SUPPLEMENT: Reisemagazin

Radler willkommen: Vom Schlemmen und Strampeln

Diemar, Claudia

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Eine Genusstour durch das Saarland

Ein verführerischer Duft zieht aus dem strohgedeckten Fachwerkbau. Im Wiesental am Rand des Dörfchens Theley liegt die Johann-Adams-Mühle aus dem 16. Jahrhundert. Einmal in der Woche wirft dort Bäcker Josef Schütz den Ofen an und schiebt das Bauernbrot in die Glut. Die köstlichen kreisrunden Laibe dürfen später als Souvenir mitgenommen werden. Vorher ist aber noch den kurzweiligen Ausführungen von Berthold Rauber zu lauschen, der die Besucher durch die Mühle führt. Wer dem Mann mit der Heinz-Becker-Mütze gelauscht hat, wird nie wieder vergessen, woher der Ausdruck „ins Fettnäpfchen treten“ stammt.
Die Reise fängt ganz harmlos an. Im „Bett&Bike-Hotel Landhaus Mörsdorf“ in Neunkirchen übernehmen wir die knallgelben Mieträder. Los geht es Richtung Bostalsee inmitten des Naturparks Saar-Hunsrück. Rund zwölf Hektar Wasserfläche sind als Naturschutzgebiet ausgewiesen, zwei Strandbäder garantieren sommerlichen Badespaß. Die Rundfahrt um den See ist ein kommodes Radvergnügen. Wir befinden uns auf einem Teilstück des Saar-Nahe-Radwegs, einer landschaftlich reizvollen Nord-Süd-Verbindung, die sich mit anderen Radrouten durch das kleinste deutsche Bundesland gut kombinieren lässt. Wer aber glaubt, das Saarland sei überwiegend flach, weil es nach einem Fluss benannt ist, irrt gewaltig. Der hier als „Hochwald“ bezeichnete Schwarzwaldausläufer reicht bis zur Saarschleife weit im Westen. Unweit der Bliesquelle müssen wir an einer Flanke des Leißbergs und der Teufelskanzel vorbei und schwitzen nicht wenig. Der Lohn der Mühsal wartet in Oberthal, wo wir im Landgasthof „Blauer Fuchs“ auch im Radler-Outfit willkommen sind. „Du kannst betteln, du kannst bitten – der blaue Fuchs hat keine Fritten“, hat ein Gast als Hommage an das Haus hinterlassen. Stattdessen offeriert das Menü von Chef Roland Burtsche ein asiatisch inspiriertes Thunfischcarpaccio mit Orangen-Sushi-Vinaigrette, gefolgt von Rinderrücken mit Salbeikruste und Rhabarberkompott mit Buttermilchmousse. Oder wie wäre es mit Saltimbocca vom heimischen Ziegenfrischkäse mit Kürbiskernöl, danach Kaiserbarsch im Auberginenmantel mit Wasabi-Schaum und einem Feigenragout mit Rosmarin-Eiskrem als Abschluss? Die fachkundig zusammengestellte Weinkarte offeriert dazu nicht weniger als 150 edle Tropfen. Wir lassen es bei einem Glas Burgunder, denn schließlich müssen wir noch gut 15 Kilometer durch Wald und Feld zurücklegen, bis wir mit schweren Beinen auf unser Bikerbett sinken können.
Im Saarland liegt alles nah beieinander: Landschaftsidylle und Industrieruinen, Grande Cuisine und volkstümliche Küche. Achtmal hat die Nationalität der Saarländer in den letzten 200 Jahren gewechselt, kein Wunder also, dass französische Einflüsse reichlich zu finden sind und „Savoir vivre“ kein Fremdwort ist.
