ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2006Rauchen und Alkohol sind Hauptrisikofaktoren für Kehlkopfkrebs: Ergebnisse einer deutschen Fall-Kontroll-Studie im europäischen Vergleich

MEDIZIN

Rauchen und Alkohol sind Hauptrisikofaktoren für Kehlkopfkrebs: Ergebnisse einer deutschen Fall-Kontroll-Studie im europäischen Vergleich

Smoking and alcohol are main risk factors for laryngeal cancer

Ramroth, Heribert; Dietz, Andreas; Becher, Heiko

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Zusammenfassung
Rauchen und – mit deutlich geringerem Anteil – Alkohol sind die Hauptrisikofaktoren für das Kehlkopfkarzinom. In der vorliegenden Arbeit wird ein quantitativer Vergleich der Effekte dieser Faktoren vorgenommen, die sich in verschiedenen europäischen Studien – zuletzt in einer großen deutschen Fall-Kontroll-Studie – gezeigt haben. Alle Studien bestätigen einen signifikanten Effekt für Rauchen sowohl bei Männern als auch bei Frauen und hinsichtlich aller Tumorlokalisationen. Außerdem besteht eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Larynxkarzinom und Tabakkonsum. Der nachgewiesene Effekt für Alkoholkonsum zeigt sich je nach Subgruppe erst ab einer höheren täglichen Dosis Ethanol, hier insbesondere für Patienten mit supraglottischen Tumoren. Der Anteil der durch beide Faktoren verursachten Fälle ist in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern hoch, es bestehen jedoch Unterschiede in Bezug auf die relative Bedeutung. Diese Ergebnisse wurden in einer aktuellen deutschen Fall-Kontroll-Studie weitgehend bestätigt. Die Odds Ratios dieser so genannten Rhein-Neckar-Larynx-Studie liegen im mittleren Bereich der in der Literatur berichteten Ergebnisse. Die starken Einzeleffekte unterstreichen jedoch im Hinblick auf das derzeitige tendenziell jüngere Einstiegsalter bei Tabak- und Alkoholkonsum die Bedeutung von Präventionsmaßnahmen in Europa.

Schlüsselwörter: Rauchen, Alkoholkonsum, Krebsrisiko, Larynxkarzinom, europäischer Vergleich, Studie

Summary
Smoking and alcohol are main risk factors for laryngeal cancer
Smoking and, to a much smaller extent, alcohol, are the main risk factors for laryngeal cancer. We present a quantitative comparison of these factors, based on data from European studies, including a recent German case-control study. All studies show a marked effect of smoking for both men, and women, in all tumour subgroups. Additionally there is
a clear dose-response relationship between laryngeal cancer and tobacco consumption. The strength of the relationship between alcohol and laryngeal cancer varies with daily dose and with tumour location, with higher doses and supraglottal tumours showing the strongest effect. The attributable risk of cancer due to these causes is high in Germany and other European countries. However, the relative contribution may vary between countries. These results have been confirmed by a recent case-control study from Germany, the Rhein-Neckar Larynx Study, which yielded odds ratios in the middle of the range of those presented elsewhere in the literature. The strong single effects of these risk factors and the increasingly young ages of onset of tobacco and alcohol consumption underlines the importance of Europe-wide health education interventions.

Key words: smoking, alcohol consumption, cancer risk, laryngeal cancer, European comparision, study

