ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2006Enkopresis: Hoher Leidensdruck

WISSENSCHAFT

Enkopresis: Hoher Leidensdruck

PP 5, Ausgabe April 2006, Seite 173

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Bei der Enkopresis interagieren psychische und somatische Faktoren. Die Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt.

Unter Enkopresis wird ein unwillkürliches oder willkürliches Einkoten ab einem Alter von vier Jahren verstanden, nachdem organische Ursachen ausgeschlossen wurden. Es handelt sich um eine häufige Störung, von der 1,5 bis zwei Prozent aller Schulkinder betroffen sind. Sie tritt bei männlichen Kinder etwa drei- bis viermal so häufig auf wie bei weiblichen und geht häufig mit Enuresis (Einnässen) einher. Enkopresis wird in der Regel tabuisiert und ist für Eltern und Kinder mit einem hohen Leidensdruck verbunden. Die Kinder leiden häufig unter Scham und Schuldgefühlen und einem verminderten Selbstwertgefühl. Die Eltern fühlen sich durch die zusätzliche Wäsche und Hygienemaßnahmen belastet und schwanken zwischen Mitleid und Aggression gegenüber dem Kind. „Man kann davon ausgehen, dass strafende Reaktionen der Eltern auch heute keine Seltenheit darstellen dürften“, meint Prof. Dr. Alexander von Gontard, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität des Saarlandes.
Genetische Disposition wahrscheinlich
Bei der Enkopresis handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei dem psychische und somatische Faktoren interagieren. Die Ursachen sind nicht vollständig geklärt. Man geht jedoch von einer genetischen Disposition aus. Metabolische und endokrinologische Untersuchungen haben ergeben, dass enkopretische Kinder eine verzögerte Magenentleerung und verminderte Motilität des Dünndarms aufweisen, die zu einer verminderten Motilität des Kolons führt. Darüber hinaus konnte bei Enkopretikern Methan in der Atemluft nachgewiesen werden. Mithilfe der Sphinkter-Manometrie wurden außerdem Druckerhöhungen und Koordinationsstörungen festgestellt. Neurophysiologische Untersuchungen zeigten ferner, dass das ZNS an Enkopresis beteiligt ist, seine Relevanz ist aber nicht geklärt. Diese und weitere Befunde weisen darauf hin, dass Enkopresis weder eine isolierte Störung des Darms noch des Gehirns ist. Es handelt sich eher um eine Interaktion, die sich nicht für alle Formen der Enkopresis beschreiben lässt.
Toilettengang positiv gestalten
Die Basistherapie umfasst drei Elemente: Informationsvermittlung, Vermittlung von realen Vorstellungen und Stuhlregulation. Die Kinder werden dabei aufgefordert, dreimal pro Tag nach den Mahlzeiten auf die Toilette zu gehen, sich zu entspannen und mit Fußkontakt zum Boden fünf bis zehn Minuten entspannt auf der Toilette zu sitzen, auch wenn es nicht zum Stuhlgang kommt. Dies wird in einem Plan vermerkt und kann positiv verstärkt werden, etwa durch kleine Belohnungen, Lob und Zuwendung. Der Toilettengang sollte außerdem möglichst positiv gestaltet werden: Die Kinder dürfen Gameboy spielen, Bücher oder Comics lesen, singen oder Bilder malen. Kritik oder Strafe sind zu unterlassen. Die Stuhlregulation erfolgt durch längerfristige Lactulosegabe, Ballaststoffe und eine ausreichende Trinkmenge. Die Basistherapie gilt als hoch effektiv und sollte bei allen Kindern mit Enkopresis sofort nach Diagnosestellung eingesetzt werden. Eine Erweiterung der Therapie ist davon abhängig, ob eine Obstipation (Verstopfung) vorliegt oder nicht. Bei einer Obstipation ist zunächst eine Des-impaktion, das heißt eine Darmentleerung durch Einläufe, erforderlich, gefolgt von einer Erhaltungstherapie von mindestens sechs Monaten, bei der Einläufe und Laxanzien zum Einsatz kommen. Laxanzien sind jedoch bei enkopretischen Kindern ohne Obstipation unwirksam und können sogar die Symptomatik verstärken.
Metaanalysen zur Wirksamkeit verschiedener Therapien haben gezeigt, dass die Verhaltenstherapie, insbesondere das Toilettentraining mit einer Regulation des Stuhlgangs, die entscheidende Wirkkomponente ist. Zusätzliche Kurzzeittherapien verbessern im Routineeinsatz die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie hingegen nicht. Auch allgemeine psychodynamische Gesprächs- und Spieltherapien sind zur Behandlung der Enkopresis nicht wirksam und nur angezeigt bei entsprechender psychischer Komorbidität. Über die Wirksamkeit von Biofeedbacktraining gehen die Meinungen auseinander.
Wie eine aktuelle Studie an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Universität Würzburg zeigt, spielt die Behandlung komorbider Störungen eine entscheidende Rolle für den Behandlungserfolg. Die Patienten mit komorbiden psychiatrischen Störungen nahmen keinen ungünstigeren Verlauf, vorausgesetzt, die Begleiterkrankungen wurden konsequent behandelt.
Vor allem die Therapie des hyperkinetischen Syndroms erschien den Forschern mit ausschlaggebend für den Behandlungserfolg der Enkopresis zu sein. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Alexander von Gontard: Enkopresis. Stuttgart: Kohlhammer 2004.
2. Mehler-Wex C, Scheuerpflug P, Peschke N, Roth M, Reitzle K, Warnke A: Enkopresis – Prognosefaktoren und Langzeitverlauf. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2005; 4: 285–293.

Prof. Dr. Alexander von Gontard, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Universitätskliniken des Saarlandes, 66421 Homburg (Saar), E-Mail:
alexander.von.gontard@uniklinikum-saarland.de

Dr. med. Claudia Mehler-Wex, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universität Würzburg, Füchsleinstraße 15, 97080 Würzburg, E-Mail: mehler@nervenklinik.uni-wuerzburg.de
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