ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2006Arztgeschichten: Partnerbehandlung

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Arztgeschichten: Partnerbehandlung

Beck, Herta

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Seit 2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig Arztgeschichten – zunächst aus der Literatur, seit Heft 3/2004 vorwiegend Beiträge aus der Ärzteschaft.

Nach dreihundert Metern nieselt es, nach fünfhundert regnet es, und bald gießt es in Strömen. Wir lassen uns nichts anmerken und laufen weiter den Kanal entlang. Georg ist einen halben Meter hinter mir, kein Wunder, er hat das Training schleifen lassen, die Achillessehne. Ich friere und er garantiert auch. Wir kehren nicht früher um als sonst. Auf dem Rückweg bleibt Georg zurück. Er geht. Kein Wunder, der Trainingsrückstand. Ist etwas anders als sonst? Ich bleibe stehen. Er müsse einen Moment verschnaufen. Die Bronchien täten ihm weh. Die kalte Luft, und das im September, kein Wunder. „Kann ich weiterlaufen, oder soll ich hierbleiben?“ – „Bleib mal hier.“ Hat er noch nie gesagt.
Gesund und sportlich
Wir gehen nach Hause und werden immer nasser. Zu Hause schält er sich aus dem Trainingsanzug, ich helfe ihm. Ein bisschen komisch sei ihm, nichts Schlimmes. „Leg dich ein bisschen hin. Dusche später. Ich lass’ die Tür auf.“ Blutdruck 100/60, Puls 56. Kann das der Betablocker sein? „Komm, ich fahr’ dich ins Klinikum.“ – „Quatsch, nur weil mir ein bisschen komisch ist, wirst du mich doch nicht gleich ins Klinikum fahren.“ Recht hat er. Georg ist gesund und sportlich. Was soll denn sein? Junge, aufstrebende Mediziner in der Uniklinik würden mich auslachen. „Frau Kollegin, Sie haben anscheinend die Übersicht verloren.“
Es wird bald besser. Am Abend machen wir noch einen Spaziergang. Bewegung ist immer gut. Es ist kalt, regnet aber nicht mehr. „Jetzt spüre ich die Bronchien wieder, ich werde wohl einen Husten bekommen.“
„Kaum Symptome“
Am nächsten Tag ist Sonntag, ich habe Bereitschaftsdienst. Georg hat gut geschlafen und keine Beschwerden mehr. Vorsichtshalber soll er in die Klinik kommen, dann schreibe ich ein EKG. Na gut, vorsichtshalber. Er kommt mit dem Bus. Es ist nicht einfach, meinen Mann dazwischenzuschieben, eine Borderline-Patientin möchte entlassen werden und sich vielleicht auch umbringen, und ihr Mann möchte, dass sie bleibt, und beide wollen abwechselnd den Arzt sprechen. Die Zacken im EKG: Komisch. Wahrscheinlich verpolt. Also noch mal. Kabel sortieren mit zitternden Fingern dauert. Keine Veränderung. Der Kopf ist leer, ich weiß rein gar nichts mehr über EKG. Ich rufe die nächste Rettungsstelle an. Ich sage nicht: „Bitte lachen Sie nicht“, sondern „Vorsichtshalber schicke ich Ihnen meinen Mann.“
Mit dem Taxi. Er geht einen halben Kilometer zur Pforte.
Eine halbe Stunde später ruft die Kollegin aus der Rettungsstelle an: „Wir haben Ihren Mann auf die Intensivstation gelegt . . . Troponin . . . CK-MB . . .“ „Aber er hatte doch kaum Symptome!“ „Beim Hinterwandinfarkt ist das oft so, bisschen Unwohlsein, bisschen Brennen hinterm Brustbein, mehr ist da meistens nicht.“
Das ist jetzt fünf Jahre her. Trotz allem ist es gut gegangen.
Dr. med. Herta Beck
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