ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2006Psychoanalyse: Wissenschaft und Lebenskunst

THEMEN DER ZEIT

Psychoanalyse: Wissenschaft und Lebenskunst

Dtsch Arztebl 2006; 103(14): A-908 / B-775 / C-750

Buchholz, Michael B.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
„Ich habe die banalsten Wahrheiten entdeckt.“ – Freud mit 70 Jahren Fotos: picture-alliance
„Ich habe die banalsten Wahrheiten entdeckt.“ – Freud mit 70 Jahren Fotos: picture-alliance
Im Sinne einer nachträglichen Reintegration und Anerkennung seiner Leistung wird an Sigmund Freud erinnert, der am 6. Mai 150 Jahre alt geworden wäre. Zur Entwicklung der Psychoanalyse

Sigmund Freud war Wissenschaftler und Psychotherapeut, der sich mit größtem Ernst der Erforschung des menschlichen Seelenlebens zugewandt hat. Sein Einfluss auf die kulturelle Formation des 20. Jahrhunderts ist riesig, manche seiner Befunde werden erst heute von den Neurowissenschaften gewürdigt. Seine Schriften gehören zur seltenen Sorte stilistisch schöner wissenschaftlicher Prosa mit Sinn für Stil und Bildung. Seine Einsichten – etwa vom Unbewussten im Seelenleben und vom unbewussten Sinn klinischer Symptome – gehören zum festen Bestand eines durch ihn geschaffenen Menschenbildes ebenso wie die im Rahmen der Bindungsforschung bestens bestätigte Bedeutung früher Kindheit fürs spätere Leben. Dass er sich in manchen Dingen geirrt hat, seine Beobachtungen allzu sehr verallgemeinerte, dass er in einigen Punkten „überholt“ ist, spricht nicht gegen diese Würdigung – wäre dem so, hätte man im vergangenen Jahr weder Friedrich Schiller noch Albert Einstein würdigen dürfen. Auch diese Großen sind überholt in mancher Hinsicht, auch sie haben sich geirrt oder überzogen oder müssen als Kinder ihrer Zeit angesehen werden – aber wir anerkennen problemlos, was wir ihnen verdanken.
Ein persönliches Wort: Ich wurde als 17-Jähriger durch eine Lehrerin auf die Taschenbücher Freuds aufmerksam gemacht, die ich mir leisten konnte und dann verschlungen habe. Ihre Lektüre machte das Psychologiestudium leicht: Die Grundgedanken des klassischen und operanten Konditionierens etwa konnte ich problemlos mit Freuds Angsttheorie in Verbindung bringen und so wesentliche Teile der Lerntheorie verstehen. Denn die Angst des kleinen Hans vor den Pferden war verständlich – und die Theorie Pawlows von den bedingten Reflexen wiederholte das ja nur in einer etwas formalistischen Sprache. Nicht anders mit der Motivationsforschung, die sich des Hungers als Leitparadigma bediente – das machte Freud auch hier und da, um dann aus der Frustration von Bedürfnissen Aggression abzuleiten, wie es die Frustrations-Aggressions-Hypothese von Miller und Dollard behauptete. Diese beiden Autoren waren damals sehr prominent, dem Behaviorismus verpflichtet und studierten dennoch Freud mit dem empirischen Ergebnis, dass man Aggression tatsächlich als Folge von Frustration libidinöser Bedürfnisse auffassen könne. Die Redewendung, jemand sei „frustriert“, wenn er tatsächlich aggressiv war, hat sich seither eingebürgert.
