ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2006Hausärztliche Versorgung: „Wir sind gut positioniert“

POLITIK

Hausärztliche Versorgung: „Wir sind gut positioniert“

Dtsch Arztebl 2006; 103(16): A-1042 / B-884 / C-852

Korzilius, Heike; Maus, Josef

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Rainer Kötzle und Eberhard Mehl vom Deutschen Hausärzteverband über Vertragswettbewerb und Honorarreformen

INTERVIEW

Rainer Kötzle (55), Allgemeinarzt in Aachen, ist seit Februar 2005 Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes.
Rainer Kötzle (55), Allgemeinarzt in Aachen, ist seit Februar 2005 Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes.
DÄ: Herr Kötzle, beim Neujahrsempfang des Deutschen Hausärzteverbandes hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt mit der Aussage verblüfft: „Ihr seid mir die Liebsten.“ Freut einen das?
Kötzle: Das freut einen natürlich. Wenn eine Ministerin im übertragenen Sinne sagt, dass Hausärzte für sie eine wichtige Rolle darstellen, dann ist das nicht negativ einzuschätzen.

DÄ: Sehen Sie die Wertschätzung der Ministerin auch im konkreten politischen Handeln bestätigt?
Kötzle: Wir haben in den letzten Jahren Fortschritte mithilfe der Politik zu verzeichnen. Aber das ging durch alle Parteien. Dazu gehört die von Horst Seehofer eingeführte hausärztliche Grundvergütung, ebenso die politische Unterstützung, als klar wurde, dass die Hausärzte in den Kassenärztlichen Vereinigungen nicht den Stellenwert hatten, den sie in der Versorgungsebene innehaben. Andrea Fischer hat die Trennung der Gesamtvergütung, also einen separaten hausärztlichen Vergütungsanteil, eingeführt, was für uns eine ganz wesentliche Verbesserung darstellte, weil die Hausärzte bis dahin im ökonomischen Sinne nicht die Gewinner waren. Und Ulla Schmidt hat uns schließlich die Möglichkeit eröffnet, über die Integrationsversorgung eigene Verträge zu machen.

DÄ: Sie fühlen sich also gut behandelt. Stehen die Hausärzte deshalb nicht an der Spitze der Protestbewegung?
Kötzle: Das kann man so nicht sagen. Gut behandelt ist relativ. Die Bedeutung der hausärztlichen Versorgung wird gesehen, auch die Notwendigkeit, etwas dafür zu tun. Das stimmt. Doch die Hausärzte unterstützen die Proteste. Man muss aber immer beide Seiten im Auge behalten – die berechtigten Proteste und die politische Handlungsfähigkeit, die gerade in der jetzigen Zeit sehr wichtig ist.

DÄ: Wo sehen Sie bei den Protesten den Konsens aller Arztgruppen?
Kötzle: An erster Stelle steht der Erhalt der Freiberuflichkeit. Wir sind alle für eine angemessene Honorierung und für Bürokratieabbau. Wir sind gegen die Malusregelung bei der Verordnung von Arzneimitteln. Unsere spezifischen Forderungen im hausärztlichen Bereich sind: eine eigene hausärztliche Gebührenordnung, eine nochmalige Erweiterung der Vertragsmöglichkeiten und eine weitergehende Selbstbestimmung innerhalb der Selbstverwaltung bis hin zu einer reformierten Hausarzt-KV.

Eberhard Mehl (39), Diplom- Verwaltungswissenschaftler, führt seit Juni 2000 die Geschäfte des Verbandes.
Eberhard Mehl (39), Diplom- Verwaltungswissenschaftler, führt seit Juni 2000 die Geschäfte des Verbandes.
DÄ: Zur neuen Vertragsfreiheit gehört der bundesweite Barmer-Hausarztvertrag. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?
Mehl: Unser bisheriges System ist stark reformbedürftig. Wir haben über unsere Verträge versucht, eine grundlegende Reform schon vorzubereiten. Zum Barmer-Vertrag: Wir sehen hier kein Primärarztsystem, sondern ein freiwilliges System. Es ärgert viele, dass sich freiwillig so viele Ärzte und Patienten einschreiben. Das ist ein entscheidender Effekt – für die Politik und für die Hausärzte. In dem Barmer-Vertrag haben sich über 1,5 Millionen Versicherte und gut 38 000 Hausärzte eingeschrieben. Wenn wir alle Verträge zusammennehmen, also auch die mit den Allgemeinen Ortskrankenkassen und Innungskrankenkassen in verschiedenen Bundesländern, liegen wir jetzt bei rund 3,5 Millionen Versicherten, die sich in der kurzen Zeit eingeschrieben haben. Ende 2006 werden wir an die sechs Millionen Versicherte und rund 45 000 Hausärzte in den Verträgen haben.

