ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2006Medizinlehrbücher: Alternativ übers Netz

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Medizinlehrbücher: Alternativ übers Netz

EB/BSK

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LNSLNS Web-Initiative macht medizinisches Basiswissen kostenfrei verfügbar.

Klassische Medizinlehrbücher sind in der Regel teuer und schnell veraltet. Denn bis ein Text von schreibenden zu lesenden Ärzten oder Studierenden gelangt, sind viele Arbeitsschritte zu bewältigen. Das Buch muss gedruckt, verschickt, beworben und verkauft werden – ein zeitaufwendiger Weg durch viele Hände, und jede Hand verteuert das Produkt.
Alternative Publikationsmöglichkeiten bietet das Internet. Ein Beispiel für veröffentlichtes medizinisches Basiswissen, das keine kostspieligen Umwege nimmt, ist die Plattform zu HIV und Aids unter www.HIV.net. Dort ist auch das Lehrbuch „HIV. NET 2005“, 800 Seiten, 14. Auflage, abrufbar. Es wird von einem Autorenteam jährlich aktualisiert und noch vor Erscheinen im Buchhandel kostenfrei im Internet veröffentlicht. Das „Turbo-Rezept“ lautet: Ärzte schreiben direkt für Ärzte, per Internet und ohne Zwischenhändler. Sie machen auch das Layout, produzieren eine pdf-Datei und laden diese ins Netz. Was ökonomisch zunächst wenig nachvollziehbar erscheint, ist bislang außerordentlich erfolgreich (siehe „Bauanleitung“: www.OperationOpern ball.com).
Doch die HIV.NET-Autoren gingen noch weiter. Mitte 2005 haben sie ihr Buch ins Englische übersetzt und es – erneut kostenfrei – als pdf
ins Internet gestellt (www.HIVMedicine.com). Das Ergebnis waren mehr als 30 000 Downloads in weniger als sechs Monaten. Danach gaben die Autoren das Copyright für alle Sprachen außer Englisch und Deutsch frei und erlaubten ausländischen Ärzten, das Buch auf eigene Rechnung und zur eigenen Bereicherung zu übersetzen und zu verkaufen. Dies führte zu Übersetzungen ins Spanische, Portugiesische, Russische und Rumänische. Darüber hinaus beschloss einer der Herausgeber, das Prinzip auf weitere medizinische Bereiche auszudehnen. Das führte zur Initiative Amedeo Challenge (www.AmedeoChal lenge.org).
Die Idee dahinter: Ärzte besitzen zwar die technischen Fertigkeiten, ihre Lehrbücher in ein pdf-Format zu konvertieren und auf einen Webserver zu laden, doch oft fehlt es an Zeit und Motivation, die Texte zu erstellen. Deshalb soll ein Wettbewerb mit Preisen zwischen 12 500 und 25 000 Euro nachhelfen, Autoren zu rekrutieren. Basis hierfür ist eine Mailingliste von 170 000 vorwiegend ärztlichen E-Mail-Abonnenten weltweit, die den Literatur-Service „Amedeo“ beziehen. Dieser bietet ein unentgeltliches Screening der neuen wissenschaftlichen Literatur für rund 90 Bereiche der Medizin, darunter Diabetes, koronare Herzkrankheit, Aids, Brustkrebs, Nierenversagen und andere (Themenübersicht unter www.amedeo.com), an.
Für den ersten Preis – 12 500 Euro für ein Tuberkulose-Lehrbuch von 500 Seiten – hatten sich in den ersten vier Wochen nach der Ausschreibung sieben Ärzteteams gemeldet. Jüngste Veröffentlichung ist der „Influenza Report 2006“, der ebenfalls als pdf abrufbar ist (www.InfluenzaReport.com). Der nächste Preis (25 000 Euro) steht für ein Hepatitis-Lehrbuch zur Verfügung. Alle Teilnehmer müssen sich verpflichten, ihre Bücher kostenfrei im Internet anzubieten und das Copyright für andere Sprachen freizugeben. EB/BSK

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