Das Leben an der Saar war freilich kein Zuckerschlecken. Die Arbeiter im Kohlebergbau und in den Stahlhütten mussten nach Feierabend im eigenen Garten oder auf dem Acker schaffen, um mit den Familien über die Runden zu kommen. Und weil Schwerarbeiter ordentliche Stärkung brauchen, ist die Volksküche deftig. „Geheiratete“ nennt sich etwa die „eheliche“ Verbindung von Mehlklößen und Kartoffeln unter einer dicken Specksoße. „Dibbelabbes“ ist eine Art Riesen-Rösti mit Lauch und Speck. Für zwischendurch schwört man auf eine „Lyoner“, wie man die Fleischwurst an der Saar zu nennen pflegt. Bodenständige Gerichte kann man in „Adams Bauernstube“ in Siersburg-Gerlfangem ebenso genießen wie im „School Kättchen“ in Weiskirchen-Weierweiler. Hausmannskost serviert auch das „Abtei-Bräu“ in Mettlach, wo man sich zudem an den hauseigenen Bierspezialitäten stärken kann. Alle diese Adressen liegen direkt an oder nur einen Katzensprung von den Radrouten des Saarlandes entfernt.
Im Saarland liegt alles nah beieinander: deftige Volksküche mit Bauernbrot von Bäcker Josef Schütz und Grande Cuisine, die Klaus Erfort und Andrea Schütz vom GästeHaus in Saarbrücken zwei Michelin-Sterne eingetragen hat. Foto: Tourismuszentrale Saarland
Im Saarland liegt alles nah beieinander: deftige Volksküche mit Bauernbrot von Bäcker Josef Schütz und Grande Cuisine, die Klaus Erfort und Andrea Schütz vom GästeHaus in Saarbrücken zwei Michelin-Sterne eingetragen hat. Foto: Tourismuszentrale Saarland
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Seit Frühjahr 2004 firmiert das kleine Bundesland touristisch unter dem Motto „SaarRadland“. Rund 900 Kilometer sind mustergültig ausgeschildert und in einer Broschüre mit exakten Höhenprofilen ausgewiesen. „Bett&Bike“-Gasthöfe dienen sich speziell den Freunden des Radsports an. Unterstellmöglichkeiten für das Rad sowie Werkzeug für kleinere Reparaturen sind vorhanden, Gelegenheit zum Trocknen der Kleider ist gegeben, und ein opulentes Biker-Frühstück macht fit für den Tag im Sattel. Ganz unschiedliche Anforderungen stellen die Routen an die Radler. Der Niedradweg ab Siersburg gibt sich zunächst harmlos idyllisch. Die Tour führt an alten Mühlen entlang und durch Dörfer mit schmucken Lothringer Bauernhäusern. Sehenswert ist auch das „Haus Saargau“, ein altes Hofgut in Wallerfangen, das als Heimatmuseum dient und hinterm Haus mit einem herrlichen Bauerngarten überrascht. Doch der Weg dorthin erfordert Kondition. Und wer es weiter bis zum komfortablen Landhotel „Linslerhof“ in Überherrn schaffen will, muss weiter tüchtig in die Pedale treten. Bequem und für die ganze Familie geeignet ist die Route von Blieskastel bis Sarreguemines, denn der Weg verläuft praktisch ohne jede Steigung auf einer ehemaligen Bahntrasse entlang des Flüsschens Blies.
Gemessen an der Zahl seiner Einwohner weist das Saarland die zweithöchste Dichte an Sterneköchen aller Bundesländer auf. Immerhin drei Küchenmeister sind von den Michelin-Kritikern ausgezeichnet worden. Die beiden Sterne-Adressen von Christian Bau im „Schloss Berg“ in Perl-Nennig und die von Alexander Kunz in St. Wendel-Bliesen liegen nur einen Katzensprung vom nächsten Radweg entfernt.
Auch in Saarbrücken muss der Feinschmecker nicht darben, was man dank Tatort-Kommissar Palü ohnehin weiß. „GästeHaus“ nennt sich bescheiden die Jugendstilvilla, in der Klaus Erfort unter zwei Michelin-Sternen kocht. Das perfekte Serviceteam empfiehlt zum Abschluss der Genusstour: Carpaccio von Langustinos mit Limonenmarinade, gefolgt von Loup de Mer mit Artischockenragout, alsdann Crépinette vom Lammkotelett mit provenzalischen Gemüsen an Kräuterjus und zum Nachtisch eine optisch wie geschmacklich äußerst raffinierte kleine Rhabarbervariation. Claudia Diemar

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