ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2006Wenn das unheimliche in den Alltag eindringt

FEUILLETON

Wenn das unheimliche in den Alltag eindringt

PP 5, Ausgabe April 2006, Seite 179

Sander-Fell, Sabine

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LNSLNS Der New Yorker Fotograf Gregory Crewdson entwirft Situationen, in denen er die verdrängten Untiefen der menschlichen Seele spiegelt.

Fotos: Museen Haus Lange/Haus Esters
Fotos: Museen Haus Lange/Haus Esters
Kaltes, blaues Licht fällt durch das Fenster in ein dämmrig beleuchtetes Schlafzimmer. Vor dem Spiegel steht in Gedanken versunken eine nackte Frau, unter deren Füßen sich ein rätselhafter, dunkler Fleck ausbreitet. Sie ist nicht allein, im Spiegelbild erblicken wir einen Mann, der schlafend auf dem Bett liegt. Jede Fotografie erzählt eine Geschichte, die sich der Betrachter Stück für Stück konstruiert. Dabei entsteht ein hypothetisches Vorher und Nachher, das sich vor den Augen wie ein Film abzuspielen beginnt. Bis ins kleinste Detail und mit großem technischem Aufwand plant der amerikanische Fotograf Gregory Crewdson, der 1962 in
Brooklyn, New York, geboren wurde, seine „single frame movies“ und agiert als Regisseur in einem Team von Mitarbeitern. Mit seiner präzisen und glaubhaften Darstellung des ländlichen, kleinstädtischen Amerikas nähert er sich auf der einen Seite der Tradition der Chronisten des amerikanischen Alltagslebens, wie es die Fotografien von Walker Evans zeigen. Doch spätestens wenn das Nicht-Erklärbare, das Verdrängte und das Unheimliche in die Wirklichkeit eindringen, entsteht eine Bildmagie, mit der Gregory Crewdson die dunkle Seite der menschlichen Existenz ausleuchtet. So führt er auf seine Weise die Traditionslinie der inszenierten Fotografie weiter, die sich seit Jeff Wall oder Cindy Sherman als eine der wichtigsten neuen Ausdrucksformen künstlerischer Fotografie erwiesen hat.
Angeregt von Sigmund Freuds Abhandlung über das Unheimliche lässt der Künstler in seinen Arbeiten die Facetten der Schattenseite immer wieder aufscheinen. Rätselhaftes und Unheimliches spielt sich nicht nur im Haus ab, das als Symbol der Geborgenheit demaskiert wird und sich in einen Ort des Unbehagens und der Ängste verwandelt. Auch außerhalb dieser vorgetäuschten Schutzzone befinden sich die Menschen in Lebenssituationen des Nicht-mehr-weiter-Könnens und sitzen wie hypnotisiert in ihren komfortablen Autos oder stehen allein mitten auf einer Straße. Crewdsons ausgeprägtes Interesse für die Abgründe der menschlichen Seele hat, wie er selber sagt, mit seiner Neugier begonnen, die er als Kind verspürte, seinen Vater, der als Psychoanalytiker zu Hause praktizierte, durch die Bodenbretter zu belauschen. Eine abgewandelte Version dieser Kindheitserinnerung ist in einer Fotografie der Foto-
serie Twilight verarbeitet, die einen Jungen in einem Badezimmer zeigt, der mit seinem Arm in das dunkle und schmuddelige Rohrleitungssystem eindringt (großes Foto).
Unverkennbar erweist sich für Gregory Crewdson das amerikanische Hollywoodkino mit seinen Mythen als unerschöpfliche Fundgrube. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Filme von Steven Spielberg und David Lynch, deren Horror- und Sciencefiction-Thematik er in die Fotografien einfließen lässt. Crewdson arbeitet mit filmischen Bildern, in denen durch eine dem Kino entlehnte Lichtregie Übernatürliches und Fiktionales wirkungsvoll beschrieben werden. So lassen sich die mystischen Lichtkegel, die sich ihren Weg durch die Dunkelheit der Nacht bahnen, wie in Steven Spielbergs Film „Die unheimliche Begegnung der dritten Art“ als Kontaktaufnahme der Außerirdischen mit den Menschen deuten.
Die Ausstellung zeigt alle wichtigen Fotoserien des Künstlers aus den Jahren 1985 bis 2005. Sie schlägt einen Bogen von seinen frühen kleinformatigen Fotoarbeiten zu den konstruierten Modellwelten der Serie Natural Wonder, in denen sich die Faszination über ein unkontrolliertes, rätselhaftes Eigenleben der Natur spiegelt, und entfaltet schließlich in den Werkblöcken Twilight, Dream House und Beneath the Roses mit perfekten und abgründigen Inszenierungen den cineastischen Charakter seiner Arbeiten. Sabine Sander-Fell


Die Ausstellung Gregory Crewdson 1985– 2005 ist nach einer ersten Station im Kunstverein von Hannover bis zum 14. Mai in den Museen Haus Lange und Haus Esters, Wilhelmshofallee 91–97, in Krefeld zu sehen. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11–17 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Hatje Cantz Verlag erschienen.
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