ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 1/2006Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin: Die drei Schönen von Usedom

Supplement: Reisemagazin

Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin: Die drei Schönen von Usedom

Dtsch Arztebl 2006; 103(14): [18]

Jachertz, Norbert

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In die klassische Bäderarchitektur wurde kräftig investiert.

Alljährlich nach seiner Nordlandfahrt besuchte der Kaiser mit seiner Gefolgschaft in gelben Automobilen die Konsulin Staudt. Zum Tee. In Heringsdorf, dem Seebad der Reichen und Schönen. Jedenfalls zeigt ein zeitgenössisches Foto Kaiser Wilhelm II. in legerem Jackett, in weißer Sporthose und mit weißen Segelschuhen am Teetisch, gegenüber seine Gesprächspartnerin, Elisabeth Staudt, eine reife nordische Schönheit. Der Kaiser kam zwischen 1908 und 1912 regelmäßig des Sommers, der Konsul Staudt war 1906 verstorben.
Staudt, der sein Geld im Südamerikahandel gemacht hatte, erwarb die heute nach ihm (oder seiner Frau) benannte Villa Ende des 19. Jahrhunderts. Er fand in Heringsdorf die angemessene Nachbarschaft vor: die Bleichröders, Delbrücks und Oppenheims, Bankiers, Unternehmer und Kunstsammler. Sie alle residierten in prächtigen Villen mit Seeblick, nebeneinander und doch durch weitläufige Parks auf Distanz gehalten.
Die Villen sind heute in Ferienwohnungen aufgeteilt, die Parks groß genug, um Appartements und Hotels aufzunehmen. Buchstäblich traumhaft ist die Architektur. Denn die Reichen von damals bauten sich ihre geheimen Träume – eine Palladio-Villa, ein Barockschloss, einen florentinischen Palazzo, einen englischen Landsitz. Nicht reinrassig, sondern mit Gründerzeit- und Jugendstil durchsetzt. Die Villa Oechsler gleicht im Mittelteil einem ionischen Tempel, im Giebel statt des antiken Titanenkampfes badende Grazien, ausgeführt als Mosaik in Emailletechnik von Salviati aus Venedig, das Teuerste vom Teueren; der Entwurf soll von Anton von Werner stammen, einem der Malerfürsten des 19. Jahrhunderts.
Die weniger Reichen aus dem Bürgertum, die Rechtsanwälte und Fabrikanten, und alsbald die Pensions- und Hotelwirte taten es den „Großen“ nach, eine Nummer kleiner. Auch sie bauten in strahlendem Weiß und kaiserlichem Gelb. In Heringsdorf und den beiden Nachbarorten Ahlbeck und Bansin entstand so ein unvergleichliches, geschlossenes Ensemble der so genannten Bäderarchitektur. Es überdauerte die Zeit.
Die großen Villen, prunkvollen Hotels und kleinen Pensionen warten alle mit einer wechselvollen Geschichte auf. Die Konsulin Staudt zum Beispiel hat ihre Villa an Hitlers Leibarzt Morell verkauft. Die DDR nutzte sie als Wilhelm-Pieck-Heim für höhere Funktionäre. Die Häuser der Bleichröders und
Oppenheims wurden „arisiert“ und dienten NS-Größen, dann
sowjetischen Offizieren als Erholungsheime. In die Villa Oppenheim zog alsdann Stasichef Miehlke ein, in die Villa Bleichröder Harry Tisch vom Gewerkschaftsbund. Es folgten Treuhand, Rückübereignung und schließlich die Investoren, die die Palazzi den zahlenden Gästen öffneten.
