnen- und Kostümbild antike und moderne Elemente vor einer poppigen Taj-Mahal-Postertapete. Die Inszenierung setzt auf Unterhaltung ohne großen Tiefgang.
Elke Bartholomäus


Der Verein zur Pflege klassischer Musik durch Musikliebhaber e.V. veranstaltet in der ersten Hälfte dieses Jahres Opern-Studienreisen nach New York (G. Verdi: La Traviata), Mailand (J. Massenet: Manon), Wien (G. Rossini: Die Italienerin in Algier) und Orange (G. Donizetti: Lucia di Lammermoor). Im August ist eine Busreise zum Schleswig-Holstein-Musik-Festival geplant. Die bundesweit mehr als 200 Mitglieder des Vereins – davon etwa ein Drittel Mediziner – reisen zu vergünstigten Preisen und beziehen kostenlos die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift „Operapoint“ mit Berichten aus der Welt der klassischen Musik, Interviews, Konzert- und Opernkritiken, CD-Rezensionen und Veranstaltungstipps.

Informationen: Verein zur Pflege klassischer Musik durch Musikliebhaber e.V., Schwabenstraße 3, 50996 Köln, Telefon: 02 21/35 39 44, Telefax: 02 21/39 67 14, E-Mail: verein@operapoint.de, Internet: www.operapoint.de
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