SUPPLEMENT: Reisemagazin

Japan: Wo der Enkel der Sonnengöttin wohnt

Sobik, Helge

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Geishas sind im Straßenbild Japans selten geworden – auch in Kyoto. Dort leben heute etwa 500 dieser hoch gebildeten und stilsicheren Gesellschafterinnen.
Geishas sind im Straßenbild Japans selten geworden – auch in Kyoto. Dort leben heute etwa 500 dieser hoch gebildeten und stilsicheren Gesellschafterinnen.
Kyoto – unterwegs in der alten Kaiserstadt

Der Enkel der Sonnengöttin ist nicht zu Hause. Sein Zimmer ist leer, und die Fensterläden sind geschlossen. In der Ecke liegt ein Kissen, als habe er darauf gerade noch gesessen. Früher hat er in diesem Zimmer Gäste empfangen, die sich nur gebückt nähern durften. Heute kommen die Besucher aufrecht. Die alten Fußbodenbohlen quietschen unter ihren Schritten, die Wandbespannungen sind noch immer aus Pergament und mit feinen Federzeichnungen überzogen. Von draußen dringt Vogelgezwitscher aus dem Park durch die Holzwand des Hauses. Aber die Gottheit ist nicht da, ist umgezogen, hat den Palast in Kyoto aufgegeben und Tokio zur neuen Hauptstadt erkoren. Fast 140 Jahre ist das her.
Die Zeit ist deshalb in der Stadt zwischen den Flüssen Katsura und Kamo auf der japanischen Hauptinsel Honshu nicht stehen geblieben – aber sie verrinnt langsamer. Das Leben ist traditioneller. Die Menschen, immerhin eineinhalb Millionen Einwohner, sind näher an ihrer Vergangenheit als die in Tokio. So als habe der himmlische Enkel beim Umzug die Zukunft mitgenommen. In Japan wurde der Kaiser wie eine Gottheit verehrt: unnahbar, unberührbar, unerreichbar. Seine Abstammung führte er in direkter Linie auf die Sonnenkönigin Amaterasu zurück. Fast 1 100 Jahre residierte der „Tenno“ in Kyoto – zeitweise im Niijo-jo-Schloss, zeitweise im Sento-Palast, ehe Gottkaiser Meiji 1868 seinen Sitz ins heutige Tokio verlegte. Manchmal kommt sein Nachfahre Kaiser Akihito, heutiger Inhaber des Throns, ins Haus seiner Vorfahren – meistens steht es leer und ist für Besucher geöffnet. Sie schreiten andächtig und nur auf Socken durch den kargen Palast, von wo aus das Inselreich zu den Glanzzeiten der Samurai regiert wurde – damals, als für Ausländer die Todesstrafe darauf stand, japanischen Boden zu betreten, und die Pokemons noch nicht erfunden waren.
Gottkaiser Mijio verlegte 1868 den Thron von Kyoto nach Tokio.
Gottkaiser Mijio verlegte 1868 den Thron von Kyoto nach Tokio.
Bis heute ist der Palast frei von elektronischen Spielereien und Touchscreen-Animation. Nicht einmal einen Souvenirshop gibt es, keine Krimskramsstände vorm Palasttor, keine Nudelsuppenbuden in den gepflegten Gärten mit ihren Kieselornamenten, mit Bonsais und Kirschbäumchen. Als ob es die Ehrfurcht vor den Herrschern von einst gebietet: Hinter den hohen Palastmauern ist die Vergangenheit konserviert – so als könnte der Gottkaiser jederzeit mit einem Umzugslaster vorfahren und wieder in die alten Gemächer einziehen und per Dekret die sofortige Abschaffung alles Modernen verkünden, von Karaoke und Foto-Handy, von Play-Station und kreischfarbenen Kleinstwagen.
Im Zweiten Weltkrieg blieb Kyoto von Bomben verschont. 1 605 Tempel gibt es hier noch heute, dazu 271 Schreine – die ältesten aus
dem achten Jahrhundert. Manchen Straßenzug, manche Häuser in der
Umgebung könnten die Herrscher von einst wiedererkennen. Doch täglich werden es weniger. Japan geht meist unsensibel mit der Vergangenheit um, und auch in Kyoto weicht sie nach und nach der Moderne, machen kleine Holzhäuser Platz für neue Kolosse aus Glas, Beton und Stahl. Weniger als 15 Prozent der Gebäude, die heute das Gesicht dieser Stadt prägen, sind vor dem Krieg erbaut worden.
