ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2006Versorgungsforschung: Was überhaupt, wozu und womit?

POLITIK

Versorgungsforschung: Was überhaupt, wozu und womit?

Gerst, Thomas

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Fuchs: Gegengewicht schaffen zu verordneter Versorgungsforschung Foto: Bernhard Eifrig
Fuchs: Gegengewicht schaffen zu verordneter Versorgungsforschung Foto: Bernhard Eifrig
Mit Fragen der Standortbestimmung, künftigen Arbeitsschwerpunkten und Möglichkeiten der Finanzierung befasste sich ein Symposium in Mainz.

Geld ist nicht alles – aber ohne Geld geht es auch mit der Versorgungsforschung nicht so recht voran. Um hier eine Änderung herbeizuführen, war der Deutsche Ärztetag 2005 einem Antrag des Vorstands der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) gefolgt und hatte einer finanziellen Förderung der Versorgungsforschung in Höhe von 4,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von sechs Jahren zugestimmt. Ein durchaus ungewöhnlicher Vorgang, wie BÄK-Hauptgeschäftsführer Prof. Dr. med. Christoph Fuchs bei dem Symposium „Versorgungsforschung als Instrument zur Gesundheitssystementwicklung“, veranstaltet von BÄK in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, zugestand. Aber mit Blick auf die derzeit stattfindenden gewaltigen Umstrukturierungen im Gesundheitswesen „haben wir einfach gesagt, da muss etwas geschehen“. Notwendig sei eine wissenschaftlich fundierte Politikberatung. Dass mit dem BÄK-Projekt angesichts der beschränkt zur Verfügung stehenden Finanzmittel nur ein erster Förderungsimpuls möglich sein würde, stand von vornherein fest. Inzwischen ist das Auswahlverfahren zu den bei der BÄK eingegangenen Förderanträgen weitgehend abgeschlossen. In Kürze wird der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer über die Mittelvergabe entscheiden und die geförderten Projekte zur Versorgungsforschung vorstellen.
Auf welche Schultern die Förderung der Versorgungsforschung noch verteilt werden könnte, war eine der vorrangigen Fragestellungen des Symposiums am 10./11. März. Zwar wurden keine konkreten Zahlen genannt, doch es dürfte die Versorgungsforscher unter den Symposiumsteilnehmern hoffnungsfroh gestimmt haben, dass wichtige Exponenten zweier Organisationen, die als Geldgeber für ihre Projekte infrage kämen, sich als durchaus aufgeschlossen gegenüber einer stärkeren Förderung der Versorgungsforschung zeigten.
Mögliche Finanzierung
Der DAK-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. h. c. Herbert Rebscher wandte sich zwar gegen die alleinige Verantwortung der Krankenkassen – „warum nur GKV, wenn alle etwas davon haben?“ –, regte aber einen anteiligen Beitrag zur Versorgungsforschung je Behandlungsfall, zum Beispiel über die DRG-Abrechnung, als denkbaren Lösungsansatz für die Finanzierung an. Prof. Dr. med. Peter Scriba, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK, begrüßte diesen Vorschlag in seinem abschließenden Statement. Auch der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses, Dr. jur. Rainer Hess, mochte sich mit dem Gedanken, einen festen Beitrag je Behandlungsfall für die Versorgungsforschung abzuzweigen, anfreunden, bezweifelte jedoch, dass sich die Krankenkassen aus Wettbewerbserwägungen auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen könnten.
Ein weiterer potenzieller Geldgeber für die Versorgungsforschung ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Deren Vizepräsident, Prof. Dr. med. Jürgen Schölmerich, räumte ein, dass Versorgungsforschung und DFG in der Vergangenheit kein besonders inniges Verhältnis gehabt hätten. Grundlagenforschung und klinische Studien dominierten bei der Mittelvergabe. Er verwies jedoch auf eine bereits in beschränktem Umfang stattfindende Förderung der Versorgungsforschung und bekundete das Interesse der DFG an deren Ausweitung. Angestrebt werde zudem die Etablierung eines interdisziplinären Gremiums zur Begutachtung von Projektanträgen aus der Versorgungsforschung, auch unter Rückgriff auf Gutachter aus dem Ausland – „und dann warten wir auf Ihre glänzenden Anträge“. Schölmerich kann sich auch gut vorstellen, dass die DFG treuhänderisch Förderungsmittel anderer Organisationen, wie etwa der Krankenkassen, verwaltet.
Neben der finanziellen Förderung standen noch weitere Themen im Vordergrund des Symposiums. Wo verortet sich die Versorgungforschung im Gefüge der Gesundheitssystemforschung? Gibt es überhaupt eine nichtinteressengeleitete wissenschaftliche Versorgungsforschung? Wie notwendig eine praktikable Definition von Versorgungsforschung ist, brachte Prof. Dr. rer. nat. Bärbel-Maria Kurth, Leiterin der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsberichtserstattung des Robert Koch-Instituts, auf den Punkt. Im vergangenen Jahr habe sie verschiedene Veranstaltungen zur Versorgungsforschung, Prävention, Public Health, Qualitätssicherung oder Epidemiologie besucht, und oft sei es ihr so vorgekommen, als habe sie die gleichen Vorträge gehört. Aus ihrer Sicht ergänzen sich Epidemiologie und Versorgungsforschung, indem sich Letztere zum Beispiel auf Grundlage dessen, was die Epidemiologie für die Entwicklung von Krebsinzidenzen prognostiziert, mit den Konsequenzen für die Ausstattung und Arbeit von Kliniken befasst. Auch Fuchs konstatierte die Überschneidungen der verschiedenen Forschungsbereiche, die einen Klärungsprozess notwendig machten. Definiert man Versorgungsforschung aber – wie Scriba – als die wissenschaftliche Evaluation der Ergebnisse aller Handelnden im Gesundheitswesen oder – wie Prof. Dr. med. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer – als Generierung von Evidenz über die inneren Zusammenhänge des Gesundheitswesens, wird man Unschärfen beim Übergang zwischen den einzelnen Bereichen kaum beseitigen können.
Einigkeit bestand darin, dass es Aufgabe der Versorgungsforschung sei, möglichst nahe an der Versorgungsrealität zu sein. Hier wies Hess auf ein entscheidendes Versäumnis der vergangenen Jahre hin. Bei der Einführung vieler neuer Wettbewerbselemente in das System der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (etwa Integrierte Versorgung, Hausarztverträge, DRG) habe es der Gesetzgeber versäumt, eine wissenschaftliche Evaluation der neuen Versorgungsformen zwingend vorzuschreiben. „Wir kümmern uns nicht darum, was wir neu einführen.“ Bei so viel Aktualität wäre die Nähe zur Politikberatung allerdings unvermeidlich. So sieht etwa Fuchs die Notwendigkeit, ein Gegengewicht zu staatlich verordneter Versorgungsforschung in Form des IQWiG zu schaffen, Schulze will über die Versorgungsforschung ein Gegengewicht zu ökonomisch bestimmten Entscheidungen. Scriba warb hier für ein wenig Zurückhaltung. Die Politik müsse bei ihren Entscheidungen eine Vielzahl von Sachverhalten berücksichtigen, zu deren Klärung die Versorgungsforschung nicht allein beitragen könne. Wenn es um die Autorität ihrer Aussagen geht, sollten sich die Versorgungsforscher auf den wissenschaftlichen Bereich beschränken.* Thomas Gerst

* Ein Forum hierfür wird auch das Deutsche Ärzteblatt bieten. Siehe dazu den Manuskriptaufruf im medizinisch-wissenschaftlichen Teil dieser Ausgabe.
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