ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2006Impfstoffentwicklung: Begrenzte Immunogenität einer H5N1-Testvakzine

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Impfstoffentwicklung: Begrenzte Immunogenität einer H5N1-Testvakzine

Meyer, Rüdiger

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Unter strengsten Sicherheitsbedingungen: Blick in die Impfstoffproduktion von Chiron Behring Foto: Chiron Vaccines
Unter strengsten Sicherheitsbedingungen: Blick in die Impfstoffproduktion von Chiron Behring Foto: Chiron Vaccines
Verschiedene Länder haben sich für den Fall einer Pandemie Kaufoptionen gesichert.

Die Ergebnisse der bisher größten Studie zu einem potenziellen Impfstoff gegen die aviäre Influenza (Vogelgrippe) beim Menschen sind unterschiedlich bewertet worden. Während das US National Institute of Health von einem Schritt in die richtige Richtung sprach und die hohe Sicherheit des Impfstoffs hervorhob, verweisen andere Experten auf die geringe Immunogenität und die daraus resultierenden Engpässe.
Die Wirksamkeit eines Impfstoff-Prototyps gegen das noch hypothetische Pandemie-H5N1-Virus kann niemand vorhersagen. Je nachVeränderungen im Genom des Virus wird sich seine Antigenität verändern, was die derzeit getesteten Vakzine möglicherweise völlig wirkungslos machen würde. Dieser Einwand trifft auch auf die am weitesten vorangetriebenen Vakzine, den Impfstoff 1203, zu, den die Firma Sanofi-Pasteur im Auftrag des US National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) hergestellt hat. Die Vakzine besteht aus den beiden wichtigsten Oberflächenproteinen Hämagglutinin und Neuraminidase eines H5N1-Virus. Sie stammen aus Viren, die im Jahr 2004 bei einem an der Vogelgrippe gestorbenen Jungen aus Vietnam isoliert wurden. Alle anderen Bestandteile des Impfvirus wurden konventionellen Grippeviren entnommen. Es ist keineswegs sicher, dass die Hämagglutinin- und Neuraminidase-Eiweiße des hypothetischen Virus mit den Hämagglutinin- und Neuraminidase-Eiweißen des Impfstoffes 1203 übereinstimmen werden, da diese Eiweiße auch seine Infektiosität bestimmen.
Doch selbst wenn der Impfstoff 1203 sich als „Glücksgriff“ erweisen sollte, wäre seine Wirksamkeit möglicherweise begrenzt, wie die Ergebnisse einer randomisierten kontrollierten Studie zeigen, die unter der Leitung von John Treanor von der Universität Rochester im US-Staat New York zwischen März und Juli 2005 an drei US-Universitäten durchgeführt wurden (New England Journal of Medicine 2006; 354: 1343–1351). Teilnehmer waren 451 gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren. Sie erhielten im Abstand von 28 Tagen zwei intramuskuläre Injektionen des Impfstoffes in Dosierungen von 7,5 µg bis 90 µg oder Placebo. Diese Tests waren ohne Adjuvans durchgeführt worden.
Nur in der höchsten Dosierung (2 × 90 µg), und hier auch nur bei 54 Prozent der Probanden, wurde ein Antikörper-Titer von 1 : 40 (gilt als seroprotektiv) oder besser erzielt. Allerdings war die Verträglichkeit des Impfstoffes auch in der hohen Dosierung gut, wie NIAID-Direktor Anthony Fauci in einer Stellungnahme betonte. Ohne diese Verträglichkeit wäre das Projekt wohl von vornherein gescheitert. Jetzt müsse versucht werden, die Immunogenität des Impfstoffes zu steigern. Aber auch mit Hilfsstoffen ist ein Erfolg nicht garantiert: So wurden in zwei in Frankreich und Australien beendeten Studien mit hohen Dosierungen des häufigsten Adjuvans Alaun nur mäßige Ergebnisse erzielt.
In der gegenwärtigen Dosierung würde der H5N1-Impfstoff, der konventionell in Hühnerembryos vermehrt werden muss, schnell an Grenzen stoßen, wie Gregory Poland von der Mayo Clinic im Editorial vorrechnet (NEJM 2006; 354: 1411–1413). Die weltweite Produktionskapazität für Grippe-Impfstoffe beträgt derzeit 900 Millionen Dosierungen (der 15-µg-Dosis). Wenn pro Person zwei Dosierungen von 90 µg benötigt werden, ergibt das Impfstoffe für 75 Millionen Menschen – das entspricht etwa 1,25 Prozent der Weltbevölkerung.
Von einer sinnvollen globalen Strategie gegen die Vogelgrippe-Pandemie könne deshalb keine Rede sein, zumal der Impfstoff (im optimalen Fall) nur die Hälfte der Impflinge schützen würde. Und auch dies sei mit Fragezeichen versehen. Denn der seroprotektive Titer von
1 : 40 gelte für die vergleichsweise wenig pathogenen konventionellen Grippeviren, nicht aber für die weitaus pathogeneren H5N1-Viren, mit denen das Immunsystem zuvor keine Bekanntschaft gemacht hat. !
Hinzu kommt, dass sich das H5N1-Virus in zwei unterschiedliche Varianten (Clade 1 und 2) aufgespalten hat. Der jetzt getestete Impfstoff, der aus einem Clade-1-Stamm hergestellt wurde, schütze vermutlich nicht gegen Clade 2. Ein weiteres Fragezeichen betrifft das Alter der Patienten. In der Studie wurden überwiegend gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren untersucht. Den größten Nutzen von einem Impfstoff hätten allerdings ältere Menschen und Kinder, bei denen durch Impfungen jedoch geringere Antikörperantworten erzielt werden.
Der jetzige Impfstoff, für den sich verschiedene Länder bereits Kaufoptionen gesichert haben, wäre deshalb wohl nicht einmal in der Lage, die Bevölkerung in den wenigen Ländern, die ihn sich überhaupt leisten können, zu schützen. Die US-Regierung hat dem Vernehmen nach acht Millionen Dosierungen des Impfstoffes eingelagert. Rüdiger Meyer

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