ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2006BKK Verkehrsbauunion: „Wir sind immer noch Suchende“

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BKK Verkehrsbauunion: „Wir sind immer noch Suchende“

Rieser, Sabine

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Andrea Galle Foto: BKK Verkehrsbau Union
Andrea Galle Foto: BKK Verkehrsbau Union
Andrea Galle ist eine der wenigen Frauen an der Spitze einer Krankenkasse.
Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt gibt sie Einblicke in ihre Arbeit.

Über die Betriebskrankenkasse (BKK) Mobil Oil wird derzeit viel geschrieben: Sie hat sich wegen einer Werbekampagne mit Hinweisen auf ihre niedrigen Verwaltungskosten mit konkurrierenden Krankenkassen und dem Bundesversicherungsamt angelegt. Andrea Galle, Vorstand der BKK Verkehrsbauunion (VBU) mit Sitz in Berlin, kritisiert im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt die übliche Trennung nach Verwaltungs- und Leistungsausgaben einer Kasse: „Wenn Sie heute eine neue Waschmaschine kaufen, fragen Sie doch auch nicht, wie viel Verwaltung im Preis steckt.“ Investitionen, die den Verwaltungsausgaben zugerechnet werden, könnten durchaus den Leistungsausgaben zugute kommen, betont Galle. Ohne eine leistungsstarke neue Software könne eine Kasse beispielsweise kein Fallmanagement betreiben und damit auch nicht ihren Beitragssatz in den Griff bekommen.
Galle ist eine der wenigen Frauen an der Spitze einer Krankenkasse. „Ihre“ BKK VBU wird von Ärztinnen und Ärzten in Berlin und Brandenburg kritisch beäugt, weil sie relativ niedrige Kopfpauschalen zahlt. Außerdem hat die BKK unlängst vor dem Landessozialgericht Brandenburg Recht bekommen: dass sie je ein Prozent der Gesamtvergütung für ambulante und stationäre Leistungen einbehalten habe, sei rechtens. Es müsse zum Zeitpunkt des Einbehaltens noch kein Integrationsvertrag bestehen.
Bei den Versicherten ist die Kasse hingegen offenbar sehr beliebt: 1993 eröffnete sie mit gerade 500 Mitgliedern, mittlerweile sind es rund 270 000. „Der enorme Wandel der letzten Jahre wird einem eigentlich erst im Rückblick bewusst“, sagt Galle: „Wer hätte beispielsweise vor fünf Jahren an Bonusprogramme für die Versicherten gedacht?“
Galle bestätigt, dass sich die Kassen zwar stärker als bisher bei der Steuerung der medizinischen Versorgung engagieren wollten. „Wir sind aber nicht nur Gestalter, sondern gleichzeitig immer noch Suchende“. Was die Versicherten von ihrer Kasse erwarteten, sei wegen der kurzen Erprobungszeiten von Chronikerprogrammen, Bonusangeboten oder Verträgen zur Integrierten Versorgung häufig noch unklar. Das Bonusprogramm der BKK VBU etwa, bei dem ein Versicherter maximal 150 Euro pro Jahr erstattet bekommen kann, läuft nach Angaben Galles sehr gut. Die Zusatzversicherungen fänden hingegen weniger Zuspruch. „Die Versicherten fühlen sich offenbar immer noch gut genug abgesichert im System“, vermutet Galle.
Dass die Krankenkassen in Zukunft vermehrt Steuerungsaufgaben übernehmen sollten, steht für die BKK-Vorstandsfrau außer Frage. „Viele Versicherte erwarten keine bestimmte Leistung, sondern dass ihnen im Leistungsdschungel geholfen wird. Ein Teil sucht Rat, weil er mit der Fülle der eingeholten Informationen überfordert ist. Dieses Phänomen kennen auch viele Ärzte. Ich denke schon, dass Kassen hier eine Aufgabe zu übernehmen haben.“ So bietet die BKK VBU Versicherten, die wegen Rückenschmerzen länger oder immer wieder krank sind, Diagnose und Therapie in einem Rückenzentrum an. Viele Versicherte nähmen das Angebot dankbar an, berichtet Galle. Es wirke, wie auch manches Chronikerprogramm oder mancher Vertrag zur Integrierten Versorgung, „sehr kleinteilig“. Aber das sei nicht negativ, findet sie, denn „Versorgung geschieht eben regional“.
Dass die neue Zielrichtung ganz andere Anforderungen an die Beschäftigten stellt als früher, kann Galle nur bestätigen: „Wir haben sehr viel junge Mitarbeiter eingestellt, darunter auch Ärzte, Betriebswirte und Medizincontroller.“ 1993 kümmerten sich zwei Angestellte um die ersten 500 Versicherten, heute beschäftigt die Kasse rund 500 Mitarbeiter. Auch die BKK VBU hat sich zudem externe Berater ins Haus geholt. Um stärker in die Steuerung der Versorgung einzusteigen, müsse man schließlich intern eine Menge verändern, sagt Galle, „sonst brauchen Sie gar nicht erst mit Angeboten auf die Leistungserbringer zuzugehen“. Sabine Rieser
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