ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2006Abschiebung: Skandalöses Urteil
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das „harte Urteil für Psychiater“ ist ein skandalöses Urteil mit dem Ziel, wieder einmal, wie z. B. in Russland, die
Psychiatrie im Sinne der Herrschaftsstruktur zu missbrauchen. Aus einem Urteil des Bundesgerichtshofs lässt sich ableiten, dass die psychiatrische Diagnose eine „subjektive Werteinschätzung“ des Arztes ist, welche grundsätzlich unveränderbar ist (Az.: VI ZR 140/98). Die Verurteilung einer „subjektiven Werteinschätzung“ bis hin zum Freiheitsentzug setzt die Traumatisierung von Kriegsflüchtlingen fort, und die der Vertrauensperson gleich mit. Würde man die gleichen Maßstäbe für die Begutachtungspraxis des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) anlegen, dann müssten deren Ärzte dauerhaft im Gefängnis residieren.
Foto: dpa
Foto: dpa
Der MDK trifft nämlich seine Entscheidungen zumeist nur nach „dürftiger“ Aktenlage, wie z. B. die Beendigung der Arbeitsunfähigkeit (AU) im Widerspruch zur AU-Richtlinie, welche zwingend eine persönliche ärztliche Untersuchung zur Feststellung der AU vorschreibt . . . Die in dem Urteil zur Last gelegte mangelhafte Dokumentation ist keine Straftat, und eine untergesetzliche Dokumentationspflicht greift erst, wenn der Patient mit der Dokumentation in Ausübung seines informationellen Selbstbestimmungsrechts einverstanden ist. Dieses Grundrecht ist optimal gewährleistet, wenn das Attest zugleich die Dokumentation beinhaltet. Der Vorwurf des Gerichts, dass ein Attest ohne objektivierte Tatsachen und nur aufgrund der Angaben des Patienten erstellt worden ist, verkennt die Realität einer psychiatrischen Diagnostik komplett. Psychiatrische Dia-gnosen fußen in Ermangelung objektiver Untersuchungsinstrumente zumeist nur auf der verbalen Kommunikation und der Körpersprache. Über Fremdanamnesen hinaus, welche ebenfalls nur subjektiver Natur sein können, hat der Psychiater keine Ermittlungsbefugnisse. Mit diesem Urteil wird folglich nicht nur ein einzelner Psychiater kriminalisiert, sondern die gesamte Psychiatrie.
Dr. Argeo Bämayr, Bahnhofstraße 17, 96450 Coburg
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige