ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2006Guatemala: Symptom einer kranken Gesellschaft

THEMEN DER ZEIT

Guatemala: Symptom einer kranken Gesellschaft

PP 5, Ausgabe April 2006, Seite 163

Plate, Markus

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Jubelnde Kinder, mürrische Alte – die Show der Clowns geht zu Ende Fotos: Markus Plate
Jubelnde Kinder, mürrische Alte – die Show der Clowns geht zu Ende Fotos: Markus Plate
Kleine Initiativen und internationale Organisationen im Kampf gegen Aids

Wer Guatemala hört, denkt an die Mayastadt Tikal, an das koloniale Schmuckkästchen Antigua, an das farbenfrohe Hochland. Das ist die eine Seite. Die andere ist weit hässlicher. Hurrican Stan brachte das zentralamerikanische Land weltweit wieder auf die Titelseiten, 20 Jahre nach den Mördertruppen des Militärmachthabers Rios Montt. Armut, Korruption, Rassismus und Gewalt scheinen allgegenwärtig und erzeugen den idealen Nährboden für ein Virus, das mehr Menschen töten wird als Stan.
Guatemala-Stadt muss einmal wohlhabend, angenehm gewesen sein. Im Zentrum, der Zone eins, reihen sich auf 18 Straßen und zwölf Avenidas koloniale Häuser, Kirchen und prunkvolle öffentliche Gebäude aneinander. Mit ihren verzierten Arkaden und lichtdurchfluteten Passagen galt die sechste Avenida als die schickste Einkaufsmeile Zentralamerikas. Doch Militärdiktaturen, ein 35-jähriger Bürgerkrieg und ein verheerendes Erdbeben zerstörten viel der einstigen Schönheit. Heute bröckelt der Putz von den Häusern, rostendes Wellblech ersetzt die alten roten Dachpfannen, und rußende Busse lärmen auf kaputtem Pflaster. In die einst bewaldeten Schluchten, die die Zone eins einrahmen, drängen sich die Armenviertel, und auf den einstmals ruhigen Plätzen betteln Alte und Kinder um Almosen.
HIV/Aids: Die Politik verdrängt die Größe des Problems
Das größte Krankenhaus des Landes, das Roosevelt, liegt an einem der chaotischen Verkehrsknotenpunkte der Stadt. Die dortige Infektiologie ist die wichtigste Adresse für Aids-Patienten in Guatemala, zumindest für diejenigen, die sich keine private Klinik leisten können, und das ist die große Mehrheit. Ihr Leiter, Dr. Carlos Mejía, ein Mittfünfziger mit grauen Schläfen und großer Brille, begrüßt mich mit einem überraschend vertrauten „Hallo, wie geht es Ihnen?“ Mejía, Kapazität in Sachen Aids, hat sein Handwerk, wie er es nennt, in Berlin gelernt. Aber das sei Jahre her und sein Deutsch mittlerweile stark verblasst. Sehr ernst sei die Situation von HIV/Aids in Guatemala, kommt er, dann wieder auf Spanisch, schnell zum Punkt. „Sie sehen ja selbst, die Gänge sind voller Menschen, die auf ihre Medikamente oder eine Untersuchung warten.“ Tatsächlich, das gesamte Krankenhaus scheint aus allen Nähten zu platzen. Schon draußen vor dem Haupttor wartet eine Traube Menschen auf Einlass. Menschen, die von überall herkommen.
Taco-Stand in Quetzaltenango – 70 Prozent arbeiten im informellen Sektor.
Taco-Stand in Quetzaltenango – 70 Prozent arbeiten im informellen Sektor.
Im zentralistischen Guatemala befinden sich fast alle spezialisierten Einrichtungen in der Hauptstadt. Für Patienten, die regelmäßig auf Medikamente angewiesen sind, bedeutet dies mitunter eine ganze Tagesreise bis zur Sprechstunde. Zwei lange Busreisen und oft auch eine Übernachtung in der Nähe, das ist für die meisten Aids-Kranken nicht nur eine körperliche Belastung. In einem Land, wo 40 Prozent der Bevölkerung mit weniger als einem US-Dollar am Tag auskommen müssen, stellt häufig schon die Anreise eine finanzielle Hürde dar. „Oft vermitteln wir Patienten Schlafplätze in Heimen, die von Hilfsorganisationen oder der Kirche betrieben werden. Wir selbst können wirklich nur die schwersten Fälle stationär aufnehmen“, sagt Mejía.