Das Larynxkarzinom ist weltweit der zweithäufigste Tumor des Atemtraktes mit einer geschätzten (welt-)altersstandardisierten Inzidenzrate für das Jahr 2002 von 7,2/ 100 000 bei Männern und 0,8/100 000 bei Frauen in Westeuropa (1). Unterschiede reichen bei den Männern von 2,0 (Schweden) bis 13,8 (Mazedonien), und bei den Frauen von 0,2 (Finnland) bis 3,0 (Mazedonien). In Deutschland liegen die (welt-)altersstandardisierten Inzidenzraten bei 5,3/100 000 für Männer und 0,8/100 000 für Frau-
en (Tabelle 1). Aufgrund guter Prognosen sind die (welt-)altersstandardisierten Mortalitätsraten deutlich niedriger (Männer: 2,1/100 000, Frauen: 0,2/100 000). Bei den weltstandardisierten Raten handelt es sich um Schätzungen des Krebsforschungszentrums der WHO in Lyon/Frankreich (1).
Tabak- und Alkoholkonsum sind die Hauptrisikofaktoren bei Kehlkopfkrebs. Die Risiken steigen mit der Dauer und Höhe des Tabakkonsums und sind bei supraglottischen Tumoren höher als bei glottischen beziehungsweise subglottischen Tumoren. Studien zeigen erhöhte Risiken bei frühem Raucheinstiegsalter und niedrige Risiken bei Exrauchern (2). Berufliche Risikofaktoren existieren ebenfalls (35), haben jedoch aufgrund der weit niedrigeren Prävalenz eine geringere allgemeine gesundheitspolitische Bedeutung. Auch bezüglich des Alkohols ist der kausale Zusammenhang bei Kehlkopfkrebs ausführlich belegt, insbesondere bei supraglottischen Tumoren. Dies kann durch eine starke Exposition der Supraglottis bei Alkoholkonsum im Vergleich zur Subglottis erklärt werden. Weiterhin erhöht Alkoholkonsum in Zusammenhang mit Tabakkonsum das Risiko für Kehlkopfkrebs stark (6). In der Literatur ist die Art der Interaktion zwischen Alkohol und Rauchen nicht eindeutig geklärt (7).
Der vorliegende Artikel präsen-tiert Ergebnisse einer aktuellen deutschen Fall-Kontroll-Studie bezüglich des Rauch- und Alkoholkonsums im europäischen Vergleich.
Material und Methoden
In dieser Arbeit wird eine vergleichende Darstellung von mehreren europäischen Fall-Kontroll-Studien zum Kehlkopfkarzinom präsentiert, einschließlich einer von den Autoren durchgeführten deutschen Studie. Es handelt sich dabei um einen deskriptiven Vergleich der Ergebnisse, nicht um eine formale Metaanalyse. Die zum Vergleich herangezogenen, begutachteten und international veröffentlichten Studien wurden durch eine Suche in der Pubmed-Datenbank identifiziert, und zwar mit den Stichworten „Larynx“, „Smoking“, „Tobacco“ und „Alcohol“, ergänzt durch
eine Überprüfung der dort zitierten Literatur. Zusätzliches Auswahlkriterium war dabei, dass in den Studienergebnissen detaillierte Risiken für den durchschnittlich täglichen Rauch- und Alkoholkonsum ersichtlich sein mussten.
Statistische Analysen
Für diese Arbeit wurden die publizierten Ergebnisse der in der Literatursuche identifizierten Studien zusammengestellt (Tabelle 2). In diesen Studien wurden verschiedene Variablen und Gruppierungen für die Rauch- und Alkoholexposition sowie unterschiedliche Variablen zur Adjustierung bei den statistischen Modellen gefunden.
Die von den Autoren durchgeführte Rhein-Neckar-Larynx-Studie (RNL-Studie) wurde an anderer Stelle bezüglich des Hauptrisikofaktors Rauchen mit der die Rauchdauer und -höhe berücksichtigenden Variablen „Packungsjahre“ publiziert (7). Die Variable Packungsjahr berechnet sich dabei aus der Anzahl der täglich konsumierten Rauchmenge multipliziert mit der Rauchdauer. Ein Packungsjahr entspricht zum Beispiel einer durchschnittlich gerauchten Anzahl von 20 Zigaretten (entspricht einer Packung) pro Tag und Jahr oder ungefähr 7 300 gerauchter Zigaretten. Um einen Vergleich mit den anderen in Tabelle 2 aufgelisteten Studien zu ermöglichen, mussten die Gruppierungen der Rauch- und Alkoholexposition der Rhein-Neckar-Larynx-Studie in eine möglichst vergleichbare Form gebracht werden.
