ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2006Intensivpatienten: Corticosteroide häufig kontraproduktiv

AKTUELL: Akut

Intensivpatienten: Corticosteroide häufig kontraproduktiv

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Auf vielen Intensivstationen ist der Einsatz von Corticosteroiden in den letzten Jahren ausgeweitet worden. Das Überschreiten der Indikationsgrenzen birgt jedoch Risiken, wie eine Fall-Kontroll-Studie in Archives of Surgery (2006; 141: 145–49) zeigt. Die Gefahr von Infektionen steigt, was auch die Kliniken teuer zu stehen kommt. Eine hoch dosierte Steroidtherapie wurde bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren durchgeführt, bis dann 1987 zwei größere Multicenter-Studien zu dem Ergebnis kamen, dass die Sterblichkeit der Patienten nicht gesenkt wurde (NEJM 1987; 317: 659–65) beziehungsweise sogar anstieg (NEJM 1987; 317: 653–58). Danach ging der Einsatz zurück. Seit einigen Jahren werden Steroide wieder häufiger angewendet, wenn auch in niedrigerer Dosierung und nur bei Vorliegen einer Nebenniereninsuffizienz. Als weitere evidenzbasierte Indikation sind Rückenmarkverletzungen hinzugekommen, wo sie heute Therapiestandard sind, wie Rebecca Britt von der Eastern Virginia Medical School in Norfolk ausführt. Steroide würden auf chirurgischen Intensivstationen jedoch auch zur Behandlung von Atemwegsödemen und Stridor eingesetzt, ohne dass dies durch randomisierte kontrollierte Studien gestützt sei.

Über die gute symptomatische Wirkung dürfen nach Ansicht von Britt jedoch nicht die (bekannten) Risiken der Steroide vergessen werden. Dazu zählt in erster Linie ein erhöhtes Risiko auf Infektion. Um diese Bedenken zu untermauern, hat die Chirurgin Britt die Daten von 100 Intensivpatienten ausgewertet, die mit Steroiden behandelt wurden. Ihnen wurde eine Kontrollgruppe mit den gleichen Verletzungen (Trauma, Verbrennungen) und dem gleichen Schweregrad (APACHE-II-Score) gegenübergestellt.

Das Ergebnis war ernüchternd: Die mit Steroiden behandelten Patienten entwickelten mehr als doppelt so häufig eine Pneumonie (26 versus 12 Prozent; Odds Ratio 2,64 in einer Multivariat-Analyse). Auch Bakteriämien waren deutlich häufiger (19 versus 7 Prozent, Odds Ratio 3,25), ebenso Harnwegsinfektionen (17 versus 8 Prozent; Odds Ratio 2,31). Dabei hing
die erhöhte Infektionsrate nicht von der Art des Corticosteroids oder der Dauer der Therapie ab. Steroid-behandelte Patienten hatten eine längere Liegezeit auf der Intensivstation (17,6 versus 10,2 Tage), und sie mussten länger beatmet werden (9,9 versus 4,9 Tage). Nur 39 der 100 Patienten erhielten nach den Recherchen der Autorin Steroide für evidenzbasierte Indikationen. Rüdiger Meyer
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