Im zweiten und dritten Stock liegen, nach Geschlechtern getrennt, diese schwersten Fälle. Zwei große Räume stehen voller Betten, notdürftig mit Vorhängen abgetrennt. Dazu ein paar Kämmerchen, Isolationszimmer für Tuberkulose-Patienten. „Wir registrieren jedes Jahr mehr Fälle, inzwischen aus allen Teilen des Landes. Unsere Kapazitäten reichen schon längst nicht mehr aus“, sagt Mejía. Von annähernd 100 000 HIV-Infizierten geht das Nationale Aids-Programm für 2005 aus, von denen etwa ein Zehntel sofortige medizinische Behandlung benötigt – eine Menge bei gerade acht Millionen Einwohnern. Eine Fachärztin aus der Frauenstation spricht eine deutliche Sprache: „Die Politik sieht Aids bis heute als Strafe für Schwule und Prostituierte. Sie will die Größe des Problems nicht wahrhaben, weil das zum Handeln zwingen würde.“
Im Sommer 2005 veröffentlichte die Tageszeitung Prensa Libre eine Studie zum Sexualverhalten der Guatemalteken. Die Mehrheit der Frauen hatte, wenn man den Aussagen glauben darf, in ihrem Leben entweder als einzigen Sexualpartner nur ihren Mann oder noch gar keinen. Die Mehrheit der Männer hingegen gab an, reichlich voreheliche Erfahrungen gemacht zu haben und sich auch außereheliche Abenteuer zu gönnen. Die große Ehrlichkeit ist in Guatemala zwar selbst in anonymen Umfragen nicht zu erwarten – zu sehr wollen Frauen ihrem Selbstverständnis als Hüterinnen von Tradition und Moral gerecht werden, und zu gerne prahlt der guatemaltekische Macho mit seinem angeblichen Sexualleben. Dennoch offenbart die Umfrage einen Grund, warum sich Aids in einem Land mit einer so strengen Sexualmoral wie Guatemala so rasch ausbreiten kann. Wenn Frauen nur mit ihren Ehemännern Sex haben, bleiben den Männern nicht mehr viele Optionen. So blüht die Prostitution, Vergewaltigungen sind ebenso wie Kindesmissbrauch an der Tagesordnung, und auf schwulen Internetseiten suchen heterosexuelle Männer nach „Erfahrungen“. Da Kondome kaum benutzt werden, weder in der Ehe noch außerhalb, infizieren Männer zunehmend ihre ahnungslosen Ehefrauen. Nach aktuellen Zahlen betreffen inzwischen 40 Prozent der Neuinfektionen Frauen.
Zu Besuch bei Berta Chete, der Vorsitzenden der Selbsthilfe-Organisation Gente Positiva für HIV-positive Menschen. Chete ist eine fröhliche, selbstbewusste Frau. Eine Demonstration an all diejenigen, die das Thema Aids als Strafe für angeblich verwerfliche Lebensweisen wegdrücken wollen. Gente Positiva hat ihren Sitz in einem der alten kolonialen Häuser im Zentrum. Der geräumige Innenhof dient als Empfang und Wartesaal, von diesem gehen die Büros ab, die Seminarräume und ein kleines Behandlungszimmer, auch Berta Chetes Büro. Aids, das ist auch für sie weit mehr als nur ein medizinisches Problem. Es gehe auch nicht nur um Sexualmoral. Für sie ist die fast ungehinderte Ausbreitung der Epidemie ein Symptom für eine kranke Gesellschaft.
Die Gesellschaft rede nicht über Sex, aber sie praktiziere ihn, legt Berta Chete los: „Wir bezeichnen uns als Demokratie, aber wir diskriminieren unsere indigenen Gruppen. Wir reden von Gott, aber lassen zu, dass drei Viertel der Bevölkerung in tiefster Armut leben und an behandelbaren Krankheiten sterben. Wir wollen ein moderner Staat sein, aber trotz Analphabetismus und Kindersterblichkeit gibt der Staat weniger für Bildung und Gesundheit aus als das noch viel ärmere Nicaragua.“ In den staatlichen Medikamentenprogrammen werde Geld veruntreut, obwohl klar sei, dass dadurch Menschen ihre Therapie unterbrechen müssten und vielleicht sogar stürben. Und das Sterben, sagt sie, beginne gerade erst.