Die Rauchangaben der RNL-Studie werden hier daher in Form der durchschnittlichen täglichen Zahl gerauchter Zigaretten präsentiert, weil diese Variable am häufigsten aus den anderen Studien zu entnehmen ist. Die RNL-Studie wurde unter Verwendung üblicher statistischer Verfah-
ren analysiert (logistische Regression, Odds Ratio [OR], 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI]; Statistik-Software SAS, Version 9.1). Details zu den verwendeten Verfahren wurden bereits publiziert (7).
Die für den Risikofaktor Alkohol allen Studien entnommene Dosisvariable ist die durchschnittliche tägliche Aufnahme von Ethanol. Dosis-Wirkungs-Funktionen für Rauchen und Alkohol werden getrennt nach Studie grafisch dargestellt. Dabei wurden von den beschriebenen Studien nur die berücksichtigt, bei denen die Angaben eine vergleichbare Darstellung zulassen.
Mithilfe des populationsattributablen Risikos (PAR) wird im Allgemeinen der Anteil der Erkrankungsfälle geschätzt, der durch Wegfall des Risikofaktors vermieden werden könnte (8). Die PARs wurden mittels der Prävalenz des Risikofaktors und dem Odds Ratio für alle Studien berechnet, bei denen die notwendigen Angaben vorhanden waren.
Ergebnisse
Die wichtigsten Ergebnisse der in Tabelle 2 genannten Studien werden im Folgenden erläutert. Brugere et al. (1986) (9) führten zwischen 1975 und 1982 in Paris/Frankreich eine bevölkerungsbasierte Fall-Kontroll-Studie mit 466 männlichen Kehlkopfkrebspatienten als Teil einer Studie zu Larynx-, Pharynx- und Mundbodenkarzinom durch. Aus der zur Verfügung stehenden Gruppe von 4 000 Kontrollpersonen aus der Bevölkerung wurde zur Analyse der jeweiligen Tumorart eine nicht genauer erklärte repräsentati-
ve Teilstichprobe gezogen. Referenzgruppe beim Tabakkonsum war die Personengruppe mit einem Konsum von 0 bis 9 g pro Tag. Im Vergleich zur Referenzgruppe wurde bei Patienten mit supraglottischen Tumoren und einem Konsum von 20 bis 29 g/Tag für Kehlkopfkrebs ein OR von 19,6 (95-%-KI 8,1 bis 47,3) berechnet und für Patienten mit glottischen Tumoren und gleichem Tabakkonsum ein OR von 9,5 (95-%-KI 4,9 bis 18,2). Die geschätzten OR für den Faktor Alkohol lagen bei Personen mit einem durchschnittlichen täglichen Konsum von 100 bis 159 g Ethanol bei 11,0 (95-%-KI: 5,5 bis 21,7) für supraglottische Tumoren und bei 1,5 (95-%-KI: 0,9 bis 2,6) für glottische Tumoren, jeweils im Vergleich zur Personengruppe mit 0 bis 39 g Ethanol täglich.
Tuyns et al. führten in Turin und Varese (Italien), Navarra und Zaragossa (Spanien), Genf (Schweiz) und dem Departement Calvados (Frankreich) zwischen 1973 und 1980 eine bevölkerungsbasierte Fall-Kontroll-Studie mit 696 männlichen Larynx-Patienten und 3 057 Kontrollpersonen durch (10). Durchschnittlich nahmen in den sechs Studienzentren mehr als 80 Prozent der Patienten an der Studie teil. Die Teilnahme der Kontrollpersonen lag je nach Zentrum zwischen 56 und 75 Prozent. Das OR für „jemals Rauchen“ wurde mit 10 angegeben, für Alkoholkonsum mit mehr als 80 g Ethanol/Tag beim Endolarynx mit 2,1. Das Risiko sank nach zehn Jahren Rauchabstinenz um zwei Drittel. Die Risiken für Filterbenutzung gegenüber Rauchen ohne Filter beziehungsweise ausschließlichem Rauchen von hellem Tabak gegenüber ausschließlichem Rauchen von dunklem Tabak waren jeweils um 50 Prozent reduziert.