Begriffe wie „Anspruchsniveau“ erschienen ebenso einleuchtend wie die Hypothesentheorie der Wahrnehmung von Jerome Bruner und Neil Postman, die schon in den 1950er-Jahren experimentell bestätigt hatten, dass die Motivationslage die Wahrnehmung massiv beeinflusste – die selektive Wirkung der Verdrängung wurde so bestätigt. Dass mit persönlichen Konflikten behaftetes Material aus dem Gedächtnis verdrängt wurde, schien leicht vorstellbar nach dem, was Freud schrieb. Erfreulich war, dass die experimentelle Psychologie vieles von Freuds Befunden, etwa zur Abwehrlehre, bestätigte. Allerdings zeigten nur wenige Autoren ihre Abhängigkeit von Freud. Auffallender wurde mehr und mehr, wie wenig sie anerkennen konnten, auf den Schultern eines Riesen zu stehen. Dass man das subjektive Gefühl eines freien Willens experimentell erzeugen konnte, wie es Narziß Ach (so hieß dieser Autor tatsächlich) schon 1935 tat und den freien Willen zugleich als abhängige Variable deutlich manipulierte, schien mit Freuds Vorstellung, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist, gut vereinbar. Das Thema von Determinismus und Willensfreiheit, das heute im Zusammenhang mit der neurowissenschaftlichen Debatte steht, war schon da. Dass die Entwicklungspsychologie damals eine vor allem von Piaget bestimmte Stufenlehre der kognitiven Entwicklung lehrte, schien eine Ergänzung zu den Freudschen psychosexuellen Entwicklungsstufen zu sein. Diese bezogen sich ja auf das Triebleben, die kognitive Entwicklung konnte man eher dem Ich zurechnen. Ähnliches galt auch für die Stufen der Kohlbergschen Moralentwicklung, also für das Über-Ich. Lawrence Kohlberg nahm damals an, dass Kinder erst über verschiedene Zwischenstufen eine „autonome“ Moral entwickeln, die in reifer Weise nach allgemeinen Prinzipien „ohne Ansehung der Person“ urteilt, während Kinder, die noch einer früheren Stufe verhaftet sind, eher jemandem Recht geben, den sie mögen, mit dem sie befreundet sind oder der ihnen sympathisch ist. Solche Stufentheorien zogen eine gewaltige Menge an Forschungsarbeiten nach sich und wirkten ungemein inspirierend, gerade auch aus der Verbindung mit Freuds Intuitionen und Befunden.
Dass Ergebnisse der akademischen und psychoanalytischen Entwicklungs-
psychologie tatsächlich mit Nutzen für die Psychotherapie integriert werden können, hat die Psychoanalytikerin Inge Seiffge-Krenke in ihrem Buch über
„Psychotherapie und Entwicklungs-psychologie“ (2004) detailreich gezeigt. Dass die Erkenntnisse der Psychoanalyse, etwa über Symbolisierung und Sexualität, auch in der systemischen Richtung Verwendung finden, teils bis in die sprachlichen Figuren hinein, kann man dem Buch von Ulrich Clement (2004) über „Systemische Sexualtherapie“ entnehmen. Hintergründig hat die klinische Erfahrung die Schulen mehr angenähert als man bei Aufrechterhaltung der vordergründigen Differenzen einander glauben macht.
Psychoanalyse
als schwarzes Schaf
Es gab freilich auch katastrophale glaubwürdige Berichte über die psychoanalytische Praxis. So Dörte von Drigalskis Buch „Blumen auf Granit“, in dem sie schilderte, wie wenig sie sich von ihrem Analytiker verstanden fühlte und wie sehr sie um Verständnis kämpfte, ohne es erlangen zu können. Es gab den Bericht einer Anonyma über sexuellen Missbrauch während einer psychoanalytischen Therapie, und es gab erregte Aufklärer, die am liebsten die ganze Psychoanalyse über Bord gehen lassen wollten. Dass es auch in der akademischen Psychologie fragwürdige Lehrer, seltsame Praktiken der Beziehung zu Studentinnen gab, dass schwere Behandlungsfehler auch in anderen Schulen begangen wurden, konnte man nicht übersehen; dennoch sollte das schwarze Schaf die Psychoanalyse sein. Man erinnerte dann leidenschaftlich an Freuds „autoritäre“ Führung seiner Mittwochgesellschaft, an einige seiner voreiligen Verkündungen von Behandlungserfolgen, an seine Rolle in der Jung-Spielrein-Affäre. Carl Gustav Jung hatte sich in seine Patientin Sabina Spielrein verliebt, einer jungen Russin, die ihn in Zürich aufgesucht hatte, und als er sich Hilfe suchend an Freud wandte, trug dieser, wie man heute aus den Briefen weiß, zur Vertuschung der Angelegenheit bei. An solche Entgleisungen wird gern skandalisierend erinnert – immer mit dem erkennbaren Ziel, mit der Person die Sache zu diskreditieren.