Viele ohne Medikamente
Indígena-Frau im Hochland – Hüterin von Tradition und Moral
Indígena-Frau im Hochland – Hüterin von Tradition und Moral
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Das zu verhindern, daran arbeitet in Guatemala vor allem die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF). Ihr Medikamentenprogramm ermöglichte bislang an drei Orten im Land 1 300 Patienten eine Kombinationstherapie. Denn die Qualität der staatlichen Programme sei schlecht, kritisiert Dr. Frank Dörner, medizinischer Leiter des MSF-Programms in Guatemala: „Über die staatliche Sozialversicherung bekommen die Menschen oft schlechte medizinische Betreuung, falsche Therapie und viel zu teure Medikamente, was dazu führt, dass bei einem begrenzten Etat viele ohne Medikamente bleiben.“ Doch MSF ziehen sich zurzeit aus der Medikamentenversorgung in Guatemala zurück. Man habe in den letzten fünf Jahren die staatlichen Stellen gut vorbereitet, und Guatemala könne zumindest die Versorgung derer sicherstellen, die derzeit Medikamente benötigten, sagt Dörner. Die Verantwortlichen sollen sich nicht daran gewöhnen, dass Nichtregierungsorganisationen Feuerwehr spielen, wo der politische Wille fehlt, sich mit einem brennenden Thema angemessen zu befassen.
Vor allem Aids-Prävention findet von staatlicher Seite kaum statt. Auch das überlässt die Politik privaten Vereinen und Gruppen, die ihre Arbeit kaum finanzieren können. Unterwegs mit Rodalinda, einem Präventionsprojekt auf Rädern mit fünf Freiwilligen, die regelmäßig die zahlreichen Stätten besuchen, an denen sich das sexuelle Leben der Hauptstadt abspielt. Zum Gründungshügel der Hauptstadt, dem Cerrito de Carmen, wo sich nach Einbruch der Dunkelheit Männer zu einem Rendezvous im Unterholz treffen. Weiter zur Calle de Amor, zur Straße der Liebe, einen Steinwurf vom Präsidentenpalast entfernt. Hier warten bisweilen blutjunge Männer aus allen Ländern Zentralamerikas auf zahlende Kundschaft. Auch der Transenstrich in der 14. Straße kann sich über mangelnde Kunden nicht beklagen, und an der alten Eisenbahntrasse am Rande des Zentrums verdienen gleich Dutzende Frauen ihren Lebensunterhalt. Rodalinda wird von der Präventionsgruppe OASIS der Frauenorganisation La Sala betrieben. Sie sprechen mit den Jungen und den Frauen, auch mit den Freiern, verteilen Kondome und Informationen. „Unsere Stricher und Huren schützen sich – meistens“, weiß Luis Zapeta von OASIS, bei den Freiern und im Cruising Park sei das Kondom aber weit weniger gefragt.
Szenenwechsel: Drei Busstunden von der Hauptstadt entfernt im guatemaltekischen Hochland liegt Concepción, ein kleines Indígena-Dorf. Frauen mit traditionellen Trachten bestimmen das Bild, auf den kleinen Schollen wird Mais und Gemüse angebaut, die Maya-Sprache Katchiquel dominiert. Der Kirchplatz, der auch als Versammlungsort und Fußballfeld dient, ist an diesem Nachmittag voller Menschen. Auf der rechten Seite des Platzes lehnen Jugendliche lässig am Dorfbrunnen und zur linken schauen die Alten skeptisch vom Rathaus herüber. Heute sind Fremde in Concepción.
Aids-Poster – gedruckt, aber kaum ausgehängt
Aids-Poster – gedruckt, aber kaum ausgehängt
Gerade haben die Clowns vom Proyecto Payaso ihre Show begonnen. Ein Einradfahrer mit roter Nase und Pumphosen manövriert über den Platz, ein Mädchen mit feuerroten Haaren schneidet Grimassen, ein dicker mit grünem Haarkranz jongliert, es wird getrommelt und getanzt. Doch das, was so fröhlich ausschaut, hat einen ernsten Hintergrund. „Die Leute hier meinen, HIV würde sie nicht treffen, das passiere nur in der Stadt“, erklärt Maria, eine Quiché-Indígena aus der Umgebung, die seit zwei Jahren bei den Clowns mitmacht. „Über Sex aufzuklären ist für die Eltern Sünde, und selbst wenn sie vom Risiko wissen, warnen sie ihre Kinder nicht.“ Aufklärung tue Not, aber das sei nicht einfach in den Indígena-Dörfern, sagt Victor, der von Anfang an dabei ist: „Als Clown ist es leichter, das Tabu zu durchbrechen.“ Außerdem gebe es zwar Informationen, aber eben nur auf Spanisch. „Man kann daher nicht einfach in ein Dorf einfallen und über so delikate Themen wie Sexualität sprechen, wenn man die Indígena-Sprache nicht spricht. Deswegen sind wir vielsprachig und multikulturell.“
Die 15 jungen Clowns aus Guatemala und Europa übersetzen ihre Show daher immer in die jeweilige Indígena-Sprache. In Concepción ist das Marias Aufgabe, die neben ihrer Muttersprache Quiché und Spanisch auch Katchiquel spricht, die Hauptsprache in der Umgebung: „Wir Indígenas sind nach 500 Jahren Fremdherrschaft und insbesondere nach dem Völkermord durch die Militärs in den 80er-Jahren misstrauisch gegenüber allem, was von außen kommt. Ich helfe, dieses Misstrauen abzubauen, da ich die Sprache der Leute spreche, aber auch weil ich die typischen Trachten trage.“
Das Virus lauert im Alltäglichen, das ist die Botschaft der Clowns: „Oh nein“, ein Clown braucht eine Spritze, „wie schön“, zwei sind verliebt, „Juhuu“, bald wird ein Baby geboren, und während noch alle lachen, betritt eine große Gestalt mit grünem Gewand und riesigem roten Kopf den Platz vor der Kirche – gefolgt vom Tod. Das HI-Virus verfolgt die Clowns, besucht das frisch verliebte Paar und den Kranken im Hospital. „Ich kann euch infizieren“, ruft er. Doch kann er auch das Mädchen mit den feuerroten Haaren anstecken, das dem Einradfahrer einen Kuss gibt? Oder die Freunde, die vom selben Teller essen? Die schüchtern am Rand des Geschehens stehenden Erwachsenen und die vorher noch so selbstbewussten Jugendlichen sind sich nicht sicher.
Clowns als Aufklärer
Spielerische Aufklärung, die zu funktionieren scheint. Die Clowns sind das Dorfgespräch in Concepción. Das Thema Aids ist angesprochen, auch wenn es einigen nicht passt: Dass da zwei Clowns heimlich hinter einem Hotel-Schild verschwinden und dann auch noch die Hüllen in die Luft fliegen, ist schon starker Tobak für die Dorfältesten. Und haben da nicht auch zwei männliche Payasos miteinander kokettiert? „Ja, ab und zu gibt es schon Protest“, sagt Victor, aber im Großen und Ganzen seien die Reaktionen sehr positiv. „Wir machen ja nicht nur Show, es gibt jedes Mal Gespräche mit den Dorfobersten und Informationsmaterial für die Gemeinde.“
Mehr als 250 Gemeinden haben Proyecto Payasos allein in den letzten zwei Jahren besucht. Ein knochenharter Job. Ein wichtiger dazu, vor allem in den vielen entlegenen Gemeinden, bis zu denen die ohnehin dürftigen offiziellen Programme kaum vordringen. Die staatliche Prävention sei miserabel, wiederholt Frank Dörner von Ärzte ohne Grenzen, „dabei kann man im derzeitigen Stadium der Epidemie über Prävention noch viel verhindern“. Das versuchen die Freiwilligen von Rodalinda in der Hauptstadt und vom Proyecto Payasos auf dem Land. Die Show in Concepción ist zu Ende. Aus den Clowns werden wieder Victor und Maria. Schon am nächsten Tag wartet ein paar Dörfer weiter der nächste Auftritt. Markus Plate

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