ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2006Abschiebung: Der Arzt als Anwalt des Patienten
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LNSLNS Das Problem der Attestierung von Diagnosen betrifft nicht nur die Psychiater, denn viele niedergelassene Ärzte verstehen sich als Anwalt ihres Patienten und lösen mit ihren Attesten eine Kette von Sozialleistungen aus (Krankengeld, Reha-Verfahren, Rente). Hartz IV hat zu einer überproportionalen Antragsflut auf Erwerbsunfähigkeitsrenten und Klagen bei den Rentenversicherungsträgern und den Sozialgerichten geführt. Das verdeutlicht, welche zusätzlichen Kosten die Betreuungs- und Sozialsysteme übernehmen, wenn Erwerbsarbeit als individueller Sinngeber, Taktgeber und Grenzgeber fehlt. Beantragt wird oft, wenn ein Partner der „Versorgungsgemeinschaft“ plötzlich ohne eigene Bezüge ist. Natürlich ist eine EU-Berentung eine individuelle Einzelfallentscheidung, wenn durch Krankheit, Fehlbildung etc. der Betroffene körperlich, geistig und psychisch eingeschränkt ist, aber der Wunsch nach Absicherung hat seitens der Versicherten zu einer „Selbstbedienungsmentalität“ geführt, die seitens der behandelnden Ärzte, unter Umständen unkritisch, unterstützt wird. In keinem anderen Fachgebiet wie in der Psychiatrie/Neurologie werden von Ärzten anderer Fachgebiete so großzügig und übergriffig Diagnosen gestellt, meist ohne ICD-Klassifikation. Bis zu 16 Diagnosen nebeneinander werden attestiert, von der Angst bis zu den endogenen Depressionen F32.3, ohne dass der Patient einen Psychiater je gesehen hat oder ein Psychopharmakon erhält. Die unterschiedlichen Indikationen für Verhaltenstherapie oder Tiefenpsychologie sind unbekannt, der Patient wird auch nicht motiviert, sich behandeln zu lassen . . . Nicht jeder, der jammert, hat eine Depression. Oft stehen ganz andere Sorgen dahinter . . . Die Sozialmedizin in Form der Begutachtung kann nicht dazu dienen, Missstände durch den Arbeitsmarkt oder soziale Notlagen zu überbrücken (W. Hackhausen: Sozialmedizin und ärztliche Begutachtung), gerade in der Psychosomatik sind die Beschwerden geprägt durch das „Krankheitsmodell“ des Versicherten . . . Eine Hausärztin sagt auf die Frage, ob sie die Patientin arbeitsfähig einschätzt: „Wenn sie denn Arbeit hätte.“ Das ist nicht mehr medizinische Kompetenz . . .
Dr. med. Erika Plöntzke,
Karl-Marx-Allee 96, 10243 Berlin
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