ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2006zur Neosino AG: Der pure Dreck

VARIA: Schlusspunkt

zur Neosino AG: Der pure Dreck

Dtsch Arztebl 2006; 103(15): [76]

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der „Neue Markt“ ist vielen Anlegern noch arg in Erinnerung. Dieses Segment, das von der Deutschen Börse in aller Stille zu Grabe getragen wurde, ist ein wunderbares Exempel dafür, wie eine unheilvolle Kumpanei aus geschäftesüchtigen Bankern und gierigen Anlegern eine Spekulationsblase anzuzetteln imstande war, unter deren Platzen heute noch Tausende von Börsianern, aber eben auch etliche „ehrliche“ Kleinsparer materiell ziemlich leiden.
Ob die Unternehmen der „New Economy“ eine vernünftige Perspektive hatten oder nicht, zählte wenig. Hauptsache, die Idee war verrückt genug oder mit der gebotenen Dreistigkeit vorgetragen; die Leute griffen nach allem, was irgendwie nach Hightech, IT oder Network klang. Kursverluste von 90 Prozent waren, als die Werte nach unten purzelten, dann auch mehr die Regel denn die Ausnahme. Mit dem „Entry Standard“, quasi als Nachfolgeprodukt, hatte sich die Deutsche Börse vorgenommen, und wenn ich mich recht erinnere, auch versprochen, mehr Qualität bei den Börsenkandidaten zu gewährleisten. Kritiker sehen das durch die Realität längst als widerlegt an; der Entry Standard schicke sich an, doch wieder eine ähnliche Zockerplattform zu sein wie ehemals der Neue Markt.
Dass da etwas Wahres dran sein könnte, lässt sich an der Neosino Technologies AG prima zeigen. Das südhessische Unternehmen, dessen Produkte aus nanoteilchenhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln besteht oder, genauer gesagt, bestehen soll, kam Anfang Januar dieses Jahres an die Börse und hob direkt zu einem Steilflug an. 50 000 Aktien konnten zu 55,55 Euro gezeichnet werden. Glücklich war, dem ein paar Stücke zugeteilt wurden; der Kurs schoss am ersten Handelstag auf 94 Euro und bis Ende Februar auf mehr als 160 Euro hoch, acht Millionen Euro Börsenkapitalisierung immerhin. Dass der Börsenwinzling in den ersten neun Monaten seines jungen Lebens gerade mal eine halbe Million Euro umgesetzt hatte, interessierte keinen, wieso auch, wenn die Story stimmt.
Aber ob sie wirklich stimmt, ist höchst umstritten. Der Potsdamer Professor Markus Antonietti konnte in einer Untersuchung für das ARD-Magazin Panorama die angeblich wirksamen Nanoteilchen nicht finden. Seiner Meinung nach hätte der Gang auf einen normalen Bolzplatz die gleiche Wirkung, wenn man den Staub, der dort aufgewirbelt würde, schlucken würde. Schlucken mussten auch die Anleger: Der Kurs sackte bis auf 68 Euro.
Neosino-Boss Edmund Krix machte das, was in solchen Fällen zum Business gehört, er präsentierte Gegengutachten, dass sehr wohl Nanopartikel in den Produkten seien, und überhaupt hätten die anderen nicht sauber recherchiert. Verständlich, dass Panorama mit einer Untersuchung der Uni Hamburg nachlegte und Neosono auch dies prompt dementierte. Die Anleger ficht die Holzerei kaum an, der Kurs hält sich trotz aller Querelen wieder über der Marke von 100 Euro, meiner Meinung nach völlig zu Unrecht. Also, der Neue Markt ist nicht wirklich tot. Er heißt nur anders.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema