ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2006Verwaltungssektionen: Dringende Notwendigkeit

THEMEN DER ZEIT

Verwaltungssektionen: Dringende Notwendigkeit

Dtsch Arztebl 2006; 103(14): A-914 / B-778 / C-753

Madea, Burkhard; Püschel, Klaus; Lignitz, Eberhard; Dettmeyer, Reinhard

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Foto: Barbara Krobath
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Einer Verwaltungssektion zugeführt werden sollten alle unklaren oder gewaltsamen Todesfälle, an deren weiterer Aufklärung die Staatsanwaltschaft kein Interesse hat.

Bei circa 850 000 Todesfällen pro Jahr ist in Deutschland im Rahmen der ärztlichen Leichenschau nach Feststellung des Todes die Frage nach Todeszeit, Todesursache und – damit untrennbar verbunden – die nach der Todesart zu beantworten. Die sichere Angabe einer Todesursache fällt nicht schwer, wenn der Patient wegen einer Krankheit bis zum Tod ärztlich behandelt wurde, mit dem Ableben zu rechnen war oder sich ein gewaltsamer Tod prima facie aus Umständen, Auffindesituation und Verletzungsbild ergibt.
Schwierigkeiten bestehen,
- wenn der Patient nicht in ärztlicher Behandlung war,
- keine quoad vitam lebensbedrohlichen Vorerkrankungen bekannt sind,
- der Tod plötzlich und unerwartet eintrat,
- ein anderer als der behandelnde Arzt die Leichenschau vornehmen muss und eine Anamnese nicht erfragbar ist;
- bei „Fundleichen“, die teilweise erst einige Zeit nach Todeseintritt, unter Umständen mit fortgeschrittenen Leichenerscheinungen, gefunden werden.
In vielen Fällen bleibt die objektive Todesursache durch die Leichenschau unklar, weil sie dem Verstorbenen nicht anzusehen und durch die Leichenschau nicht eruierbar ist. Dann finden nichtssagende Diagnosen zur Todesursache Eingang in die Todesbescheinigung, wie beispielsweise Herzversagen, Herzstillstand, Atemstillstand oder auch kardiorespiratorische Insuffizienz – also funktionelle Endzustände, die konstitutiver Bestandteil jedes Sterbeprozesses sind. Dementsprechend hoch sind die Abweichungen zwischen klinisch und autoptisch festgestellter Todesursache. Eine vollständige oder weitgehende Übereinstimmung zwischen klinisch und autoptisch festgestellter Todesursache findet man in 50 bis 60 Prozent der Todesfälle, Unterschiede in Grundleiden und Todesursache in etwa 40 Prozent (13). Bei frühzeitiger Erkenntnis hätte es bei zehn bis 25 Prozent der Diskrepanzen Folgen für Therapie und Überleben gegeben. Bleiben Todesursache und Todesart durch die Leichenschau unklar, zum Beispiel auch bei unerwarteten Todesfällen nach ärztlichen Maßnahmen, sollte man annehmen, dass mit einem Instrument höherer diagnostischer Aussagekraft – der Leichenöffnung – Klarheit geschaffen wird.
In Deutschland sind die Sektionszahlen jedoch über Jahre dramatisch zurückgegangen, insbesondere bei klinischen Sektionen (1). Wurden 1994 noch 6,3 Prozent der Verstorbenen obduziert, waren es 1999 nur noch 5,3 Prozent. Die Zahl der klinischen Obduktionen nahm dabei um etwa ein Viertel von 4,2 Prozent aller Verstorbenen auf 3,1 Prozent ab. Die Quote gerichtlicher Obduktionen blieb vergleichsweise konstant (1). Weder für Deutschland noch für andere europäische Staaten werden die Sektionsquoten routinemäßig erfasst, sodass teilweise nur aus besonderem Anlass zusammengestellte ältere Daten vorliegen. Der Rückgang ist vor allem deswegen alarmierend, weil durch Obduktion und Anschlussuntersuchungen (Histologie, Toxikologie, postmortale Biochemie) circa 95 bis 97 Prozent aller Todesfälle geklärt werden können. Unter Einsatz molekularpathologischer Techniken werden auch morphologisch nicht fassbare Todesursachen wie Rhythmusstörungen einer begründeten Diagnose zugeführt. Bei den Sektionstypen in Deutschland sind bundesgesetzlich geregelte Obduktionen von teilweise landesgesetzlich geregelten Obduktionen zu unterscheiden (Kasten 1).
Bei den gerichtlichen Obduktionen ist der Ermessensspielraum der Staatsanwaltschaft, ob „zureichende tatsächliche Anhaltspunkte“ für eine Straftat vorliegen (§ 152 Abs. 2 StPO), sehr groß: Stellt für den einen erst das Messer im Rücken einen „zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkt“ dar, ist es für den anderen beim plötzlichen, unerwarteten Tod bereits die nicht explizit bewiesene Tatsache eines natürlichen Todes (2). Schätzungen gehen dahin, dass nur jeder zehnte bis 20. unklare Todesfall einer tatsächlichen medizinischen Todesursachenklärung durch eine gerichtliche Obduktion zugeführt wird. Dies liegt daran, dass sich die Ermittlungsbehörden von ihrer Aufgabenstellung her nicht für die Aufklärung medizinisch unklarer Todesfälle zuständig fühlen, sondern nur der Todesfälle, bei denen „Fremdverschulden“ in Betracht kommt.
Klinische Sektionen
Klinische Sektionen waren lange Jahre nicht gesetzlich geregelt; in neueren Bestattungsgesetzen der Bundesländer wurden inzwischen gesetzliche Regelungen formuliert (2). Klinische Obduktionen werden nahezu ausschließlich bei Verstorbenen durchgeführt, die zuvor stationär behandelt wurden. Das Gespräch mit den Angehörigen zur Einwilligung in die klinische Sektion führen – soweit keine Willenserklärung des Verstorbenen vorliegt – in der Regel die klinischen Kollegen, heute zum Teil häufig mit nur geringem Engagement (1, 4). Die Zahl klinischer Sektionen ist in den letzten Jahren dramatisch zurückgegangen, in einzelnen Bundesländern mit früher hoher Sektionsquote von 9,6 auf 5,5 Prozent (Berlin) oder von 12,3 auf 6 Prozent (Hamburg).
Klinische Sektionen bei nicht im Krankenhaus Verstorbenen sind eine Rarität. Die übrigen in Kasten 1 aufgeführten Sektionstypen erfassen aufgrund ihrer spezifischen, durchaus begründeten Zielsetzung viele Todesfälle mit medizinisch unklarer oder klärungsbedürftiger Todesursache nicht: Todesfälle zu Hause, in der Öffentlichkeit, auf dem Weg ins Krankenhaus, im Heim, in Pflegeeinrichtungen, in Altenheimen. Da die Übereinstimmung und Diskrepanz klinisch und autoptisch festgestellter Todesursachen mit dem Sterbeort korrelieren, ist es außerordentlich bedenklich, dass die Sektionsfrequenz für zu Hause oder im Heim Verstorbene gegen null Prozent tendieren dürfte. Es wäre gerade im Interesse der Ärzteschaft, der die systemimmanenten Mängel des Leichenschauwesens (7), vor allem Verkennung nichtnatürlicher Todesfälle, angelastet werden, wenn die medizinisch unklaren Todesfälle einer behördlichen Obduktion mit dem ausschließlichen Ziel der Klärung der Todesursache zugeführt würden.
Situation in anderen Ländern
Andere europäische Länder weisen wesentlich höhere Sektionsquoten auf. In Großbritannien existiert ein Indikationskatalog von Todesfällen, die dem Coroner gemeldet werden müssen (16). Der Coroner ist weder Staatsanwalt noch Polizist. Der Indikationskatalog umfasst folgende Fallkategorien:
- Der Verstorbene wurde aufgrund der zum Tode führenden Krankheit nicht ärztlich behandelt.
- Der Verstorbene wurde in den letzten 14 Tagen nicht ärztlich behandelt und nach dem Todeseintritt nicht vom Arzt untersucht.
- Die Todesursache ist unklar.
- Der Tod steht eventuell in Zusammenhang mit Berufskrankheiten oder einer Vergiftung.
- Es handelt sich um einen nichtnatürlichen oder gewaltsamen Tod, oder es bestanden Vernachlässigung oder verdächtige Umstände.
- Der Tod steht in Zusammenhang mit Operationen oder trat vor dem Erwachen aus der Narkose ein.