Zatonski et al. führten 1986/87 eine populationsbasierte Fall-Kontroll-Studie mit 249 männlichen Larynx-Patienten und 965 Kontrollen in Südwest-Polen durch (11). Bei einem Rauchkonsum von mehr als 30 Zigaretten täglich wurde ein OR von 59,7 (95-%-KI: 13,0 bis 274) berechnet und bei regelmäßigem Wodkakonsum über 30 Jahre hinweg von 10,4 (95-%-KI: 4,0 bis 27,2). Wenn der Nikotinkonsum mehr als 10 Jahre vor der Studie aufgegeben wurde, war das Risiko um fast zwei Drittel verringert (OR = 0,3 [95-%-KI 0,14 bis 0,65]). 95 Prozent der Fälle wurden dem Faktor Rauchen zugerechnet.
Lopez-Abente et al. (12) ermittelten in einer spanischen Fall-Kontroll-Studie zwischen 1982 und 1985 mit 50 männlichen Larynx-Patienten sowie 45 Krankenhaus- und 58 Populationskontrollen ein Odds Ratio von 4,3 für Rauchen von täglich mehr als 30 Zigaretten im Vergleich zu weniger als 10 Zigaretten. Je länger geraucht wurde, desto höher war das Risiko. Rauchen von schwarzem Tabak verdoppelte das Risiko im Vergleich zum Rauchen von hellem Tabak. Die Risiken stiegen mit zunehmendem mittleren Alkoholkonsum, nicht jedoch mit zunehmender Dauer des Alkoholkonsums.
Dosemeci et al. (13) führten in der Türkei zwischen 1979 und 1984 ei-
ne krankenhausbasierte Fall-Kontroll-Studie mit 832 männlichen Larynx-Patienten und 829 Kontrollen durch. Nach Adjustieren für Alter und Alkoholkonsum wurde für supraglottische Kehlkopfkrebstumoren ein OR durch Rauchen von 4,1 festgestellt; nach Adjustieren für Alter und Rauchkonsum für glottische Kehlkopfkrebstumoren ein OR durch Alkohol von 1,7.
In Norditalien und der Schweiz nahmen von 1992 bis 2000 527 männliche und weibliche Kehlkopfkrebspatienten und 1 297 Kontrollpersonen an einer krankenhausbasierten Fall-Kontroll-Studie teil (14). Die Kontrollen entsprachen hinsichtlich Alter, Geschlecht und Wohnort den Patienten. Im Vergleich zu Nie-Rauchern wurden OR von 19,8 und bei Exrauchern von 7,0 ermittelt. Das OR für Alkoholkonsum betrug 5,9, wenn mehr als 56 Getränke wöchentlich konsumiert wurden. Höhere Risiken wiesen noch rauchende und trinkende Patienten mit supraglottischen Tumoren (OR Rauchen = 54,9, OR Alkohol = 2,6) auf, im Vergleich zu Patienten mit glottischen Tumoren (OR Rauchen = 7,4, OR Alkohol = 1,8).
Ferner wurden zwei Fall-Kontroll-Studien in Norditalien und der Schweiz mit 68 weiblichen Larynx-Patienten und 340 Krankenhauskontrollen gemeinsam ausgewertet (15). Es wurde ein OR von 435,7 (95-%-KI: 38,2 bis 4 964,4) für einen Rauchkonsum von mehr als 25 Zigaretten täglich im Vergleich zu Nie-Raucherinnen bestimmt und ein OR von 4,3 (95-%-KI: 0,8 bis 24,1) für einen Alkoholkonsum von täglich fünf Gläsern im Vergleich zu höchstens zwei Gläsern.
Menvielle et al. (16) führten in sechs französischen Städten zwischen 1989 und 1991 eine multizentrische Fall-Kontroll-Studie mit 282 Larynx-Patienten und 201 Hypopharynx-Patienten sowie 242 Krankenhauskontrollen durch. Das OR bei Rauchkonsum betrug zwischen 3 (Rauchdauer bis 30 Jahre) bis 44 (Rauchdauer 30 bis 40 Jahre) und stiegen von niedrigem (1 bis 2 Gläser täglich) bis hohem Alkoholkonsum (mehr als 13 Gläser täglich) von 1,4 bis 5,9. Die Autoren gaben die Risiken nicht getrennt für Larynx- beziehungsweise Hypopharynx-Patienten an.
