ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2006Gemeinschaftspraxen: Wenn die Chemie nicht mehr stimmt

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Gemeinschaftspraxen: Wenn die Chemie nicht mehr stimmt

Wittschier, Bernd M.

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Foto: Barbara Krobath [m]
Foto: Barbara Krobath [m]
Die Anfangseuphorie war schnell verflogen: Die zwei Orthopäden mit ihrer Gemeinschaftspraxis in Köln, 2003 gegründet, standen bereits nach anderthalb Jahren vor einem Scherbenhaufen. Zu unterschiedlich waren die Persönlichkeiten der zwei Inhaber, immer wieder gab es Streit über die Verantwortlichkeiten und bei der Einstellung neuer Mitarbeiter. Hinzu kam, dass der eine Orthopäde mehr Gründungskapital als der andere eingesetzt hatte – Anlass für vehemente Auseinandersetzungen ums Geld. Die Trennung schien unvermeidlich. Was tun? Da die Gesprächsbereitschaft der Ärzte noch nicht vollends aufgebraucht war, entschlossen sie sich zu einer Mediation. Dabei wird ein neutraler Vermittler – ein Mediator – eingesetzt, der die Konfliktparteien zu einer einvernehmlichen Lösung führen soll.
Bei der Trennung der Inhaber von Gemeinschaftspraxen wird von den Betroffenen zumeist ein Weg gewählt, der Geld und Nerven kostet. Fast immer haben sich die Partner schon so weit voneinander entfernt, dass sie sich nur gegenseitig beschuldigen und persönlich angreifen. Den Partnern geht es dann nicht um eine reibungslose, kostengünstige und sachgerechte Trennung. Vielmehr wird eine persönliche Fehde ausgetragen, die oft vor Gericht endet.
Begleitet wird der Mediator von einem Kompetenzteam, das sich aus einem Rechtsanwalt, der sich auf Fragen des Sozial- und Arztrechts spezialisiert hat, und einem Kassenarzt zusammensetzt, der sich in
den Bereichen „Gemeinschaftspraxen, Gütertrennung und praxisinternes Zusammenleben“ auskennt. Im Mittelpunkt steht die Arbeit des Mediators, der zunächst mit den Praxisinhabern Einzelgespräche führt, in denen die Situation aus menschlicher und finanzieller Sicht analysiert wird. So verschafft sich der Vermittler einen Überblick über die Interessen der Beteiligten und beurteilt, ob eine Vereinbarung im Konsens möglich ist. Entscheidend dabei ist die Bereitschaft der Praxisinhaber, zu einer einvernehmlichen Lösung zu finden oder aber die Trennung außergerichtlich und einvernehmlich zu vollziehen.
Schließlich finden die Konfliktparteien am „runden Tisch“ zusammen. Der Mediator tritt dabei als Vermittler auf; eine vorgefertigte Lösung präsentiert er nicht. Vielmehr bietet er „Hilfe zur Selbsthilfe“ an. Seine Aufgabe besteht darin, zu verbinden, zu versöhnen und zu begleiten. Die Ärzte sollen aus eigener Kraft eine Konfliktlösung erarbeiten. Im Mediationsprozess geht es um die Klärung der unterschiedlichen Standpunkte, um Verständnis und Respekt für die andere Position. Der Mediator begleitet und steuert diesen Prozess, er ermutigt die Ärzte zum ernsthaften Umgang mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen: Denn Gefühle sind im Konfliktfall Tatsachen. Erst wenn sich die Konfliktparteien offen und ehrlich begegnen, sich gegenseitig respektieren und die Meinung des anderen tolerieren, haben sie so starke Gefühle wie Ärger, Neid und Erniedrigung aufgearbeitet und sind zum Konsens bereit.
Dem Mediator stehen Techniken zur Verfügung, die zum Ziel haben, die Praxisinhaber wieder ins Gespräch zu bringen und die verhärteten Fronten aufzubrechen. Zu den wirksamsten Methoden gehört die Übung „Meine Welt – Deine Welt“. Sie führt dazu, dass die Praxisinhaber am runden Tisch ihre subjektive Sicht auf den Konflikt darstellen und Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkennen. Der Mediator bringt diese in ein Raster, das einen Überblick über die Differenzen, aber auch die Übereinstimmungen gestattet. Oft wird die eigentliche Konfliktursache ans Tageslicht gefördert, es wird deutlich, ob unüberbrückbare Gegensätze vorhanden sind. Die Übereinstimmungen hingegen zeigen, wo eine Annäherung möglich ist. So baut sich im Idealfall wieder Vertrauen zwischen den Praxisinhabern auf.
Nicht immer endet die Intervention des Mediators mit einer außergerichtlichen Einigung. Bei den Orthopäden in Köln jedoch war es sogar möglich, die geplante Trennung zu verhindern. Denn während der Mediation konnte das Dominanzstreben des Arztes, dessen Kapitalanteil größer war, als die tiefere Ursache für die permanenten Streitigkeiten ausgemacht werden: Er fühlte sich als „Chef im Ring“. Hauptergebnis des im Mediationsprozess entstandenen Dialogs war eine einvernehmliche Vereinbarung, die schriftlich formuliert wurde: Der „dominante“ Arzt erhielt ein Erstentscheidungsrecht bei strittigen Fragen; er verpflichtete sich jedoch, die Meinung des Kollegen in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. „Die Mediation hat uns verdeutlicht, dass die Trennung und damit die Auflösung unserer Gemeinschaftspraxis nur eine mögliche Option ist – und zwar die schlechteste“, so die Orthopäden. Dr. Bernd M. Wittschier
E-Mail: kontakt@423gmbh.de
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