ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 1/2006Tunesien: „Die Leibhaftigkeit des Märchens“

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Tunesien: „Die Leibhaftigkeit des Märchens“

Sobik, Helge

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Fotos: picture-alliance/akg August Macke, „Arabisches Café“, 1914, Öl auf Holz
Fotos: picture-alliance/akg August Macke, „Arabisches Café“, 1914, Öl auf Holz
Zwölf Tage, die Kunstgeschichte schrieben: auf den Spuren der „Tunisreise“ von August Macke und Paul Klee

Steile kopfsteingepflasterte Gassen führen den Hang hinab. Vorbei an schneeweißen und wie Schachteln übereinander gestapelten Häuschen mit hellblauen Türen und Fensterläden und gefliesten Innenhöfen, vom Leuchtturm hoch über dem Ort bis hinunter in die Altstadt von Sidi Bou Said: dorthin, wo vor 102 Jahren August Macke, Paul Klee und Louis Moilliet gesessen, geträumt und vor allem aquarelliert haben. In ihren Skizzenblöcken hielten sie den arabischen Alltag fest – all die orientalische Urtümlichkeit, die Farbenpracht, die Fremdheit hier vor den Toren der tunesischen Hauptstadt am Golf von Tunis.
„Die Leibhaftigkeit des Märchens“, notierte Paul Klee damals in seinem Tagebuch. „Ich und die Farbe sind eins. Sie hat mich. Für immer!“ Jahre später sollte die Nordafrikafahrt der drei Maler als „Tunisreise“ in die Kunstgeschichte eingehen. Die hier in den zwölf Tagen zwischen dem 7. und 19. April 1914 entstandenen Arbeiten hängen heute in bedeutenden Museen und Privatsammlungen – die Werke der Tunisreise, die das Gespann erst nach Sidi Bou Said und Tunis, dann weiter nach Hammamet und Kairouan geführt hat. Allein August Macke hinterließ mehr als 100 Zeichnungen und fast 40 Aquarelle von dieser Reise. Es war seine Letzte, denn schon im September 1914 fiel er auf einem der Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges.
Seit Generationen hat Sidi Bou Said, heute ein Villenvorort von Tunis, Künstler angezogen. Wenn die Sonne unterging, saßen sie auf der von Bougainvillea umrankten Terrasse des „Café des Nattes“, rauchten Wasserpfeife, blickten über die Dächer des Ortes hinweg Richtung Mittelmeer. Sie hörten den Ruf des Muezzins der benachbarten Moschee. „Allahu akbar“, schallt es von dort heute genau wie 1914 vom Minarett, wenn die Sonne versinkt. Mit seinem Pinsel hat Macke die Stimmung festgehalten und in seinen Farben auch den Klang der Stimme des Muezzins für die Ewigkeit fixiert.
Macke, Klee und Moilliet kamen mit dem Linienschiff „Carthage“ aus Marseille. Sidi Bou Said war die erste Siedlung, die sie von Deck aus am Horizont sahen – ein Ort, dessen Gassen noch immer kopfsteingepflastert sind. Auch das Café scheint sich seit 1914 kaum verändert zu haben. Nur ist es inzwischen Anziehungspunkt der Tagesausflügler aus den Badeorten geworden, die auf den Spuren der „Tunisreise“ durch den herausgeputzten maurischen Bilderbuchort spazieren. Eine Stunde gewähren ihnen ihre Reiseleiter dafür, ehe der Bus weiterrollt.
Am schönsten ist es in Sidi Bou Said nach Sonnenuntergang, wenn es leer geworden ist in den Gassen. Wenn die Tour-Busse wieder zurück in die Badeorte am Mittelmeer gefahren sind. Dann, wenn wieder alles so ist wie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Wenn alle wieder Zeit zum Plausch haben: sei es beim Wasserpfeiferauchen im Café des Nattes oder ein paar Straßenecken weiter beim Tee im Café Sidi Chaabane mit weitem Blick über den Golf von Tunis. „Die Stadt liegt so schön da oben und blickt weit ins Meer, das hoch aufatmend mit uns hinaufsteigt“, hielt Klee seine Eindrücke im Tagebuch fest.
Foto: August-Macke-Haus, Bonn August Macke (vorn) und Paul Klee im April 1914: „Ich versuche zu malen. Ein Rhythmus für immer.“