Anna Freud und ihr Vater 1938 auf dem Weg ins Exil
Anna Freud und ihr Vater 1938 auf dem Weg ins Exil
Manche Behauptungen über Freud erwiesen sich hingegen als schlicht falsch. Dass er gesagt haben solle, sexueller Missbrauch komme nicht vor, dass er Traumata als ätiologischen Faktor nicht habe gelten lassen wollen, dass er für „alles“ die Sexualität verantwortlich machen wollte oder dass jeder Traum eine sexuelle Bedeutung habe – dies waren Beispiele, die zeigten, wie falsch die Kritiker lagen. Freud hatte sich schon sehr früh und immer wieder dagegen gewandt, dass alle Träume eine sexuelle Bedeutung hätten. Ebenso wandte er sich selbstverständlich gegen sexuellen Missbrauch: Noch in seinen späten Schriften zeigt er sich deutlich ergriffen von den Schändlichkeiten, die in Familien vorkommen. In der Jung-Spielrein-Affäre hat er deutlich vertuscht, das stimmt. Die Universalität des Ödipuskomplexes auf einer recht schmalen Datenbasis zu behaupten war wohl auch ein gewagtes Unternehmen, nicht aber, die menschliche Entwicklung im Dreieck der Elternbeziehung zu verstehen. Hier haben sich interessante Erweiterungen in der Triadentheorie ergeben, die nützlich für die psychotherapeutische Praxis sind; von hier sind auch wertvolle Impulse zur Familientherapie ausgegangen. Man darf nicht vergessen, dass Familientherapeuten der ersten Generation (Nathan Ackerman, Mara Selvini-Palazzoli, Helm Stierlin, Horst-Eberhard Richter), denen gültige Einsichten zu verdanken sind, gut ausgebildete Psychoanalytiker waren, auch wenn sie sich theoretisch später anders orientierten. Da darf man vielleicht eher davon sprechen, dass es mentale Verengungen des psychoanalytischen Establishments waren, die hier dazu führten, Entwicklungen zu verschlafen oder aktiv auszubremsen, statt sich ihnen mit
Freudscher wissenschaftlicher Neugier zuzuwenden und sie nüchtern auf ihren Wert hin zu sondieren.
Bestätigungen durch die Forschung
Solche Nüchternheit hat tatsächlich lange gebraucht. Peter Fonagy aus Großbritannien, dem wohl die einflussreichsten Initiativen zur Wiederbelebung psychoanalytischer Forschungen in der Behandlung insbesondere von Borderline-Patienten zu verdanken sind, hat kürzlich zu Recht festgehalten, dass nicht jeder Psychoanalytiker auch empirischer Psychotherapieforscher sein müsse, aber die Mehrheit müsse tolerieren, dass geforscht würde, statt Forschung als „unanalytisch“ abzutun. Eine solche Haltung bestimmte tatsächlich zu lange Zeit das Klima in den „psychoanalytic communities“; aber es gab in den Journalen durchaus hochrangige Debatten – mit dem französischen Strukturalismus, mit den Sozialwissenschaften, mit der Linguistik, mit der Entwicklungspsychologie (Piaget, Kohlberg). Aber eigene empirische Forschung war weitgehend vernachlässigt worden. Leute, die das Manko früh erkannten, wurden eher marginalisiert, selbst wenn sie Vorsitzende der Deutschen Psychoanalytiischen Vereinigung (DPV) waren. Von heute aus betrachtet muss diese Tendenz zur Abschottung als großes Problem erkannt werden. Keine therapeutische Schule kann mehr die Vorgehensweisen anderer aus angemaßter Überlegenheit ignorieren. Wenn man sich damit auseinander gesetzt hat, darf man auch manches zurückweisen. Nicht alles, was neu ist, ist ja allein deshalb nützlich.
Mittlerweile haben Bemühungen um empirische Forschung in der Psychoanalyse gewaltigen Wind unter die Segel bekommen. Gültige Nachweise, dass psychoanalytische Behandlungen, auch wenn sie längere Zeit dauern, therapeutisch höchst wirksam und in der Zeit stabil sind, nämlich mit Effektstärken weit über denen von manchen pharmakologischen Studien, sind erbracht: Es gibt die DPV-Studie von Marianne Leuzinger-Bohleber und ihren Mitarbeitern, die Studie der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychosomatik und Psychotherapie (DGPT) von Gerd Rudolf und Koautoren, es gibt die Göttinger Studie von Falk Leichsenring und anderen, es gibt die Münchner Studie und die multicentrische Studie zu den Essstörungen, die Horst Kächele initiiert hat. All dies zeigt, dass die psychoanalytische Forschung sich drängender gesellschaftlicher Probleme annimmt. Diese Autoren haben dargelegt, dass empirische Studien, die längst die Wirksamkeit psychoanalytischer Behandlungen erwiesen hatten, ja sogar Metaanalysen, schlicht nicht zitiert und bei Literaturrecherchen „übersehen“ worden waren. Wenn man sich das auf einem anderen Gebiet der Heilbehandlung einmal vorstellt, wäre die Empörung groß. Das negative Meinungsklima gegenüber der Psychoanalyse, das die letzten Jahre im klinischen Feld so sehr bestimmt hatte, beruhte auf einer solchen – soll man sagen: verdrängungsbedingten – selektiven Wahrnehmung. Wenn Verdrängung, dann muss man auch von Verdrängungswettbewerb sprechen; den wird niemand bestreiten.
