ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2006Zur Zukunft des Gesundheitswesens: The worst case

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Zur Zukunft des Gesundheitswesens: The worst case

Dtsch Arztebl 2006; 103(14): A-964 / B-816 / C-788

Reiche, Michael

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Foto: caro
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Eine Geschichte ist erst dann zu Ende gedacht, wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen hat.

1990: Kassenpatient Hugo Maier, 31 Jahre, lässt sich von seinem Hausarzt, Dr. med. Thomas Arglos, eine Tetanusauffrischung geben. Der Arzt kennt ihn kaum, denn Herr Maier ist seit zehn Jahren nicht mehr krank gewesen. Dr. Arglos vermerkt auf dem Krankenschein „Tetanusauffrischung“.
1995: Herr Maier ist jetzt 36 Jahre alt und kommt zur Gesundheitsuntersuchung. Er ist übergewichtig und raucht seit fünf Jahren 20 Zigaretten täglich. Sonst ist er gesund, und die Untersuchungen ergeben keine Auffälligkeiten. Dr. Arglos hat jetzt einen Paxiscomputer. Dieser erwartet eine Abrechnungsdiagnose. Der Arzt verschlüsselt: „Sonstige Gründe, das Gesundheitswesen in Anspruch zu nehmen“.
2000: Herr Maier ist nun 41 Jahre alt und besorgt. Sein Vater (Raucher, Übergewicht, Hypertonie, Diabetes mellitus) ist vergangene Woche nach einem Herzinfarkt gestorben. Herr Maier hat seit der Beerdigung nicht mehr geraucht und sich inzwischen einer Walking-Gruppe und den Weight Watchers angeschlossen. Eine Gesundheitsuntersuchung ergibt außer einer milden Hypertonie und dem Übergewicht keine Pathologien. Eine ergänzende fachkardiologische und pulmologische Untersuchung ergeben Normalbefunde. Der Arzt verschlüsselt bei der Abrechnung : „Depressive Reaktion“.
2005: Der Patient ist nun 46 Jahre alt und hat Normalgewicht. Ohne Medikamente ist der Blutdruck niedrignormal, und Herr Maier blickt auf fünf Jahre Nichtrauchen zurück. Die Gesundheitsuntersuchung und Krebsvorsorge bei Dr. Arglos ergeben keine Auffälligkeiten. Der Arzt verschlüsselt die Diagnose: „Sonstige Gründe, das Gesundheitswesen in Anspruch zu nehmen.“
2007: Die elektronische Patientenkarte wird eingeführt. Bei Herrn Maier speichert Dr. Arglos außer den Impfungen und der Blutgruppe des Patienten keine Daten ab.
2009: Herr Maier gönnt sich mit seiner Stammtischrunde von seiner Kneipe an der Ecke einen Urlaub in Thailand. Nach seiner Rückkehr lässt er bei Dr. Arglos einen Aidstest durchführen. Der Test ist negativ. Damit die Krankenkasse die Kosten für den Test übernimmt, muss Dr. Arglos die Diagnose „Verdacht auf HIV-Infektion“ verschlüsseln.
2010: In der ambulanten Medizin wird die Diagno-
senabhängige Fallpauschale (DAFP) eingeführt. Die Gesundheitsuntersuchung bei Herrn Maier ist auch in diesem Jahr ohne Fehl und Tadel. Mithilfe eines DAFP-Scouts, der die mit den neuen Abrechnungsmodalitäten hoffnungslos überforderten Ärzte gegen ein stattliches Honorar von 100 Euro/Stunde (ohne Anfahrt) berät, verschlüsselt Dr. Arglos folgende Diagnosen: „Z. n. Adipositas, Z. n. Hypertonie, Z. n. Nikotinabusus, Z. n. Depression, Diabetes in der Familienanamnese, KHK in der Familienanamnese, Hypertonie in der Familienanamnese“. Diese sorgfältige Verschlüsselung kostet zwar Zeit, erhöht aber die Fallpauschale des inzwischen 51-jährigen Herrn Maier um stolze 300 Prozent.
2011: Herr Maier wird mit 52 Jahren Vater eines kerngesunden Jungen. Bei Entlassung aus der Entbindungsklinik erhält die Mutter die Versichertenkarte des Kindes. Gespeichert sind: Blutgruppe, APGAR-Index, Geburtsgewicht, genetischer Kode, Familienvorgeschichte: Diabetes, Hypertonie, KHK.
2012: Die Bürgerversicherung wird eingeführt. Alle Bundesbürger zahlen ein und erhalten eine Basisversorgung: 80-prozentige Erstattung aller ambulanten Leistungen, 100-prozentige aller stationären Leistungen, 50-prozentige des Zahnersatzes, Medikamente bis maximal fünf Euro Tagestherapiekosten, operative Eingriffe bei chronischen Erkrankungen (Bypassoperation, Gelenkersatz etc.) nur bis zur Verrentung, maximal bis zum Erreichen des 65. Lebensjahres. Leistungen zur Pflege bis maximal 50 Euro ambulant und 1 000 Euro bei stationärer Pflege. Herr Maier verdient gut und will für sich und seine Familie eine private Zusatzversicherung abschließen. In seinem Antrag entbindet er seinen Hausarzt von der ärztlichen Schweigepflicht und gestattet dem Sachbearbeiter der Versicherung Einsicht in seine auf dem Zentralrechner der Healthcard gespeicherten personenbezogenen Daten. Seine Frau stellt ebenfalls einen Antrag, unterschreibt aber aus Prinzip nicht die Schweigepflichtsentbindung und die Genehmigung der Einsicht der gespeicherten Daten.
Zwei Wochen später: Herr Maier erhält ein Schreiben: „Sehr geehrter Herr Maier, Ihren Antrag haben wir geprüft. Aus Ihrer Familienvorgeschichte ist bekannt: Diabetes mellitus, Hypertonie, Herzinfarkt. Aus Ihrer Anamnese entnehmen wir: Adipositas, Nikotinabusus, Hypertonie, Depression, V. a. HIV-Infektion. Wir bedauern es, Ihnen in Ihrem Alter bei dieser Risikokonstellation keine private Zusatzversicherung anbieten zu können. Ihrem Kind können wir bei entsprechendem Risikozuschlag ein Versicherungsangebot unterbreiten. Ihre Frau möchte gerne die Schweigepflichtsentbindung und die Genehmigung zur Dateneinsicht unterschreiben, da wir den Antrag sonst nicht bearbeiten können.
Am selben Abend: Herr Maier ist frustriert und geht seit fünf Jahren das erste Mal wieder in die Kneipe an der Ecke. Dort trifft er seinen Arbeitskollegen, den Kettenraucher Nico Tien. Der trinkt gerade sein fünftes Bier und feiert die Aufnahme in die private Zusatzversicherung. (Nicos Healthcard ist leer, da Nico zwar seit zehn Jahren Stammgast in der Kneipe ist, aber in dieser Zeit nie beim Arzt war. Bei Beschwerden suchte er immer den Heilpraktiker auf.) Herr Maier lässt sein halbes Glas stehen und geht nach Hause.
Sechs Monate später: Nico Tien ist nach seiner Bypassoperation zur stationären Nachbehandlung in einer Privatklinik. Die private Zusatzversicherung übernimmt die Kosten. Herr Maier sitzt im Flugzeug und wandert mit seiner Familie nach Australien aus. Mit im Flieger sitzt: Dr. med. Thomas Arglos. Sein Ziel ist Neuseeland . . . Dr. med. Michael Reiche
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