ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2006Führen mit Intuition: Die innere Stimme ist ein guter Ratgeber

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Führen mit Intuition: Die innere Stimme ist ein guter Ratgeber

Dtsch Arztebl 2006; 103(15): A-1032 / B-876 / C-844

Lathan, Philippe

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Foto: Daniel Rühmkorf
Foto: Daniel Rühmkorf
Der Arzt spürt, dass diese Bewerberin genau die „richtige“ ist, um ihn bei der Erreichung seiner Ziele zu unterstützen – obwohl Zeugnisse und Lebenslauf diesen Schluss nicht unbedingt nahe legen. Oder: Sein Unterbewusstsein signalisiert ihm, die Entscheidung, seiner Praxis das Image einer „Gesundheitspraxis“ zu geben, bei der die Botschaft „wir fördern Ihre Gesundheit“ transportiert wird, sei erfolgversprechend – obwohl ihm Kollegen von dieser Umorientierung abraten. Wohl jeder Arzt kennt Situationen, in denen er sich auf sein Bauchgefühl verlassen hat, auch wenn Zahlen, Daten und Fakten dagegen sprachen. Und häufig stellt sich eine Entscheidung wider alle Vernunft als die richtige heraus. Walten hier Gesetze, die den Beteiligten kaum bewusst sind?
Die Intuition kann sowohl bei der Mitarbeiterführung als auch bei der Patientenkommunikation ein wichtiger Ratgeber sein – diese Erfahrung hat Dr. med. Urs Leo Gantenbein, Facharzt für Allgemeinmedizin FMH in Winterthur in der Schweiz, gemacht: „In der Arztpraxis spielt neben dem Fachwissen die Intuition eine herausragende Rolle. Im Gespräch mit Patienten und Mitarbeitern gilt es oft, mögliche Gefahren- und Konfliktherde oder Komplikationen frühzeitig zu erfassen, um die Weichen für weitere Maßnahmen und Therapien so bald wie möglich stellen zu können. Und da leistet die Intuition wertvolle Schützenhilfe.“
Das Selbstbild vieler Ärzte ist geprägt durch das Ideal der souveränen Führungspersönlichkeit, die rational und „mit Verstand geschlagen“ die Zügel fest in der Hand hält. Es wächst jedoch die Akzeptanz, nicht nur die Rationalität als Basis von Führungs- und Entscheidungsprozessen anzuerkennen. Die rationale Analyse allein reicht in einer immer komplexeren Umwelt nicht mehr aus, um effektiv führen, entscheiden und kommunizieren zu können. Intuition reduziert die Komplexität von Problemstellungen, indem sie das dahinter stehende Muster spü-ren lässt.
„Wir Ärzte müssen die Befindlichkeiten und Nöte des Patienten mit wachem Ohr und Einfühlungsvermögen wahrnehmen, um ihn optimal begleiten zu können. Aus einer Vielzahl von Behandlungsmethoden und Medikamenten sind diejenigen auszuwählen, die dem Patienten einen möglichst großen Nutzen bringen. Bei der in der Praxis oft knapp bemessenen Zeit kann dies nur mit einem gehörigen Schuss Intuition gelingen“, meint Gantenbein.
Spätestens seit Porsche-Chef Wendelin Wiedeking im Unternehmermagazin „Impulse“ darlegte, wie wichtig die Intuition und die innere Stimme für viele seiner millionenschweren Entscheidungen gewesen seien, sind Bauchgefühl und emotionale Intelligenz als Ratgeber willkommen, die letztendlich neue Wege der Erkenntnis eröffnen – und eine höhere Erkenntnisqualität ermöglichen. Wie aber lässt sich der Weg zur Intuition erschließen? Zunächst einmal muss der Arzt bereit sein, ihre Existenz anzuerkennen. Er sollte sich als ganzen Menschen sehen, der bei Entscheidungsfindungen und der Beziehungsgestaltung zu Mitarbeitern und Patienten seine Fantasie und die kreativ-innovativen Fähigkeiten der rechten Gehirnhälfte ebenso nutzt wie die logischen, rationalen und linearen Komponenten der linken Gehirnhälfte. Rationalität und Intuition sind als sich ergänzende Aspekte des Menschseins zu verstehen. „Ärzte, denen es gelingt, sich diese Haltung zu erarbeiten, können ihre innere Stimme wahrnehmen – und diese Wahrnehmung trainieren“, ist sich Allgemeinmediziner Gantenbein sicher.
Der Zugang zur Intuition hat damit zu tun, dass Ziele und Ideen visualisiert werden und so das Unbewusste stimuliert wird. Die inneren Bilder sind die Sprache des Unbewussten. Viele Naturwissenschaftler erhielten den Anstoß zu ihren Erfindungen in ihren Träumen und mithilfe innerer Bilder; erinnert sei nur an den Traum des Chemikers Kekulé, in dem er die ringförmige Anordnung des Benzols „entdeckte“. Und Erfinder Thomas A. Edison soll sich vor dem Einschlafen ein wissenschaftliches Problem in einem Bild vorgestellt haben, um so einen Traum mit einer Problemlösung zu provozieren.
Oft wird dem Arzt der Zugang zur Intuition durch Stress und Belastungen verschüttet. Entspannungstechniken und Atemübungen helfen einen Zustand der inneren Ruhe und Gelassenheit herzustellen, in dem es am besten möglich ist, die innere Bilderwelt und innere Stimme wahrzunehmen. Dies entlädt sich oft in einem „Geistesblitz“, bei dem in einem Moment vollkommener Klarheit etwa eine Problemlösung aufscheint. Die Lösung lag „auf der Straße“, man war aber nicht fähig, sie zu erkennen.
Die innere Stimme äußert sich durch körperliche Signale: ein Kribbeln in der Bauchgegend, der Kloß im Hals, eine Verspannung. Die Körpersignale weisen auf bewusste und unbewusste Erfahrungen hin und deuten ein gegenwärtiges Ereignis auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen. Darum sollte der Arzt diese Signale nicht beiseite schieben, sondern zu deuten versuchen. Dabei hilft ihm das schriftliche Festhalten intuitiver Erlebnisse und Erfahrungen. Denn vielleicht lässt sich ein Muster erkennen, das darauf hinweist, in welchen Situationen sich die innere Stimme und der innere Berater auf welche Art und Weise gemeldet haben. So lassen sich etwa jene Körpersignale besser einschätzen und interpretieren.
Intuitive Botschaften hängen wohl mit der Fähigkeit zusammen, die Aktivitäten beider Gehirnhälften zu synchronisieren. Dies lässt sich trainieren. Es gibt spezielle Übungen, die allerdings in einem Training unter fachkundiger Anleitung durchgeführt werden sollten. Dr. Philippe Lathan
E-Mail: info@nathal.de
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