ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2006Medikament-freisetzende versus konventionelle Stents – GERSHWIN-Studie (German Stent Health Outcome and Economics Within Normal Practice) zur Vermeidung von Koronar-Restenosen: Gesunde Skepsis geboten

MEDIZIN: Diskussion

Medikament-freisetzende versus konventionelle Stents – GERSHWIN-Studie (German Stent Health Outcome and Economics Within Normal Practice) zur Vermeidung von Koronar-Restenosen: Gesunde Skepsis geboten

Mayer-Berger, Wolfgang

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LNSLNS Grundsätzlich finde ich Vorhaben und Durchführung von Studien wie der vorliegenden GERSHWIN-Studie dringend erforderlich. Allerdings möchte ich einige Anmerkung zur Diskussion der Ergebnisse einbringen. Die meisten Voruntersuchungen, wie auch diese Untersuchung, zeigen Vorteile im Sinne von weniger klinisch bedeutsamen Ereignissen lediglich über eine Zeitspanne von sechs bis zwölf Monaten. Die beschichteten Stents tragen ein Medikament, dessen Langzeitwirkung zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzbar ist. Aus diesem Grund erscheinen sechs Monate, aber auch selbst die vorgesehenen 18 Monate einer Nachbeobachtung ein kurzer Zeitraum.
Es sollten hier keinesfalls vorschnelle Schlüsse auf eine langfristi-
ge Überlegenheit von medikamentbeschichteten Stents gezogen werden. Diese Vorbehalte vermisse ich in dem vorliegenden Artikel. Der methodisch gravierende Mangel einer nichtrandomisierten Studie darf meiner Meinung nach zu Gunsten der Abbildung der Versorgungsrealität nicht in Kauf genommen werden.
Leider bleibt die Frage unbeantwortet, ob das sequenzielle Vorge-
hen zu Indikationsverzerrungen führt. Leitliniengerechtes Handeln ist schon bei herkömmlicher Intervention nicht die Regel (so genannter „oculo-motorischer Reflex“). Für eine signifikante Verzerrung spricht auch der deutliche Unterschied der beiden Gruppen. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.
Ein kritischer Punkt ist auch die Frage der Indikationsstellung zur Reintervention. War die Einschätzung der Restenose dem subjektiven Untersucherurteil überlassen? Der weitreichende Schluss, dass die vorliegenden Daten rechtfertigen, dass die Krankenkassen die höheren Kosten beschichteter Stents erstatten sollten und dies den Patienten und Krankenhäusern sowie „der Allgemeinheit“ zugute käme, ist in dieser Form aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar. Erst nach Vorliegen von Langzeitresultaten über einen Zeitraum von drei bis fünf Jah-
ren ist eine abschließende Bewertung möglich, insbesondere, da es nicht nur um die Restenosenrate geht, sondern auch um Spätwirkungen, wie zum Beispiel Thrombosen.
Gerade in den letzten Jahren ist es durch vorschnellen Einsatz neuer Methoden und Medikamente zur erheblichen Ernüchterung mit Folgekosten und haftungsrechtlichen Konsequenzen gekommen. Gesunde Skepsis erscheint mir hier dringend geboten.

Dr. med. Wolfgang Mayer-Berger
Klinik Roderbirken für Herz-Kreislauferkrankungen
Roderbirken 1
42799 Leichlingen

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