Die Rhein-Neckar-Larynx-Studie war eine populationsbasierte Fall-Kontroll-Studie mit 257 Larynx-Patienten (236 Männer, 21 Frauen) und 769 Kontrollen (702 Männer, 67 Frauen) (7). Personen, die jemals geraucht hatten, hatten ein OR von 20,1 (95-%-KI: 10,0 bis 43,1) im Vergleich zu jenen, die nie geraucht hatten. Bei täglich 1 bis 10 Zigaretten betrug das OR 10,1 und stieg bis auf 29,8 bei mehr als 30 Zigaretten täglich. Die Daten waren adjustiert hinsichtlich Rauchausstieg, Alkoholkonsum und Schulbildung. Beim Alkoholkonsum errechneten die Autoren ein OR von 2,9 (95-%-KI: 1,7 bis 4,8) bei täglich mehr als 100 g Ethanol im Vergleich zu Personen mit einem maximalen Ethanolkonsum von 25 g. Höhere Risiken hatten Patienten mit supraglottischen Tumoren im Vergleich zu Patienten mit glottischen Tumoren und Männer im Vergleich zu Frauen. Ein Rauchausstieg mehr als zwei Jahre vor dem Interview reduzierte das Risiko um etwa zwei Drittel (OR = 0,36; 95-%-KI: 0,24 bis 0,53). Circa 90 Prozent der Larynxkarzinome wurden den Faktoren Rauchen und Alkohol zugerechnet (PAR). Die Ergebnisse dieser Studie sind in Tabelle 3, getrennt nach Lokalisation des Tumors, detailliert angegeben.
Die Grafiken 1 und 2 geben einen visuellen Eindruck von der Abhän-
gigkeit des Risikos von der Höhe der Exposition. Es wurden dabei nur die Studien berücksichtigt, in denen Angaben über alle Tumorlokalisationen gemeinsam in einer Kategorie vorhanden waren oder sich berechnen ließen. Die von Zatonski et al. (11) und Brugere et al. (9) angegebenen Odds Ratios wurden für die graphische Darstellung adjustiert, indem aufgrund der dort angegebenen Referenzkategorien (0 bis 5 Zigaretten täglich, beziehungsweise 0 bis 9 Zigaretten täglich) Odds Ratios größer als 1 angenommen wurden.
Die Odds Ratios der höheren Kategorien wurden entsprechend mit diesem OR multipliziert. In den Grafiken 1 und 2 wurden die Studien Menvielle et al. (16) und Lopez-Abente et al. (12) aufgrund der unterschiedlich gewählten Adjustierung nicht berücksichtigt. In der Studie von Gallus et al. (15) wurden im Gegensatz zu allen anderen Studien nur Larynxkarzinome bei Frauen einbezogen, sodass auch diese Studie beim Vergleich nicht berücksichtigt wurde.
Diskussion
Die Studien zeigen durchgängig einen signifikanten Effekt für das Rauchen, sowohl im Modell mit stetigen Variablen (unter anderem Packungsjahre), als auch mit gruppierten Variablen für jede Rauchkategorie, für Männer, Frauen und bezüglich aller Tumorlokalisationen. Außerdem besteht eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Larynxkarzinom und Rauchkonsum.
Diese ist besonders hoch bei Männern und bei Patienten mit supraglottischen Tumoren. Der dokumentierte Effekt für Alkoholkonsum wird je nach Subgruppe erst ab einer höhe-ren täglichen Dosis Ethanol deutlich.
Die Risiken der RNL-Studie bezüglich des Rauchens (Tabelle 3) sind in der gleichen Größenordnung wie in anderen europäischen Kehlkopfkrebsstudien (911). In Grafik 1 sind die Ergebnisse zum Rauchkonsum der berücksichtigten Studien zusammengefasst. Die Gründe für höhere Risiken in Studien aus Osteuropa (11) oder Südeuropa (14) liegen vermutlich in unterschiedlichen Lebensstilfaktoren (13, 14) und in unterschiedlichen Inhaltsstoffen der Rauchwaren (10, 11, 14).
Rauchwaren aus Osteuropa bestehen überwiegend aus schwarzem Tabak, der durchschnittlich mehr als doppelt so viel Teer und Nikotin aufweist als durchschnittlich in Westeuropa (11). Dies gilt auch für Teile von Südeuro-
pa (9). Man vergleiche dazu auch die aktuellen Listen der Zusatzstoffe in Tabakprodukten (17).
Die hohen Risiken, die in der Untersuchung von Zatonski und Mitarbeitern (11) festgestellt wurden, werden stark von einem niedrigen Anteil der Nichtraucher unter den Fällen beeinflusst, die niedrigen Risiken bei Dosemeci und Koautoren (13) von einem entsprechend hohen Anteil.
Mit zunehmendem Lebensalter nimmt die Zahl der Nichtraucher zu (18). Diese Beobachtung wirkt sich bei der Risikoberechnung aus, und zwar dann, wenn die täglich gerauchten Zigaretten aufgrund des lebenslangen Rauchens (Nichtraucher gleich Nieraucher) oder aufgrund des aktuellen Konsums erfasst werden.
Darüber hinaus können auch Entwicklungen zwischen der ersten berücksichtigten Studie vor 25 Jahren und den aktuellen Untersuchungen
zu abweichenden Ergebnissen führen, beispielsweise durch Unterschiede in den Rauchinhaltsstoffen und der Filterbenutzung. Dosemeci und Mitarbeiter begründeten die in dieser Arbeit ermittelten geringeren Risiken des Rauchens mit einer geringeren Häufigkeit von Rauch- und Alkoholkonsum, insbesondere aufgrund des geringen Anteils an starken Rauchern (13).
Durchgängig belegen die publizierten Ergebnisse, dass sich das Risiko für das Larynxkarzinom nach einem Rauchausstieg reduziert (2, 7, 11, 14, 19). Das Alter bei Beginn des Rauchens zeigte bei Ramroth et al. und Zatonski et al. keinen Effekt (7, 11), im Gegensatz zu den Ergebnissen von Talamini et al. (14).
Der Effekt für Alkohol fiel in allen Studien geringer aus (10, 19). Manche Arbeiten zeigten erst ab einem höheren Alkoholkonsum einen signifikanten Effekt (7, 9, 10). Unterschiedlich hohe Risiken beim Alkoholkonsum werden sowohl auf die unterschiedlichen alkoholischen Getränke, wie Wein (9) oder Wodka (11), als auch auf den differierenden Ethanolgehalt zurückgeführt (10, 14, 20, 21). Unterscheidet man hinsichtlich der Tumorlokalisation, bestätigten sich Ergebnisse, die im Zusammenhang mit Alkohol auf höhere Risiken bei Patienten mit supraglottischen Tumoren hinweisen.
Die Vergleichbarkeit der dargestellten Risiken (Grafiken 1 und 2) ist aufgrund unterschiedlicher Definition der Expositionsgruppen und unterschiedlicher Auswertungsstrategien (beispielsweise Wahl der Referenzgruppen) nur eingeschränkt möglich. Eine Rolle spielen Studientyp, Wahl der Kontrollgruppe und der Adjustierungsvariablen bei der Analyse, die Teilnahmerate, die Auswahlkriterien und die Qualität der Studie.
Auch die Teilnahmeraten schließen mögliche Verzerrungen nicht aus. Die Teilnahmeraten der Kontrollpersonen betrugen 56 Prozent bis 95 Prozent, die der Patienten 80 Prozent bis 97 Prozent.
Bezüglich der berechneten populationsattributablen Risiken (PAR) zeigte sich in allen Studien, dass ein großer Anteil (nahezu 90 Prozent) der Fälle von Kehlkopfkrebs vermieden werden könnte, wenn Tabak- und Alkoholkonsum stark reduziert würden. Bezüglich des Alkoholkonsums konnten attributable Risiken nur von drei Studien berechnet werden. Diese lagen in der Studie der Autoren bei 28 Prozent, bei Muscat et al. (22) und Talamini et al. (14) jedoch stark darüber (42 Prozent beziehungsweise 51 Prozent).
Die Ergebnisse unterstreichen jedoch, dass durch die Reduzierung des Rauch- und Alkoholkonsums etwa 90 Prozent aller Kehlkopfkrebsfälle verhindert werden könnten (23, 24). Die starken Einzeleffekte unterstreichen im Hinblick auf das derzeitige tendenziell jüngere Einstiegsalter bei Rauch- und Alkoholkonsum die Bedeutung von Präventionsmaßnahmen in ganz Europa.