Damit werden dem Coroner folgende Fallkategorien gemeldet: Mord, Totschlag, Kindstötung, Beihilfe zum Suizid, Tötung im Straßenverkehr, Suizide, Unfälle (Verkehrsunfälle, häusliche Unfälle, Betriebsunfälle), Todesfälle im Polizeigewahrsam und Gefängnis, Todesfälle in Zusammenhang mit medi-
zinischer Behandlung, Todesfälle in
Zusammenhang mit Vernachlässigung (vonseiten des Arztes, des Pflegepersonals). Hinzu kommen plötzliche Todesfälle, wenn :
- der Patient während der letzten 14 Tage nicht in ärztlicher Behandlung war,
- die Todesursache unklar ist
- und/oder Zweifel an einer natürlichen Todesursache bestehen.
Weiterhin sind Todesfälle meldepflichtig nach Abtreibung, Vernachlässigung, Unterkühlung, Alkoholismus, Vergiftung sowie bei Verstorbenen, die eine Kriegsrente oder Berufsunfähigkeitsrente bezogen haben. Meldepflichtig sind darüber hinaus Todesfälle von Kindern, darunter Totgeburten, und Todesfälle in Pflegeheimen für geistig Behinderte sowie in Waisenhäusern. 1985 wurden dem Coroner in Großbritannien 182 000 Todesfälle gemeldet, in 145 600 Fällen wurde eine Obduktion angeordnet und durchgeführt (80 Prozent). Die vom Coroner angeordnete Sektionsquote schwankt regional zwischen 95 bis 99 Prozent in Städten und 30 bis 40 Prozent in ländlichen Gegenden. Bei diesem System ist kein Arzt gezwungen, wider besseres Wissen in den Leichenschauschein eine Todesursache einzutragen, von der er nicht überzeugt ist. Stellt der Arzt einen Totenschein aus, wenn auch mit einer eher spekulativen Todesursache, kann er gleichwohl an den Coroner melden, um eine definitive Todesursachenklärung zu veranlassen (16). Eine hohe Sektionsrate wie in Großbritannien garantiert, dass die Todesursache primär objektiv geklärt wird und daher keine Exhumierungen notwendig werden, wohingegen in Deutschland bei primär niedriger Sektionsquote häufiger exhumiert wird. Es besteht ein reziproker Zusammenhang zwischen Sektionsfrequenz und Exhumierungsrate auf regionaler Ebene.
Eine ähnlich hohe Sektionsquote wie in Großbritannien gab es bislang in Österreich: Nach Angaben von Bankl (9) wurden in Österreich etwa 34 Prozent aller Todesfälle obduziert, in Wien 50 Prozent. Grundlage dieser hohen Sektionsquote ist eine Gesetzgebung, die eine sanitätspolizeiliche Obduktion auf Antrag des Totenbeschauarztes im Auftrag des Gesundheitsamtes (Stadt) oder der Bezirksverwaltungsbehörde (Land) zulässt. Die landesgesetzlichen Regelungen sehen vor, dass – neben den bundesgesetzlich geregelten Obduktionen (gerichtliche Leichenöffnungen, sanitätspolizeiliche Leichenöffnungen nach Epidemiegesetz oder bei Personen mit anzeigepflichtigen Krankheiten) und neben den Sektionen nach Krankenanstaltenrecht – sanitätspolizeiliche Obduktionen zur Klärung einer durch äußere Totenbeschau nicht bestimmbaren Todesursache veranlasst werden können. Beispielhaft sei aus dem Niederösterreichischen Leichen- und Bestattungsgesetz von 1978 (§ 9) zitiert: „Die Bezirksverwaltungsbehörde hat die Obduktion einer Leiche mit Bescheid anzuordnen, wenn dies zur Feststellung der Ursache des Todes oder der Krankheit des Verstorbenen aus Gründen der öffentlichen Gesundheitsfürsorge notwendig ist und der Zweck der Obduktion auf andere Weise nicht erreicht werden kann.“
Forderung nach Verwaltungssektionen
Nachdem in den 1990er-Jahren Initiativen zur Einführung eines bundeseinheitlichen Leichenschauscheins gescheitert waren (7), haben verschiedene Bundesländer neue Leichenschauverordnungen und -gesetze formuliert, in denen teilweise auch die Vornahme von Obduktionen geregelt ist. Überwiegend betrifft dies klinische Obduktionen, in einzelnen Bundesländern findet man auch die außergerichtliche Obduktion (Bremen) oder rechtsmedizinische Sektion (Hamburg). Derartige Verwaltungssektionen, wie mit der Hamburger Regelung gesetzlich fixiert, sollten auch für andere Bundesländer angestrebt werden. Diese sollten die medizinisch unklaren Todesfälle umfassen, bei denen mutmaßlich ein natürlicher Tod vorliegt, die Todesursache jedoch nicht durch eine äußere Leichenschau auch unter Heranziehung der Krankengeschichte geklärt werden kann.