Stimmungswandel
Inzwischen gibt es einen Wandel im Meinungsklima. Der „Spiegel“ gab im April 2005 seine kritische Berichterstattung auf und berichtete von der Übereinstimmung zwischen neurowissenschaftlichen und psychoanalytischen Befunden. Das stimmt inhaltlich, und es beflügelt. Auch die „Zeit“ berichtete darüber ebenso wie „GEO“ im Dezember 2004. Es gab die Einsicht, dass empirische Studien, wenn man sie nur im naturalistischen Setting durchführt, den Erfolg der psychoanalytischen Behandlung prägnant nachweisen – man muss Patienten die Wahl lassen, zu welchem Therapeuten sie gehen wollen (statt sie zufallsbedingt zuweisen zu wollen). Man muss die Behandlung von äußeren Einflüssen möglichst freihalten, und dann bleibt der Erfolg nachgewiesenermaßen in langen Katamnesezeiträumen stabil*. Mehr und mehr kann man jetzt auch würdigen, dass Psychoanalytiker seit Jahren schwierige Störungen erfolgreich behandeln, dass sie in vielen anderen Bereichen, wie Organisationsberatung, Supervision, Politikberatung, arbeiten und von hier aus neue Ideen auch ins klinische Feld einfließen.
Dies sind Erfolge, die sich nicht mehr bestreiten lassen. Es kommt hinzu, dass im August 2005 in Wien eine von der österreichischen Bundesregierung akkreditierte Sigmund-Freud-Universität gegründet werden konnte, die in ihrem Namen jenen großen Gelehrten und Humanisten ehrt, der in dieser Stadt mehr als vierzig Jahre lang gewirkt und gelebt hatte, bevor ihn die Nazis vertrieben. An seinen Geburtstag in diesem Jahr zu erinnern, ist wie ein Stück nachträglicher Reintegra-
tion und Anerkennung seiner Leistung, auch wenn die Psychoanalytiker ihm nicht mehr in jedem einzelnen Punkt gläubig folgen wollen. Sie haben in der Zwischenzeit auch gelernt, sind älter geworden und können deshalb leichter sehen, welche gewaltigen Aufgaben vor ihnen liegen, um eine Form der Psychotherapie zu erhalten, der viele seelischen Frieden verdanken. Eine Universität hätte sich Freud für die Psychoanalyse gewünscht, er sprach von einer psychoanalytischen Hochschule. Dass es da mehr zu lehren geben könnte als empirische Forschung und ihre Methoden, ist selbstverständlich, denn Freud hatte die Psychoanalyse (im Nachwort zur „Frage der Laienanalyse“) nicht umsonst als „weltliche Seelsorge“ bezeichnet. Damit verwies er darauf, dass Psychotherapie insgesamt beides sein muss, Wissenschaft und Lebenskunstlehre. Es will einem heutzutage so vorkommen, als sei diese Einsicht in Gefahr, erneut der Verdrängung anheim zu fallen, einer Verdrängung, die im Namen rigider Verwissenschaftlichung erfolgen würde. Psychoanalyse ist nicht nur empirische Forschung. Therapeutische Praxis muss mehr geben können als ausschließlich wissenschaftliche Befunde. Sie ist auch weltliche Seelsorge. Sich daran zu erinnern, könnte ein bedenkenswerter Hintersinn eines 150-jährigen Geburtstages sein. In beiden Richtungen, Wissenschaftlichkeit und Seel-Sorge, liegen die Aufgaben vor Psychotherapeuten aller schulischen Richtungen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2006; 103(14): A 908–12.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. Michael B. Buchholz, Dipl.-Psych.
Schlesierring 60, 37085 Göttingen

*Über empirische Studien informiert die Homepage der DGPT: www.dgpt.de (Rubrik „Wissenschaft“).
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema