ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2006Boris: „Magisches Kunstwerk“

KINDER-PSYCHE

Boris: „Magisches Kunstwerk“

Haberhausen, Michael

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LNSLNS Der 1988 geborene Boris begab sich zur Therapie einer Magersucht in stationäre Behandlung, nachdem er durch restriktive Ernährung und exzessiv betriebenen Sport sein Gewicht erheblich reduziert hatte. Bei einer deutlichen Selbstwertproblematik hatte er zuvor durch intensives Training einen sehr muskulös-definierten Körper erworben und hierdurch Bestätigung und eine starke Aufwertung erfahren, schließlich aber die Kontrolle über den Umfang sportlicher Aktivitäten verloren.
Foto: Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Marburg
Foto: Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Marburg
Auf der kinder- und jugendpsychiatrischen Station werden nachmittags verschiedene Arbeitsgemeinschaften angeboten, unter anderem aus dem
kreativ-gestalterischen Bereich. Hier entstand das „Wellenbild“ ohne thematische Vorgabe. Leuchtkräftige, transparente Farben auf Wasserbasis wurden auf ein vorher befeuchtetes, reißfestes Papier mit Pinsel und Spatel aufgetragen. Boris beschreibt sein Bild selbst: „Dieses Bild zeigt Stimmungsschwankungen. Es gab Zeiten, in denen ich schlechter gelaunt war, und es gab Zeiten, in denen ich besser gelaunt war. Je heller und wärmer die Farben wurden, desto besser war auch meine Laune. Die schlechteren Zeiten waren am Anfang sehr ausgeprägt, aber sie wurden von Tag zu Tag und von Woche zu Woche besser. Das Bild hat aber auch noch einen zusätzlichen Effekt, denn es hat sich selbst konstruiert, ich wählte nur die Farben, und das Wasser, das im Blatt war, verteilte sie. Es kam einmal vor, dass die Farbe sich weit ausbreitete, und es kam einmal vor, dass sie sich wenig ausbreitete. Dieses Bild ist also ein ,magisches Kunstwerk‘“
Das Bild zeigt keine menschlichen Figuren. Boris bleibt abstrakt, vermeidet Gegenständliches, was Schwierigkeiten im sozialen Kontakt ausdrücken könnte. Er hatte ausgeprägte Ängste vor zwischenmenschlichen Konflikten. Die ineinandergesetzten Wellen sind wenig modifiziert. Diese Gleichförmigkeit spricht für eine gewisse innere Leere und erinnert ein wenig an Bilder depressiver Patienten. Hierzu passen auch die flächigen, nicht konturierten Formen. Boris vermeidet Kontraste. Er verwendet helle, harmonische, organische Farben. Beeinträchtigende Anteile sind noch zu erkennen, der Patient kämpft. Das Bild wirkt nicht resignativ. Es signa-
lisiert vielmehr Hoffnung und Veränderung, einen Lichtstreifen am Horizont. Michael Haberhausen
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