ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 1/2006Baedeker geliftet: Kneipen neben Kathedralen

Supplement: Reisemagazin

Baedeker geliftet: Kneipen neben Kathedralen

Dtsch Arztebl 2006; 103(14): [27]

Schiller, Bernd

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Foto: picture-alliance /akg
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Die berühmten Reiseführer sind frischer und zeitgemäßer geworden.

Der Vater aller Reiseführer war ein Erbsenzähler, im wahrsten Sinne des Wortes. Als Karl Baedeker 1847 den Mailänder Dom bestieg, traf er auf dem Weg nach oben zufällig seinen Freund, den Freiherrn Gisbert von Vincke. Der wunderte sich, warum Baedeker ständig erst in die Westentasche, dann in die Hosentasche griff: Alle 20 Stufen steckte der Verleger der „Rheinreise von Mainz bis Cöln“ und anderer wegweisender Schriften eine Erbse aus seiner Westentasche in die Hosentasche, rechnete auf dem Turm die Endsumme aus, und beim Hinabsteigen machte er die Gegenprobe.
Fotos (2): Baedeker Der „Ur“-Baedeker von 1828
Fotos (2): Baedeker Der „Ur“-Baedeker von 1828
„Der Baedeker“, erstmals 1828 erschienen, wurde mit dieser Art akribischer Recherche zum Synonym gründlicher, über lange Zeit freilich auch staubtrockener Reiseführer für die gebildeten Stände. Kapitelle wurden auf den Zentimeter genau vermessen, die Geschichte aller Bauwerke und erst recht die der Länder und Städte bis in die Steinzeit zurück beschrieben. Jetzt, 178 Jahre und mehr als 200 Titel nach der „Rheinreise“, hat sich der Baedeker gehäutet. Gut 90 Bände eines neuen Konzepts sind erschienen. Bis Ende des Jahres kommen weitere 50 Baedeker in neuem Gewand auf den Markt, ein Relaunch, der das Haus MairDumont mindestens zwölf Millionen Euro kostet. Kultur und Kunst haben immer noch einen sehr hohen Stellenwert, sind aber mit flotten Beiträgen und aktuellen Adressen zu Lifestyle und Szene an manchen Stellen etwas geschrumpft. So gönnt etwa der neue Baedeker „Hamburg“ der Galerie der Gegenwart, einem der wichtigsten deutschen Kunstmuseen der Moderne, nur noch sechs Zeilen, in der alten Ausgabe waren es 23. Dafür aber schickt der geliftete Band die Hamburg-Touristen ganz selbstverständlich ins In-Viertel „Schanze“, das vor fünf Jahren in dieser Reihe noch gar nicht vorkam.
Die gewohnte alphabetische Ordnung ist generell beibehalten worden; durch ein neues Farbleitsystem entfällt aber lästiges Hin- und Herblättern. Tipps für Kneipen und andere Treffpunkte stehen jetzt sozusagen neben Kirchen und Tempeln. Chefredakteur Reiner Eisenschmidt, seit elf Jahren verantwortlich für die Baedeker-Reihe: „Wir haben uns den veränderten Reise- und Lesegewohnheiten angepasst, aber nicht angebiedert.“ Zu den neuen Perspektiven gehören aufwendig gestaltete 3-D-Grafiken. So werden zum Beispiel im gerade erschienenen Ägypten-Band die Tempel von Edfu und Abu Simbel und natürlich die Pyramiden „aufgeblättert“, eine Sichtweise, die neugierig macht. Frisch und zeitgemäß wirkt das alles. Nach wie vor aber finden auch die Stammleser alles Wissenswerte über Kultur und Geschichte. Hinzu gekommen sind Beiträge und Informationen über den Alltag in den Zielgebieten, kurz: „mehr Atmosphäre, weniger Zahlen“ (Eisenschmidt).
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Klar, dass da Erbsenzähler vom Schlage Karl Baedekers nicht mehr so gefragt sind. Im neuen Hamburg-Band wird der mühsame Weg auf den Turm der Michaeliskirche – Wahrzeichen der Hansestadt – lediglich mit „mehr als 400 Stufen“ angegeben. Wer es genau wissen will: Es sind 449 bis zur Aussichtsplattform – selbst nachgezählt –, so wie es übrigens 1951 auch im ersten Hamburg-Baedeker stand. Bernd Schiller

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