Foto: August-Macke-Haus, Bonn August Macke (vorn) und Paul Klee im April 1914: „Ich versuche zu malen. Ein Rhythmus für immer.“
In der Nacht ihrer Ankunft zog es die drei Maler in die Medina von Tunis: „Ein Spaziergang durch die nächtliche Araberstadt. Materie und Traum zu gleicher Zeit“, notierte Klee. Bei Tageslicht kehrten sie zurück und malten.
Süßlich riecht es heute in den Altstadtgassen rund um die Hauptmoschee Jama ez Zitouna, nach Weihrauch und Wasserpfeife, nach 1 001 Parfümdüften. Verschleierte Frauen, dahinter selbstbewusste junge Tunesierinnen in engen Jeans.
Die Medina von Hammamet dagegen ist heute ein Orient-Disneyland, dessen Mauern echt sind, dessen Mauernischen aber längst mit Nepp in austauschbaren Geschäften gefüllt sind. Alle Sprachen hört man hier – nur eine kaum noch: die arabische. „Die Stadt ist fabelhaft, am Meer gelegen, winklig und rechtwinklig und wieder winklig. Dann und wann von der Ringmauer ein Blick. Ich versuche zu malen. Ein Rhythmus für immer.“ Klee ist begeistert vom Hammamet des Jahres 1914. Kein Wunder, das im Zeitalter der Farbfotos und des großen Tourismus zuerst dieses Dorf in die bunten Kataloge für die Urlaubshungrigen aus dem Norden Einzug gehalten hat. Kein Wunder, dass das verschlafene Hammamet des Jahres 1914 heute die Hochburg des tunesischen Badetourismus geworden ist. Mehr als 50 000 Gästebetten gibt es dort inzwischen. Frühmorgens um sechs Uhr sind die drei Maler seinerzeit in Tunis aufgebrochen und die weniger als 100 Kilometer bis Hammamet mit dem Zug gefahren: „Man kommt nur langsam vorwärts. Aber was macht das? In allen Hecken singen Vögel. Wir blicken in einen Garten, wo ein Dromedar an der Zisterne arbeitet. Das ist ganz biblisch.“
Nach nur einer Nacht ziehen sie weiter Richtung Kairouan. Nach Mekka, Medina und Jerusalem ist Kairouan die vierte Heilige Stadt des Islam. „Tausendundeine Nacht als Extrakt mit 99 Prozent Wirklichkeitsgehalt. Welch ein Aroma, wie durchdringend, wie berauschend“, schrieb Klee in sein Tagebuch: „Ich und die Farbe sind eins!“ In den Straßen der Souks von Kairouan duftet es nach mit Rosenöl parfümiertem Kaffee, nach in heißem Fett gebackenen Köstlichkeiten, nach frischem Obst, irgendwann nach Tabak. In den Hinterhofbäckereien links und rechts der Gassen entsteht, wofür Kairouan bekannt ist – „Makrout“, kleine Grießteigkügelchen, die mit Dattelmus gefüllt sind.
Klee hält der Fülle der Eindrücke nicht mehr stand, reist vorzeitig ab, will allein sein – nicht aus Abneigung gegen diese Stadt, sondern aus Nähe zu ihr: „Es war zu stark, was ich erlebte. Und fort musste ich auch, mich zu besinnen.“ Nach nur zwei Nächten setzt er sich in den Zug zurück nach Tunis und vertraut dem Tagebuch an: „Ich bin ganz Auge. Das meiste ist in mir drin, tief drin, aber so voll, dass es jederzeit offenbar wird. Mein Karren ist zu voll geladen, ich muss an die Arbeit. Die große Jagd ist zu Ende.“ Macke und Moilliet bleiben ein paar Tage länger. Sie stehen am Kai, während Klee in Tunis das Schiff zurück nach Europa nimmt: Eindrücke verarbeiten. Malen. Alles, was seit dieser Reise in seinem Kopf kreist. Ein Leben lang.
Knappe zwei Wochen in Tunesien haben ausgereicht, um Kunstgeschichte zu schreiben. Das Letzte, was Klee und später Macke und Moillet von Nordafrika sehen, sind die Lichter von Sidi Bou Said auf einem Bergrücken. Helge Sobik

Informationen:
Tunesisches Fremdenverkehrsamt, Goetheplatz 5, 60313 Frankfurt/Main,
Telefon: 0 69/2 97 06 40.
Veranstalterangebot: Eine Woche im Strandhotel „Mehari“ in Hammamet mit Halbpension und Flug ab 668 Euro bei TUI. Von dort aus werden Ausflüge unter anderem nach Sidi Bou Said, Tunis und Kairouan angeboten.
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