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Nachdem auch ich mich dem Streiken hingegeben habe, nutze ich den späten Abend dazu, die Praxis aufzuräumen, liegen gebliebene Anfragen zu beantworten, überfällige exotische Diagnosen zu stellen. Weit komme ich nicht, es klingelt an der Praxistür; obwohl keine Sprechstunde ist, mache ich auf. Es könnte ja ein verantwortungsvoller Politiker vor mir stehen, frohe Kunde über Bürokratieabbau und wirtschaftliche Entlastung verbreitend. Aber es sind nur die frechen Neffen, die wissen wollen, warum ich streike. Etwas pikiert entgegne ich ihnen, dass Ärzte mittlerweile nicht mehr so viel verdienen wie Grundschullehrer, und das sei in Anbetracht der Verantwortung . . . „Wenn du so jemanden wie mich unterrichten müsstest, könnte das Schmerzensgeld gar nicht hoch genug sein“, kräht der jüngere Neffe. Ich sehe ein, dass diese Erklärung therapeutisch zwecklos ist und erläutere ihnen, dass das Ansehen der niedergelassenen Ärzte unter das von Müllwerkern gesunken ist, dass wir . . . „Das geschieht euch ganz recht“, meint der ältere Neffe, „was glaubst du, wie oft ich nachts schon meinen vollen Müllbeutel hinter eurem Tatütata hinterherwerfen wollte.“ – Das war wohl auch ein schräger Vergleich, der wenig geeignet war, der Jugend den ärztlichen Verdruss zu vermitteln. Also erkläre ich den Neffen, dass wir Ärzte am Wochenende für einen Notdiensteinsatz nur zehn Euro bekommen würden, während andere, wie Sanitärinstallateure oder Fernsehreparateure, für 50 Euro pro Stunde nicht mal mit den Füßen scharren würden. „Der Fernsehmonteur kriegt meine Kiste wenigstens zum Laufen, Onkel Thomas. Und ehrlich gesagt: Wenn ihr so wenig Geld verdient, kann das, was ihr da macht, eigentlich auch gar nichts mehr taugen, hab’ ich Recht? Oder willst du mir weismachen, ihr könntet von dem wenigen Geld noch EKGs oder Ultraschalls bezahlen?“ Jetzt reicht’s, ich habe die Schnauze voll und mache mit den Neffen das, was ich mit all den anderen, die mir das Leben schwer machen, nicht machen darf: Ich schmeiße sie hochkant hinaus. Als die beiden die Praxis verlassen, ruft mir der Ältere hinterher: „Hey, Onkel Thomas, hier steht ein Politiker, der will dich für deine Arbeit bezahlen und dir alle Geräte schenken, die du so brauchst!“
RAUS! Verarschen tu’ ich mich schon selbst.
Dr. med. Thomas Böhmeke
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