Einer Verwaltungssektion zugeführt werden sollten alle unklaren oder gewaltsamen Todesfälle, an deren weiterer Aufklärung die Staatsanwaltschaft kein Interesse hat. Durch eine Verwaltungssektion würden auch jene Todesfälle außerhalb von Krankenhäusern und Kliniken erfasst, die nicht zu klinischen Obduktionen führen. Ein Vorteil der Verwaltungssektion (Kasten 2) wäre darüber hinaus, dass, da nur ein Obduzent benötigt wird, das Verfahren im Vergleich zur gerichtlichen Obduktion kostengünstiger wird.
Regelungsmöglichkeiten
In Deutschland sind die Sektionszahlen zurückgegangen; andere Länder weisen wesentlich höhere Sektionsquoten auf. Foto: Caro
In Deutschland sind die Sektionszahlen zurückgegangen; andere Länder weisen wesentlich höhere Sektionsquoten auf. Foto: Caro
Als denkbare gesetzliche Regelungen der Zulässigkeitsvoraussetzungen von Verwaltungssektionen werden die aus der Diskussion zur Transplantationsproblematik bekannten Modelle diskutiert (6, 7, 12, 14).
- Enge und erweiterte Einwilligungslösung: Bei der engen Einwilligungslösung wird allein auf den Willen des Verstorbenen abgestellt. Er muss in die Vornahme der Obduktion eingewilligt haben, Vorstellungen der Angehörigen werden nicht berücksichtigt. Bei der erweiterten Einwilligungslösung hat der Verstorbene zwar in eine Obduktion nicht eingewilligt, es ist aber auch kein entgegengesetzter Wille bekannt geworden: Eine Obduktion kann erfolgen, wenn die Totensorgeberechtigten ihr zustimmen.
-Enge und erweiterte Widerspruchslösung: Nach der engen Widerspruchslösung darf eine Obduktion durchgeführt werden, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten nicht widersprochen hat; die Vorstellungen der Angehörigen bleiben unberücksichtigt. Nach der erweiterten Widerspruchslösung können die Totensorgeberechtigten – soweit kein entgegenstehender Wille des Verstorbenen bekannt ist – der Obduktion innerhalb einer festgelegten Frist widersprechen. Bleibt der Widerspruch aus, so kann obduziert werden. Die erweiterte Widerspruchslösung führt nach Erfahrungen mit der klinischen Sektion gegenüber der Zustimmungslösung zu höheren Obduktionsraten (5, 8, 17).
- Informationslösung: Die Informationslösung verlangt primär die Einwilligung des Verstorbenen in die Obduktion seines Leichnams. Fehlt diese Einwilligung und ist kein entgegenstehender Wille des Verstorbenen bekannt, so darf nach Information der Totensorgeberechtigten und Ablauf einer diesen einzuräumenden Widerspruchsfrist obduziert werden. Die Totensorgeberechtigten sind anlässlich der Information über die geplante Obduktion über ihr Widerspruchsrecht aufzuklären. Diese Informationslösung ähnelt sehr stark der erweiterten Widerspruchslösung. Die zwingende Information der Hinterbliebenen eröffnet jedoch diesen die Möglichkeit, neben dem Willen des Verstorbenen auch eigene, beispielsweise religiöse Bedenken geltend zu machen und durch Widerspruch eine Obduktion zu verhindern. Mit dieser Regelung würde der verfassungsrechtlich hoch anzusiedelnden Religionsfreiheit (Art. 4 GG) Rechnung getragen, weitergehende verfassungsrechtliche Bedenken gegen eine Regelung mit Widerspruchsfrist überzeugen nicht (5, 15).