DÄ: Die Zahlen sagen aber noch nichts über Qualitätsverbesserungen in der Versorgung aus.
Mehl: Man kann neue Strukturen, die gerade erst aufgebaut werden, nicht sofort am Endpunkt, der Ergebnisqualität, messen. Was wir jetzt schon sagen können, ist, dass der Hausarzt eine Schlüsselstellung im Gesundheitswesen innehat – für die Patienten und auch für die Krankenkassen. Deshalb sind die Zahlen alleine schon sehr bedeutsam. Aber wir haben auch jetzt schon Struktureffekte erzielt. Es nehmen beispielsweise mehr Patienten an Disease-Management-Programmen teil. Zwar sind diese Programme bürokratisch vollkommen überlastet, aber der Ansatz von strukturierten Behandlungsprogrammen für chronisch Kranke ist gut und richtig. Das Zweite ist: Hier folgt das Geld der Leistung. Wir erhalten Geld aus dem stationären Bereich, weil sich die Leistungen in den ambulanten und insbesondere in den hausärztlichen Versorgungsbereich verlagert haben.

DÄ: Wie hoch ist der bürokratische Aufwand?
Mehl: Alles Neue schafft zunächst einmal Arbeit, aber die Vorteile für die Ärzte sind vielfältig. Es sind die ersten Verträge, bei denen in Euro gezahlt wird. Es gibt im Barmer-Vertrag eine bundesweit gleiche Honorierung, während sonst enorme Fallwertunterschiede zwischen den einzelnen Regionen vorherrschen. Alle Hausärzte können mitmachen, es gibt kein Selektionsrecht der Kassen. Wir haben eine flächendeckende, hochwertige Qualitätssicherung eingebaut: vier von der Kammer zertifizierte Fortbildungsveranstaltungen, die von uns nach den Kriterien für eine besondere hausärztliche Qualität ausgewählt werden. Diese vier Fortbildungsveranstaltungen sind allen Verträgen gleich, sodass sich der bürokratische Aufwand für den Arzt in diesem Bereich auf ein Minimum reduziert. Im Barmer-Vertrag wie in den anderen großen Hausarztverträgen haben wir zudem eine automatisierte Abrechnung der Quartalspauschale.

DÄ: Nun hat das Sozialgericht Gotha entschieden, dass der Barmer-Vertrag kein Integrationsvertrag im gesetzlichen Sinne sei. Deshalb müsse die Barmer rund 400 000 Euro Anschubfinanzierung an die KV Thüringen zurückzahlen.
Kötzle: Wir sind nicht so blauäugig, einen solchen Vertrag mit einem derartigen Volumen mit einer großen Krankenkasse abzuschließen, ohne zuvor eine juristische Prüfung gemacht zu haben. Wir sind sicher, dass das erstinstanzliche Gothaer Urteil nicht standhalten wird.
Mehl: Wenn ein Krankenhaus und eine Reha-Station zusammenarbeiten, ist das ein Integrationsvertrag. Wenn aber Hausärzte mit Apotheken zusammenarbeiten, dann ist es kein Integrationsvertrag. Das ist schon schwierig zu begreifen.
Kötzle: Man kann sich schon wundern, dass ausgerechnet dieser Vertrag so im Fokus steht. Immerhin gibt es 1 800 Integrationsverträge.
DÄ: Liegt das an der Größe und bundesweiten Bedeutung des Vertrages?
Kötzle: Ja, mag sein. Von mancher Seite wird eine solche Konkurrenz im Vertragswesen nicht so gerne gesehen. Kleinere Verträge finden da schon mal weniger Beachtung.

DÄ: Wen meinen Sie?
Kötzle: Gegenfrage: Wer hat denn bisher die Verträge im Monopol geschlossen? Die KVen, natürlich. Aber um auch das gleich zu sagen: Der freie Vertragsbereich wird sich ausweiten. Wie wollen Sie sonst mehr Wettbewerb in das System bringen? Das bisherige System mit der Selbstverwaltung ist verknöchert und verkrustet. Der Hausärzteverband ist ein wichtiger Vertragspartner, der eine wichtige Versorgungsebene abdeckt.

