ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2006Wi(e)der die therapeutische Ohnmacht
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LNSLNS Ressourcenorientierung: Innere Schätze
Wolfgang Neumann, Björn Süfke, Stefan Reinisch, Anna Julia Wittmann, Jens Flassbeck: Wi(e)der die therapeutische Ohnmacht. Ressourcenorientierte Psychotherapie in „schwierigen Fällen“. dgvt-Verlag, Tübingen, 2005, 296 Seiten, gebunden, 22 €
Dem therapeutischen Burn-out-Syndrom das Leben schwer zu machen, ist ein Anliegen der Autoren; die Medizin besteht aus „Freude und Lust, Kampf und Frust, Engagement und Liebe“. Spätestens seit den Arbeiten von Grawe und Mitarbeitern (1994) gewinnt das Paradigma der Ressourcenorientierung zunehmende Bedeutung in der psychotherapeutischen Ausbildung und Arbeit. Der Gegenstand ist also nicht neu. Neu jedoch ist die praxisnahe Darstellung einer individuellen, liebevoll kreativen, manchmal verblüffenden Nutzung von Ressourcen im psychotherapeutischen Kontakt. Paradoxerweise demonstrieren die Autoren, die alle psychotherapeutisch tätig sind, dass gerade auch aversive Gefühle von Angst, Ohnmacht, Langeweile auf Therapeuten- oder Klientenseite, bedeutsame Ressourcen sind, die aus scheinbar verfahrenen Therapiesituationen heraushelfen können. Wolfgang Neumann stellt im Rahmen zahlreicher Fallskizzen seine Arbeit dar, humorvoll, authentisch und mit scharfem Blick auf seine Ressourcen und die der Klienten, welche in der therapeutischen Beziehung synergetisch zusammenwirken. Ausgehend von der These, dass vielen Männern im Laufe ihrer Sozialisation der Bezug zu sich selbst, ihren Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen, Sehnsüchten und Körperimpulsen verloren gegangen ist, beleuchtet Björn Süfke, der in einer Männerberatungsstelle tätig ist, männliche Ressourcen, nicht ohne seine Erfahrungen mit „eigenen männlichen Macken“ zu verbergen. Im Kontakt mit den Klienten schafft diese Offenheit ein Klima von Solidarität, eine wichtige Ressource im psychotherapeutischen Prozess. Die Arbeit mit männlichen Jugendlichen in der stationären Jugendhilfe stellt ebenfalls eine besondere Herausforderung dar, da diese, oft fremdmotiviert, in ihrer Lebensgeschichte meist viel individuelles Leid erlebt haben. Stefan Reinisch betont vor allem die Ressource der Echtheit auf Therapeutenseite (Kongruenz) und bietet damit den Jugendlichen ein Modell, das zur Exploration der eigenen Erlebniswelt einlädt. Mit viel Selbstironie schildert der Autor, wie er im Kontakt mit einem 16-jährigen Klienten lernen musste, „wie aus Kindern Monster und aus Monstern Jugendliche werden“, dabei im Laufe der Arbeit jedoch zunehmend Stolz entwickelt angesichts der Fähigkeiten des Jugendlichen, sich abgrenzen und andere erschrecken zu können. Anna Julia Wittmann arbeitet in einer Beratungsstelle für Frauen und Kinder mit sexuellen Gewalterfahrungen. In ihrem Beitrag verdeutlicht sie, dass für die Heilung von sexuellen Traumata, die den Betroffenen als zentrale Botschaft ein Gefühl von Wertlosigkeit vermitteln, das Spüren des eigenen Wertes eine ganz entscheidende Ressource ist. Wie innerhalb der therapeutischen Beziehung Zugang zu dieser und weiteren Ressourcen gewonnen werden kann, stellt die Autorin vor dem Hintergrund traumatherapeutischer Konzepte und anhand eindrücklicher Fallbeispiele aus ihrer Praxis dar. Schließlich umreißt Jens Flassbeck eine ressourcenzentrierte Betrachtungsweise der Drogenabhängigkeit als Verlust von Sehnsucht und Beziehung. Hintergründig wird aufgezeigt, wie durch den Einsatz von Authentizität, Kreativität sowie (un-)therapeutisch unkonventionellen Methoden abhängige Ohnmacht überwunden werden kann und die Sehnsüchte der Patienten als innere Schätze geborgen werden können. Udo Baumann
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