- Indikationslösung: Neben diesen Modellen ist für die Einführung der Verwaltungssektion allerdings die Indikationslösung zu favorisieren, wie sie bereits von Heller 1897 (3) vorgeschlagen wurde und erfolgreich in Großbritannien praktiziert wird und auch in der DDR (14) üblich war. Im Prinzip entspricht auch die sanitätspolizeiliche Obduktion in Österreich beziehungsweise die Obduktion nach dem österreichischen Krankenanstaltengesetz (KAG) einer Indikationslösung, da die Indikation zur sanitätspolizeilichen Obduktion die durch die Leichenschau nicht zu klärende Todesursache darstellt. In derartigen Fällen auf Zustimmung oder Widerspruch abzuheben, würde den Sinn des Gesetzes unterlaufen. Auch für Deutschland wäre ein Indikationsmodell zu favorisieren, wie es der 93. Deutsche Ärztetag von 1990 getan hat und heute bekräftigen sollte. Der seinerzeitige Beschluss lautet: „Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer wird aufgefordert, den Bundesgesetzgeber zu bitten, ein Obduktionsgesetz zu beraten und zu beschließen. Grundlage eines Obduktionsgesetzes soll eine indikative Lösung sein, die bewährten Regelungen wie zum Beispiel in der DDR und Österreich folgt.“ (Dtsch Arztebl 1990; 87[23]: A 1859.)
Auf der Basis einer Indikationslösung wären klare Rechtsgrundlagen für die Handhabung medizinisch unklarer Todesfälle gegeben. Der Indikationskata-
log kann sich dabei an die §§ 8 ff. der DDR-Leichenschauanordnung anlehnen. Verfassungsrechtliche Bedenken gegen eine derartige Verwaltungssektion zur Klärung unklarer Todesfälle überzeugen auch dann nicht, wenn erst nach Information der totensorgeberechtigten Hinterbliebenen und Ablauf einer Widerspruchsfrist (erweiterte Widerspruchslösung, Informationslösung beim Indikationsmodell) die Obduktion vorgenommen wird. Im Transplantationsrecht nahm das Bundesverfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung an unter Hinweis auf die im Gesetz vorgesehene Möglichkeit des Widerspruchs gegen eine Organentnahme (15). Dies wird auch für eine Widerspruchslösung bei (behördlich) angeordneten Verwaltungssektionen gelten können.
Fazit
Die Einführung von Verwaltungssektionen wäre der geeignetste Weg, die systemimmanenten Schwächen des Leichenschau- und Todesursachenermittlungssystems in der Bundesrepublik Deutschland zu beseitigen. Natürlich würde man 200 000 zusätzliche Sektionen nicht allein mit dem derzeitigen Personalbestand in Pathologie und Rechtsmedizin auffangen können. Die Vorteile von Verwaltungssektionen für die Ärzteschaft, die Öffentlichkeit und das Gesundheitswesen liegen jedoch auf der Hand; die Überlegenheit des Systems in Großbritannien, Österreich und in den skandinavischen Ländern steht jedem Sachkundigen vor Augen. Dementsprechend fehlt es auch nicht an guten, nachvollziehbaren Argumenten und Bekenntnissen zu Sektionen – insbesondere auch Verwaltungssektionen – als sinnvolle und wirksame Maßnahmen der Qualitätssicherung in der Medizin und für die Rechtssicherheit. Es fehlt auch nicht an Ressourcen und geeignetem Fachpersonal (Pathologen, Rechtsmediziner). Was in Deutschland – etwa im Gegensatz zu Großbritannien – fehlt, sind der politische Wille und die Bereitschaft, im allgemeinen Interesse liegende Regelungen zum Obduktionsrecht umzusetzen.
Während nach einem Tötungsdelikt an einem Münchner Modemacher Politiker rasch eine Ausweitung der Speicherung von DNA-Daten forderten, machen sich Politiker hierzulande jedoch kaum für eine Verbesserung des Systems zur sicheren Feststellung der Todesursache stark. Die Journalistin Sabine Rückert hat diese Haltung zutreffend mit dem Titel ihres Buches „Tote haben keine Lobby“ umschrieben.


zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2006; 103(14): A 914–8.

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das beim Verfasser erhältlich oder im Internet unter www.aerzteblatt.de/lit1406 abrufbar ist.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Burkhard Madea
Institut für Rechtsmedizin der Universität Bonn
Stiftsplatz 12, 53111 Bonn
E-Mail: B.Madea@uni-bonn.de
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