ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2006Therapiemethoden: Pluralität der Lebensweisen beachten

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Therapiemethoden: Pluralität der Lebensweisen beachten

Bühring, Petra

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LNSLNS „Bonner Erklärung“
zur Notwendigkeit von Therapievielfalt
Gegen eine „Verengung des Denkens auf Ansätze, die eine evidenzbasierte Einheitspsychotherapie favorisieren“ wandten sich die Teilnehmer eines Symposiums mit dem Titel: „Das Unbehagen in der (Psychotherapie)-Kultur“, das am 17./18. März in Bonn stattfand. Das Symposium wollte ein Forum sein für diejenigen, die sich „unbehaglich fühlen angesichts der Entwicklungen zu einer Psychotherapie, die ihr Selbstverständnis darin findet, Störungen zu beseitigen, ohne nach deren Sinn oder Herkommen zu fragen“. Die rund 130 Teilnehmer überwiegend psychoanalytischer und humanistischer Fachgesellschaften forderten in der so genannten Bonner Erklärung Platz für „sinnverstehende, einem humanistischen Menschenbild verpflichtete psychotherapeutische Traditionen“ wie die systemische Therapie, Psychodrama und die Gesprächstherapie. Diese würden gegenwärtig „politisch und ökonomisch verdrängt und ausgegrenzt“. Nach dem Verständnis der Unterzeichner der „Bonner Erklärung“ sind psychotherapeutische Verfahren nicht nur eine Sammlung von Behandlungstechniken, sondern „ein System von anthropologischen Grundannahmen, Persönlichkeits- und Störungstheorien, Behandlungs- und Techniktheorien“. Psychotherapieverfahren dürften nicht nur auf bestimmte Symptombereiche reduziert, Patienten nicht nach einzelnen Störungen klassifiziert werden.
Hintergrund für die „Bonner Erklärung“ ist unter anderem die bevorstehende Diskussion um die Integration neuer psychotherapeutischer Verfahren und Methoden in die vertragsärztliche Versorgung: Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss will im April die Psychotherapie-Richtlinien an die gesetzlichen Regelungen im SGB V (§ 135 und § 92 Abs. 6 a) sowie an seine Verfahrensordnung anpassen.
Auch Prof. Dr. Jürgen Kriz, Osnabrück, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie, kritisiert in seinem Eröffnungsvortrag zur Tagung das Wissenschaftsverständnis einer „evidenzbasierten Psychotherapie“, das die „Pluralität der Lebensweisen“ und die damit einhergehenden unterschiedlichen konzeptuellen und methodischen Zugänge zu einer therapeutischen Beziehung missachte. „Ehemals blühende Therapielandschaften werden so zerstört.“ Auch humanistische und systemische Psychotherapieverfahren sollten neben den in den Psychotherapie-Richtlinien bereits etablierten Verfahren ihren Platz haben, forderte Kriz.
Die „Bonner Erklärung“ ist im Internet abrufbar: www. vpp.org/meldungen/06/60320_ bonner_erklaerung.doc. PB
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