ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2006Wolfgang A. Mozart: Ergänzungen
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LNSLNS Mit großem Interesse haben wir den höchst interessanten und umfassenden Artikel von Prof. em. Dr. med. Reinhard Ludewig über die letztlich unerkannte Todesursache Mozarts gelesen. Die tabellarisch aufgeführten Symptome in den letzten Tagen vor Mozarts Ableben lassen an eine finale ZNS-Beteiligung mit erhöhtem intrakraniellen Druck denken. In der neurologischen Literatur existiert hierzu eine weitere Hypothese. Diese Hypothese basiert auf Untersuchungen an einem Schädel, der über Josef Rothmayer, einem der beiden Totengräber Mozarts, letztlich in die kuriose Sammlung des Anatomen Josef Hyrtls gelangt ist. Ersterer hatte im Rahmen der turnusmäßigen Leerung der Gräber weniger als zehn Jahre nach Mozarts Tod den Schädel an sich gebracht. Über den Umweg der Hyrtlschen Sammlung bekannter Komponistenschädel, unter denen sich unter anderem auch Schuberts und Beethovens Überreste befanden, kam besagter Schädel schließlich in den heutigen Besitz der städtischen Sammlung Salzburg. Die forensische Rekonstruktion des Gesichts, bei der die Gesichtszüge durch Tonmodellierung nach morphometrischen Daten aus anthropologischen Studien nachgebildet werden, weist beträchtliche Ähnlichkeit mit den zeitgenössischen Porträts Mozarts auf. Auch die Berechnung der Nasendimensionen anhand der knöchernen Vorgaben am Schädel stimmt mit den zeitgenössischen Darstellungen des ungewöhnlich konfigurierten Riechorgans verblüffend überein. Der Schädel allerdings lässt bei genauerer Betrachtung eine temporale Fraktur erkennen, die aufgrund der Heilungsspuren zu Lebzeiten entstanden sein muss. Diese Fraktur könnte sich Mozart im Rahmen mehrerer verbriefter Stürze in den Jahren 1789 und 1790 zugezogen haben. Ein damit verbundenes epidurales Hämatom hätte er wohl kaum überlebt. Typischerweise können solche Stürze bei Risikopatienten mit einer chronischen Grunderkrankung oder anderen Risikofaktoren wie einem chronischen Alkoholkonsum jedoch auch zur Ausbildung eines chronisch subduralen Hämatoms führen (CSH). Zu Lebzeiten Mozarts handelte es sich bei dieser Erkrankung um eine postmortem Diagnose. Die Erkrankung hatte zwar seit dem 16. Jahrhundert vereinzelt in den Lehrbüchern Erwähnung gefunden, galt aber als nicht behandelbare entzündliche Erkrankung und war sicherlich nicht Teil des allgemeinen ärztlichen Kenntnisstands. Noch Anfang des
20. Jahrhunderts darben Patienten mit CSH in Armenhäusern und Irrenanstalten, bevor sie an den Folgen des Hirndrucks verstarben. Das CSH gilt auch heute noch als ein Chamäleon unter den raumfordernden Läsionen des ZNS, denn eine pathognomonische Symptomatik existiert nicht. Ein häufiges Symptom sind chronische Kopfschmerzen. Dank der modernen bildgebenden Diagnostik können die Patienten heute rasch einer adäquaten neurochirurgischen Behandlung zugeführt werden. Früher war die neurologische Ausfallssymptomatik der Patienten oft wechselhaft und verlief über Monate oligosymptomatisch, bevor andere Krankheiten, Dehydratation oder ein Aderlass zu einer akuten Dekompensation mit Herniation führten, ähnlich wie auch bei Mozart beschrieben.
Literatur bei den Verfassern
Priv.-Doz. Dr. med. Ralf Weigel, Seckbacher Landstraße 65,
60389 Frankfurt,
Prof. Dr. med. Joachim K. Krauss,
Medizinische Hochschule Hannover,
Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover
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