Fotos: Bernhard Eifrig
Fotos: Bernhard Eifrig
Anzeige
DÄ: Warum schließen Sie Integrationsverträge und nicht Verträge nach § 73b zur hausarztzentrierten Versorgung?
Kötzle: Das liegt an der Forderung des § 73b, dass die Krankenkassen nur Verträge mit besonders qualifizierten Hausärzten schließen sollen. Die Kassen können also definieren, wer besonders qualifiziert ist, und sie können unter den Ärzten selektieren. Wir wollen uns nicht in die Abhängigkeit der vertragsschließenden Krankenkassen begeben.

DÄ: Hat der Hausärzteverband vom neuen Vertragsgeschäft auch im Hinblick auf Mitgliederzuwachs profitiert?
Mehl: Vorher war der Verband groß, jetzt ist er sehr groß.
DÄ: In Zahlen ausgedrückt?
Mehl: Vorher waren es rund 23 000 Mitglieder, jetzt sind es 32 000. Positiv ist, dass wir viele jüngere Mitglieder gewonnen haben. Junge Ärzte gehen nicht mehr einfach so in einen Verband, weil sie mit den Werten übereinstimmen. Jüngere Ärzte verlangen den konkreten Nutzen und fragen, was ein Ver-band für sie tun kann. Die Verträge sind da ein attraktives Angebot, aber auch die systematisch ausgebauten Fortbildungsaktivitäten. Das wird anerkannt.

DÄ: Wie sehen Sie die Zukunft der Hausärzte im KV-System? Wollen Sie eine Sektionierung, eine eigene Hausarzt-KV oder gar keine KV mehr?
Mehl: Wir wären nicht so weit gegangen wie Herr Köhler (KBV-Vorsitzender, Anm. d. Red.), der mit dem angekündigten Referendum, ob die Ärzte die KV noch wollen, einen sehr gewagten Weg beschreitet. Wir sind der Überzeugung, dass der Körperschaftsgedanke in Deutschland schwächer wird. Es geht eindeutig mehr in Richtung Vertragsfreiheit, und das wird zulasten der Kassenärztlichen Vereinigungen gehen. Die KVen werden nicht mittelfristig verschwinden, aber sie werden Lücken aufweisen, die von den Verbänden geschlossen werden. Machen es die Verbände nicht, werden es die Krankenhäuser tun. Verbände müssen in Zukunft verstärkt Honoraranteile jenseits der KV sichern.
Kötzle: Es wird aber weiterhin viele administrative Dinge geben, die eine Organisation wie die KV regeln muss: Zulassungsregelungen, Prüftätigkeiten und dergleichen. Das können die Verbände nicht. Ob das dann aber noch im Körperschaftsstatus sein muss, ist nicht sicher. Für die Hausärzte ist die Form eigentlich sekundär. Selbst die Variante ganz ohne KV wäre für uns kein Problem, weil wir als Verband stark genug sind, um Kollektivverträge zu schließen. Und wir können eine Art gewerkschaftliche Schutzfunktion für die Hausärzte wahrnehmen. Man muss auch sehen, dass der Frust bei den Kollegen über die KVen sehr tief sitzt. Ich würde mich deshalb nicht wundern, wenn bei einer Abstimmung über die Zukunft der KVen bei der Hausärzteschaft überwiegend Ablehnung das Ergebnis wäre.

DÄ: Daran hat auch die Einführung der hauptamtlichen Strukturen bei den KVen nichts geändert?
Kötzle: Nein, das war nur ein erster notwendiger Schritt. Aber das reicht nicht. Wir haben immer noch Ver­tre­ter­ver­samm­lungen, bei denen die Hausärzte in der Minderheit sind. Also, das Mindeste, was wir brauchen und erwarten, ist eine Sektionierung, verbunden mit einem eigenen Verhandlungsmandat und eigenen Honorarformen. Konsequent ausgeführt ist dies eine Hausarzt-KV.

DÄ: Was tun Sie gegen den Nachwuchsmangel bei den Hausärzten?
Kötzle: Der Beruf und die Vergütung müssen wieder attraktiver werden, und der Hausarzt braucht wieder mehr Freiheit in seinem Beruf. Dafür kämpfen wir ja die ganze Zeit. Warum sollte ein junger Arzt bei einer geringeren Vergütung als Hausarzt aufs Land gehen, wenn er es als Facharzt in der Stadt besser hat? Mit Spezialisten kann man die breite Versorgung nicht sicherstellen.
Mehl: Richtig, wir brauchen klare Honorarsteigerungen für die Hausärzte bei weniger Bürokratie. Wir brauchen eine Euro-Gebührenordnung mit Pauschalierung, vor allem für die großen Praxen, die wenig Bürokratie erfordert. Das muss anders sein als beim EBM 2000plus.

DÄ: Wie sehen die Vorstellungen des Hausärzteverbandes zu einer eigenen Gebührenordnung aus?
Mehl: Wir wollen eine Pauschale von 75 Euro pro Quartal plus Leistungs- und Qualitätszuschläge, die einerseits die Technik in den Arztpraxen berücksichtigen und andererseits bestimmte Leistungen wie etwa den Hausbesuch anständig vergüten.
Kötzle: Der technische Bereich ist uns wichtig. Wir wollen nicht den Barfußarzt, wir wollen Leistungen wie beispielsweise Belastungs-EKG, Langzeit-EKG, Sonographie und Doppleruntersuchungen in unseren Praxen vorhalten. Und dafür brauchen wir leistungsgebundene Zuschläge. Es kommt noch ein wichtiger Punkt hinzu: Wir haben zunehmend multimorbide Patienten. Da kommen wir mit den 75 Euro nicht hin, da brauchen wir einen Zuschlag für Multimorbidität. Das ließe sich aber auch über die DMP regeln. Ohnehin würde sich ein DMP für multimorbide Patienten anbieten. Stellen Sie sich vor, die Hausärzte müssten bis zu acht verschiedene Programme handhaben. Das geht doch gar nicht. Ein Mulitmorbiditäts-DMP wäre ein absoluter Bürokratieabbau, und so sollte das von der Gebührenordnung her aufgebaut sein.

DÄ: Ihre Vorstellungen einer hausärztlichen Vergütung lassen sich aber nur realisieren, wenn es eine Einschreibepflicht für Patienten beim Hausarzt gibt.
Kötzle: Das ist richtig. Aber über die verpflichtende Bindung des Versicherten an einen Hausarzt haben Sie zugleich die Mengensteuerung geregelt. Jeder Patient kann sich nur einmal einschreiben.

DÄ: Dem Vernehmen nach bringt Ulla Schmidt Ihren Vorstellungen zu einer hausärztlichen Gebührenordnung große Sympathien entgegen.
Kötzle: Nicht nur die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin sieht das so. Das geht quer durch die große Koalition.
DÄ: Wie schnell könnten solche Pläne denn Realität werden?
Mehl: Wir haben unsere Interessen gut positioniert, aber heute kann man noch nicht sagen, wann und wie genau die Dinge umgesetzt werden. Bekommen wir eine Euro-Gebührenordnung, dann grenzt sich das nicht nur von der jetzigen „Muschelwährung“ ab, sondern auch von der reinen Kostenerstattung, wie sie der Hartmannbund fordert. Eine Kostenerstattung würde für die Hausärzte einen Bürokratiewahnsinn bedeuten. Und das Inkassorisiko würde Hausärzte garantiert davon abhalten, sich in ärmeren Regionen niederzulassen.

DÄ: Sie wollen weiterhin im Sachleistungssystem bleiben?
Mehl: Ja, wir stehen zu einer modernen Form des Kollektivvertrages und zur Sachleistung. Die aber muss in Euro bewertet sein.

DÄ: Kann es sein, dass die Hausärzte vor den Fachärzten eine Euro-Gebührenordnung erhalten?
Kötzle: Unser Konzept ist fertig, und wenn die Politik aufgrund der Versorgungssituation sehr schnell etwas für die Hausärzte tun möchte, kann man das nicht ausschließen. Außerdem sind unsere Forderungen ja auch nicht utopisch.

DÄ: Mit 75 Euro Grundpauschale liegen Sie deutlich über dem, was derzeit gezahlt wird.
Kötzle: Mag sein, aber mit dem, was jetzt gezahlt wird, kann man eine hausärztliche Versorgung nicht mehr machen. Was wir wollen, bedeutet eine Steigerung, aber eine bezahlbare.

DÄ: Um wie viel Geld geht es?
Kötzle: Das ist nicht einfach zu beziffern, weil wir in den Regionen ganz unterschiedliche Fallwerte haben. Die Spannbreite liegt bei 45 bis 60 Euro.
Mehl: Hinzu kommt, dass unser Konzept, wie Sie richtig unterstellt haben, die Einschreibepflicht für Versicherte vorsieht. Damit kriegen wir eine deutliche Reduzierung der Fallzahlen insgesamt. Das gehört mit zur Gegenrechnung. Das hat man ja auch bei der Einführung der Praxisgebühr gesehen. Ähnliche Effekte erwarten wir bei der Einschreibung.
DÄ-Fragen: Heike Korzilius, Josef Maus

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige