ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2006Viktor von Weizsäcker: Arzt und Denker gegen den Strom

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Viktor von Weizsäcker: Arzt und Denker gegen den Strom

PP 5, Ausgabe April 2006, Seite 161

Hoffmann, Sven Olaf

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Von Weizsäcker erkennt „. . . die Lenkung der seelischen Beziehungen zwischen Arzt und Patient als hochwichtig . . .“ Foto: picture-alliance/akg
Von Weizsäcker erkennt „. . . die Lenkung der seelischen Beziehungen zwischen Arzt und Patient als hochwichtig . . .“ Foto: picture-alliance/akg
Eine Würdigung des „Vaters der Psychosomatischen Medizin“ anlässlich des Erscheinens der Gesammelten Schriften


Sven Olaf Hoffmann

Fragte man heutige Mediziner, dann dürfte die Kenntnis von und die Erinnerung an den großen Arzt, den scharfsinnigen Vor- und Nachdenker des Faches und den Vertreter einer Humanmedizin im Wortsinne eher begrenzt sein. Fast scheint Viktor von Weizsäcker am bekanntesten als Onkel eines Bundespräsidenten und eines bekannten Physikers, Friedensforschers und Philosophen. Carl Friedrich von Weizsäcker zeichnet auch als Mitherausgeber der Gesammelten Schriften: Nach 20 Jahren wurde die Werke-Herausgabe Viktor von Weizsäckers in zehn Bänden abgeschlossen (1).
Viktor von Weizsäcker (1886–1957) vereinte in seiner Person Vielfalt und Exzellenz: Er begann als Physiologe, habilitierte sich als Internist, wurde 1930 Professor für Neurologie in Heidelberg, 1941 Ordinarius für dieses Fach in Breslau und 1946 Ordinarius für Allgemeine klinische Medizin in Heidelberg. Richard Siebeck, der Nachfolger Ludolf von Krehls, hatte sich dafür eingesetzt. Von Weizsäcker war aber mehr. Er wurde zum Hauptvertreter einer vor ihm kaum bestehenden Medizinischen Anthropologie, zum Vater der Psychosomatischen Medizin in Deutschland und zu einem respektierten Philosophen mit Beiträgen vor allem zur Phänomenologie, zur Erkenntnistheorie und zur Naturphilosophie. Aber die Medizin, ihre Funktion in der Gesellschaft, die Rolle des Arztes, die Beziehung von Arzt und Patient, und – immer mit reflektiert – die Stellung des Patienten in der Medizin blieben sein ganzes Leben Gegenstände vorrangigen Interesses.
Obwohl aus einer angesehenen schwäbischen Familie von Theologen und Juristen stammend, in der die Anregung zu kritischem und eigenständigem Denken ihm sicher in die Wiege gelegt wurde, musste sich von Weizsäcker vieles auch erkämpfen. Er blieb auch vor Schicksalsschlägen nicht bewahrt: Er verlor zu Lebzeiten drei seiner vier Kinder (zwei Söhne fielen im Krieg), worunter er schwer litt, und er verlor beim Zusammenbruch Deutschlands 1945 nicht nur sein universitäres Amt, sondern auch den größten Teil seines Breslauer Besitzes und seiner wissenschaftlichen Unterlagen. Die erwähnte Unterstützung von Siebeck, der alles tat, um von Weizsäcker wieder an Heidelberg zu binden, muss gewürdigt werden.
Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die Tätigkeit von Weizsäckers in Breslau während der NS-Zeit auch kritisch gesehen wurde. Tatsache ist, dass in der unter der Leitung von Scherer stehenden Abteilung für Neuropathologie Hirne untersucht wurden, die aus den so genannten „T4-Aktionen“ (Euthanasie) stammten. Diese Abteilung unterstand von Weizsäcker als Direktor der Neurologischen Universitätsklinik. Es ist unbekannt geblieben, ob von Weizsäcker davon wusste, ob er die kriminelle Bedeutung der Vorgänge erkannte, ob er die Sektionen nicht verhindern konnte oder gar nicht verhindern wollte. Letzteres erscheint nach allem Bekannten unwahrscheinlich.