Relikte aus der DDR sind selten. Auffallend ist nur noch das ehemalige Betriebserholungsheim „Erich Weinert“ des VEB Leuna an der Heringsdorfer Promenade, 1977 im Stil der DDR-Moderne erbaut. Gemeinde und Investoren haben sich bisher nicht über die Bebauung einigen können. Einstweilen verfällt der Bau. Die Kommune will den Abriss, der Fremdkörper inmitten von Bäderarchitektur und postmodernem Investorenstil stört im Marketingkonzept. Denn die Gemeinde Heringsdorf, zu der seit 2005 auch Ahlbeck und Bansin gehören, setzt auf Qualitätstourismus unter der Marke „Kaiserbäder“. Die Marketingleute machen nicht nur die DDR vergessen, sondern gehen gleich drei Schritte in der Historie zurück und knüpfen an die Ursprünge an, als die Hohenzollernkaiser aus Berlin und Kaiser Franz Joseph aus Wien die chicen Bäder auf Usedom beehrten, als die Delbrücks die „Seebad Heringsdorf AG“ gründeten und die Grundstücke für die großen Villen parzellierten, als Dichter, Maler und Komponisten die kulturellen Glanzlichter beisteuerten.
Theodor Fontane schrieb Briefe aus Heringsdorf, Thomas Mann arbeitete in Ahlbeck am „Zauberberg“ und Maxim Gorki in der Villa Irmgard, Richtung Bansin, an seinen „Universitäten“. An Gorki erinnert ein kleines liebevoll betreutes Museum. Ein anderes ist Hans Werner Richter gewidmet, dem Begründer der legendären Gruppe 47. Richter stammte aus dem Hinterland von Bansin und hat seinen Nachlass seiner Heimatgemeinde vermacht. Das tat jüngst auch Carola Stern. Die wuchs in Ahlbeck auf; alte Ahlbecker zeigen sich heute noch verblüfft darüber, dass sie, die vermeintliche Genossin, für den US-Geheimdienst tätig war, bevor sie in den Westen ging. Richters und Sterns Hinterlassenschaften sind jetzt im alten Feuerwehrhaus von Bansin vereint.
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Jede der drei Schönen hat ihre besonderen Reize. Heringsdorf wirkt immer noch ein wenig herrschaftlich: Villen unter hohen Buchen und mächtigen Kiefern. Ahlbeck kommt bürgerlicher daher, alles etwas niedriger, offener der See zugewandt. Charakteristisch für beide Orte sind die Seebrücken; Heringsdorf hat die längste, 508 Meter, Ahlbeck die älteste, von 1898. Bansin ist familiär. Die Bauten stehen auf Lücke, damit auch die Gäste in der zweiten Reihe etwas vom Meer haben. Das ist immer präsent. Denn ob all der Kaiser und Banker sei nicht vergessen, dass es sich bei den drei Schönen um Seebäder fürs große Publikum handelt, mit langen Stränden, weichem Sand und bei Sonne kitschblauem Meer. Dann ist es auf Usedom wie an der Riviera oder der Côte d’Azur. Daran mögen auch die Oppenheims etc. gedacht haben, als sie sich ihre Villen im südlichen Stil bauten. Im Nizza des Nordens. Norbert Jachertz

Informationen:
Heringsdorf (mit Ahlbeck und Bansin) hat 9 500 Einwohner und 14 000 Gästebetten. Der Komfort ist durchweg hoch, da nach der Wende gründlich renoviert wurde. Usedom ist mit PKW und Bahn gut zu erreichen, im Sommer auch direkte Flüge aus NRW und Berlin. Auskünfte: Telefon: 03 83 78/2 44 97, Internet: www.dreikaiserbäder.de.
Kultur: Gorki- und Hans Werner Richter-Museum. Musikfestival vom 22. September bis 7. Oktober, Klassik (www.usedomer-musikfestival.de). Modefestival am 21. und 22. April (in diesem Jahr mit schwedischem Design) sowie am 13. und 14. Oktober (www.baltic-fashion-award.de).
Ein besonderer Tipp ist der Kirchensommer, veranstaltet vom evangelischen Pfarramt in Benz (www.kirche-benz.de), Kammermusik in der alten Dorfkirche (meist im August).

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