Aus dem Kiyomizu-Tempel in den Hügeln des Stadtviertels Higashiyama-ku bleibt die Moderne ebenso ausgesperrt wie aus dem alten Kaiserpalast, doch dort darf sie bereits die Zubringerstraße säumen: In zahllosen Geschäften türmen sich Souvenirs für Pilger, die den steilen Weg hinaufwandern – wenig Hightech, eher Kerzen und Keramikgefäße, Fächer und bunte Wimpel, dazu frisches Gebäck als Wegzehrung. Es duftet nach Räucherstäbchen mit Zuckerguss, nach Aromalämpchen mit Marzipan, nach einer Mischung aus ferner Welt und deutschem Rummelplatz. So überwiegend traditionell das Warenangebot ist – so ultramodern sind die glucksenden Computerkassen der Läden, deren Bargeldschubladen dankbar aufspringen und im Akkord Yen-Scheine fressen.
Zwei Geishas trippeln an diesem Morgen durch die Gasse, haben knallrot geschminkte Lippen, tragen das schwarze Haar geschlossen, sind von blütenweißen Kimonos umweht. Die Japaner beachten die beiden kaum. Die wenigen Fremden aber wollen sie am liebsten fotografieren. Mit einer Mischung aus Charme und Autorität winken die Geishas ab, wollen sich nicht knipsen lassen und trippeln davon – die Vergangenheit zu Gast in den Gassen beim Kiyomizu-Tempel. Etwa 500 dieser „Unterhalterinnen“ soll es in Kyoto noch heute geben – davon mehr als die Hälfte „Maiko“, Lern-Geishas, die in der alten Kaiserstadt ausgebildet werden. Jede wird 16 Stunden am Tag unterrichtet, muss die traditionelle Teezeremonie perfekt beherrschen, bewandert sein in Literatur und Geschichte, mehrere Musikinstrumente spielen können, die Umgangsformen bis ins letzte Detail beherrschen. Geishas sind im Straßenbild Japans selten geworden – auch in Kyoto, wo es vor einem halben Jahrhundert noch 8 000 von ihnen gab.
Der Kiyomizu-Tempel ist ein Symbol der religiösen Toleranz Japans. Er steht für die Vereinigung von Buddhismus und Shintoismus, ist der elfköpfigen Göttin Kannon gewidmet, geht zurück auf das Jahr 798 und ist von der UNESCO als Weltkulturerbe unter besonderen Schutz gestellt worden. Wer seine Wünsche und Fürbitten die steilen Treppen hinaufträgt, darf auch in allzu weltlichen Dingen himmlische Hilfe herbeirufen. Zwischen den vielen hölzernen Votivtäfelchen klappert an diesem Morgen eines an einer Schleife im Wind, auf das jemand geschrieben hat „Möge Japan Fußballweltmeister werden“. Die persönlicheren Bitten reichen von „Ewige Gesundheit für meine Familie“ bis zu „Ich wünsche mir eine Frau, die Manga-Comics liebt“ – Hinterlassenschaften der Pilger.
Der Kiyomizu-Tempel thront hoch über Kyoto am Hang des gleichnamigen Hügels – eine aufwendige Holzkonstruktion, die sich verwegen an den Fels klammert und Pate für eine Redewendung steht: Als „Sprung von der Veranda des Kiyomizu-Tempel“ bezeichnen
Japaner eine tollkühn-verrückte Herangehensweise, die nie zum
gewünschten Ziel führen wird. Eher würde der Kaiser wieder nach
Kyoto ziehen. Helge Sobik

Informationen
Japanische Fremdenverkehrszentrale, Kaiserstraße 11, 60311 Frankfurt/Main, Telefon: 0 69/2 03 53, Fax: 0 69/28 42 81, Internet: www.jnto.go.jp.
Anreise: Täglich ab Frankfurt/Main mit All Nippon Airways (Reservierungs-
Telefon: 01 80/1 11 66 66) via Tokio nach Osaka ab 1 100 Euro; von dort per Zug in rund 75 Minuten nach Kyoto. Der Tarif schließt Zubringerflüge mit Lufthansa ab allen deutschen Flughäfen ein.
Hotel: Übernachtung in Kyoto ab 80 Euro pro Nacht und pro Person
im Doppelzimmer bei DER-Tour (www.dertour.de).
Buchtipp: Baedeker Japan (508 Seiten; 25,95 Euro).
In den Hügeln über Kyoto liegt der Kiyomizu-Tempel –Weltkulturerbe und Symbol religiöser Toleranz.
In den Hügeln über Kyoto liegt der Kiyomizu-Tempel –Weltkulturerbe und Symbol religiöser Toleranz.
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