Von Weizsäckers Anliegen war nicht die Einführung eines neuen Spezialfaches „Psychosomatische Medizin“ – zu dem es dann letztlich doch kam –, sondern eine Reform der Medizin. Um ihre zentrale Aufgabe nicht zu verfehlen, sah er die Fokussierung des Interesses der Medizin auf die Person des Patienten für unerlässlich an. Das ist das Ziel, für das er sich ein Leben lang einsetzte. „Als Vorstufen der ‚neuen Medizin‘ können deshalb nur solche Formen gelten, in denen das Subjektive, Innerliche der Person oder des Geistes zugelassen, eingeführt und als real genommen wird.“ Nur eine anthropologische Psychosomatik (im Gegensatz zur naturwissenschaftlichen), die „das Subjekt einlässt, Motiv und Ziel erwägt, den Umgang des Menschen mit sich selbst, der Menschen untereinander kultiviert“, sei in der Lage, die Reform der Medizin hin zu einer nicht mechanistischen, nicht materialistischen voranzutreiben. Im Zeitalter von managed care sind dies fast Worte aus einer anderen Welt.
Biografik als Verstehen des Kranken und der Krankheit
Der geeignetste Zugang zur Subjektivität des Patienten ist die biografische Methode. Zugleich eröffnet dieser Zugang die Herausarbeitung einer inneren Schlüssigkeit, mit der sich Krankheit aus dem Leben ergibt. In Teilen wird so die hermeneutische Methode Hans-
Georg Gadamers vorweggenommen. Wiederholt wird betont, dass es weniger die äußeren Ereignisse als die inneren Belastungen und Konflikte, das Nichtausgeführte mehr als das Ausgeführte sei, dem die pathogene Potenz zukomme. „Wenn man aber die Einbettung organischer Erkrankungen in die äußere und innere Lebensgeschichte erkundet, so ist man erstaunt, wie oft Krankheit auf dem Gipfel einer dramatischen Zuspitzung auftritt, wie oft sie eine Katastrophe aufhält oder besiegelt, wie regelmäßig sie dem biografischen Verlauf eine neue Wendung gibt.“ Bei aller Akzeptanz des Subjektiven behält der Autor den klaren Blick: „Wir meinten nicht alle Krankheiten psychologisch erklären zu können. Auch eine Angina bleibt eine Angina.“
Leicht nachvollziehbar ergibt sich bei so viel ärztlicher Einlassung in die Person des Patienten eine dichte Beziehung von Arzt und Patient, die von Weizsäcker seit den 20er-Jahren beschäftigt. Ist es anfangs noch die richtige „Menschenführung“, nach der er sucht, so vermittelt ihm das Aufgreifen des Übertragungs-Konzepts aus der Psychoanalyse ab den 30er-Jahren eine stringentere Fassung seines Anliegens. Mit einer Reverenz gegenüber Freud formuliert er, „dass die Lenkung der seelischen Beziehung zwischen Arzt und Patient als hochwichtig, die richtige Entwicklung derselben als entscheidend für den Verlauf der Krankheit erkannt wurde“. In der heutigen Medizin meint man gerade diese – im Sinne von Weizsäckers heilende – Beziehung entweder als Wirtschaftsfaktor pervertiert („Patientenorientierung zur Klientenbindung“), als kumpeligen Umgang fehlinterpretiert oder, bis vor kurzem noch in der Mehrzahl, als objektivierenden Umgang mit dem Befundträger missachtet zu sehen.
Soziale Determinierung von Krankheit
Lebensgeschichte ist Sozialgeschichte. Krankheit aus der Biografie zu verstehen, heißt, Krankheit auch als gesellschaftliches Phänomen zu begreifen. Die Gesellschaft kränkt im echten Sinne des Wortes auf vielfältige Weise, indem sie etwa Zwänge (zum Beispiel solche zum Konsum) ausübt, Werte vorgibt oder nivelliert, Idole aufrichtet oder Ideale verwirft. Hier war von Weizsäcker ausgesprochen sensibel, was ihn nicht an apodiktischen Formulierungen hindert: „Es ist ganz sicher, dass die Entstehung und der Verlauf einer Lungentuberkulose von psychischen Faktoren abhängt. Es ist ganz sicher, dass die psychischen Verläufe im Individuum von denen in ihrer Gesellschaft und ihrer Kultur, vom geschichtlichen Prozess abhängen. Es ist ganz sicher, dass die einseitig naturwissenschaftlichen Erklärungen nicht richtig waren“ (GS VII, 285). Herbert Weiner (1998) sprach in diesem Zusammenhang von der fatalen Tendenz zum Reduktionismus in der medizinischen Theorie, dem Bedürfnis, sich mit der scheinbar einfachsten Erklärung (das ist immer die naturwissenschaftliche) zufrieden zu geben, um dem Problem der Komplexität in der Pathogenese zu entgehen.
Ansatz der Psychoanalyse unverzichtbar
Von Weizsäcker greift immer wieder auf zwei Denksysteme erklärend zurück. Sein originäres ist der phänomenologisch-anthropologische Ansatz, sein erst in den 30er-Jahren übernommenes ist die Psychoanalyse. Da die Psychoanalyse mit dem Übertragungskonzept, dem biografischen Ansatz und der Theorie der inneren Konflikte seinem Anliegen über weite Strecken entgegenkam, erklärte er ihren Ansatz für unverzichtbar.
In der „Pathosophie“ (das Pathische, Leidenschaftliche im Menschen), seinem opus magnum, das er selbst nicht mehr zur Druckreife brachte, ist der anthropologisch-phänomenologische Ansatz aber wieder an die erste Stelle gerückt. So werden die pathischen Kategorien des Will, des Kann, des Darf, des Soll und des Muss zur entscheidenden Referenz, über die die Phänomene „dekliniert“ werden. Gerade dieser anspruchsvolle Band enthält auch klinische Perlen seiner Methode wie etwa die phänomenologische Analyse eines selbst erlebten Anfalls von Menièreschem Schwindel.
Friedrich Nietzsche schrieb in einem Epigramm über Schopenhauer „Was er lehrte, ist abgetan/was er lebte, wird bleiben stahn . . .“ Es könnte sich mit Viktor von Weizsäcker ähnlich verhalten. Weder der anthropologische Ansatz noch der psychoanalytische erscheinen heute die Mittel der Wahl für eine Theorie der gesamten Medizin – was nichts über ihren sonstigen Wert aussagt. Gleiches gilt auch für Konstrukte wie „Funktionswandel“ und „Gestaltkreis“, die von Weizsäcker aus anderer Quelle entnahm und viel einsetzte. Aber für eine andere, nichtmechanistische und nichtmerkantile Sicht des Patienten, für einen anderen Umgang mit ihm, bei dem Krankheit (zumindest in Ansätzen) aus seinem Leben heraus zu verstehen versucht und ihm geholfen wird, sie in seinem Leben sinnhaft einzuordnen, – für ein solches Medizinverständnis können die Gesammelten Schriften von Weizsäckers Fundgrube brillanter Gedanken, Formulierungen und Quelle von Anstößen sein. Von Weizsäcker schreibt hellsichtig, dass der Patient mit seinem ungebrochenen Reparaturanspruch („Hier tut es weh, mach das weg, aber cito et iucunde!“) eigentlich zutiefst eine solche Medizin nicht will. Eine Medizin allerdings, die dem Mensch-Maschine-Modell (Thure von Uexküll) folgt, wird diesen Anspruch nicht relativieren oder gar aufklären, sondern verstärken. Das sah von Weizsäcker hellsichtig und
zutreffend.
So sind es drei innere Engramme, die für mich persönlich von Viktor von Weizsäcker bleiben. Sie haben mein eigenes Handeln als Arzt bestimmt: 1. Eine beispielhafte, in jedem Sinne nicht profitliche, ärztliche Haltung, 2. eine bleibende Mahnung, dass der Patient in der Medizin Subjekt und nicht Objekt sein soll, sowie 3. die Gewissheit, dass die Medizin Agentur der jeweiligen Gesellschaft (Wilhelm Reich) ist, wie der Patient selbst und seine Krankheit auch Ausdruck und Reflex der wirkenden sozialen Verhältnisse sind.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2006; 103(11): A 672–674

Literatur
1. von Weizsäcker V (1986–2005): Gesammelte Schriften, 10 Bände (Hrsg.: P. Achilles, D. Janz, M. Schrenk †, C. F. von Weizsäcker), Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
2. Weiner H (1998): Immer wieder der Reduktionismus. Psychth Psychosom med Psychol 48: 425.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. Sven Olaf Hoffmann
Sierichstraße 175, 22299 Hamburg
E-Mail: s.o.hoffmann@hamburg.de
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