Danksagung: Die Rhein-Neckar-Larynx-Studie wurde finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, Förderungsnummer 01GB9702/3) und unterstützt von der medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. Wir danken Dr. M.-L. Groß für die Feldorganisation, D. Niehoff und J. Schmidt für das Daten-Management und Prof. Dr. H. Maier, HNO-Abteilung BWK Ulm, für die Unterstützung in der Vorbereitungsphase dieser Studie. Besonderer Dank gilt allen klinischen Kooperationspartnern dieser Studie: Universität HNO-Klinik Heidelberg (Prof. Dr. H. Weidauer), Universität HNO-Klinik Mannheim (Prof. Dr. K. Hörmann), HNO-Klinik der Städt. Kliniken Darmstadt (Prof. Dr. K. Reck), HNO-Klinik der Städt. Kliniken Ludwigshafen (Prof. Dr. G. Münker †, PD Dr. K.-W. Delank) und der HNO-Klinik der Städt. Krankenanstalten Heilbronn (Prof. Dr. C. Naumann).

Manuskript eingereicht: 27. 5. 2005, revidierte Fassung angenommen: 6. 10. 2005

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2006; 103(16): A 1078–83.

Anschrift für die Verfasser:
Dr. sc. hum. Dipl.-Math. Heribert Ramroth
Universität Heidelberg
Abteilung für Tropenhygiene und
öffentliches Gesundheitswesen
Im Neuenheimer Feld 324
69120 Heidelberg
E-Mail: hramroth@urz.uni-heidelberg.de
1.
Ferlay J: GLOBOCAN 2000: Cancer incidence, mortality and prevalence worldwide 2001. IARC Press. IARC Cancer Base No. 5. Lyon. www.iarc.fr/IARCPress/general/mono.pdf.
2.
IARC monographs on the evaluation of carcinogenic risks to humans: Tobacco smoke and involuntary smoking. IARC Press, Lyon, France 2005. www.iarc.fr/IARCPress/general/mono.pdf.
3.
Becher H, Ramroth H, Ahrens W, Risch A, Schmezer P, Dietz A: Occupation, exposure to polycyclic aromatic hydrocarbons and laryngeal cancer risk. Int J Cancer 2005; 116: 451–7. MEDLINE
4.
Dietz A, Ramroth H, Urban T, Ahrens W, Becher H: Exposure to cement dust, related occupational groups and laryngeal cancer risk: results of a population based case-control study. Int J Cancer 2004; 108: 907–11. MEDLINE
5.
Boffetta P, Richiardi L, Berrino F et al.: Occupation and larynx and hypopharynx cancer: an international case-control study in France, Italy, Spain, and Switzerland. Cancer Causes Control 2003; 14: 203–12. MEDLINE
6.
IARC monographs on the evaluation of carcinogenic risks to humans: Alcohol drinking. IARC Press, Lyon, France 2005. www.iarc.fr/IARCPress/general/mono.pdf.
7.
Ramroth H, Dietz A, Becher H: Interaction effects and population-attributable risks for smoking and alcohol on laryngeal cancer and its subsites. A case-control study from Germany. Methods Inf Med 2004; 43: 499–504. MEDLINE
8.
Kreienbrock L, Schach S: Epidemiologische Methoden. Stuttgart: Fischer 2005.
9.
Brugere J, Guenel P, Leclerc A, Rodriguez J: Differential effects of tobacco and alcohol in cancer of the larynx, pharynx, and mouth. Cancer 1986; 57: 391–5. MEDLINE
10.
Tuyns AJ, Esteve J, Raymond L et al.: Cancer of the larynx/hypopharynx, tobacco and alcohol: IARC international case-control study in Turin and Varese (Italy), Zaragoza and Navarra (Spain), Geneva (Switzerland) and Calvados (France). Int J Cancer 1988; 41: 483–91. MEDLINE
11.
Zatonski W, Becher H, Lissowska J, Wahrendorf J: Tobacco, alcohol, and diet in the etiology of laryngeal cancer: a population-based case-control study. Cancer Causes Control 1991; 2: 3–10. MEDLINE
12.
Lopez-Abente G, Pollan M, Monge V, Martinez-Vidal A: Tobacco smoking, alcohol consumption, and laryngeal cancer in Madrid. Cancer Detect Prev 1992; 16: 265–71. MEDLINE
13.
Dosemeci M, Gokmen I, Unsal M, Hayes RB, Blair A: Tobacco, alcohol use, and risks of laryngeal and lung cancer by subsite and histologic type in Turkey. Cancer Causes Control 1997; 8: 729–37. MEDLINE
14.
Talamini R, Bosetti C, La Vecchia C et al.: Combined effect of tobacco and alcohol on laryngeal cancer risk: a case-control study. Cancer Causes Control 2002; 13: 957–64. MEDLINE
15.
Gallus S, Bosetti C, Franceschi S, Levi F, Negri E, La Vecchia C: Laryngeal cancer in women: tobacco, alcohol, nutritional, and hormonal factors. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2003; 12: 514–7. MEDLINE
16.
Menvielle G, Luce D, Goldberg P, Bugel I, Leclerc A: Smoking, alcohol drinking and cancer risk for various sites of the larynx and hypopharynx. A case-control study in France. Eur J Cancer Prev 2004; 13: 165–72. MEDLINE
17.
Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Bekanntgabe der Zusatzstoffe in Tabakerzeugnissen für das Jahr 2004 nach § 5 Abs. 3 Satz 2 der Tabakprodukt-Verordnung. www.verbraucherministerium.de.
18.
Fast drei Viertel der Bevölkerung sind Nichtraucher. Statistisches Bundesamt Pressemitteilung vom 28. 5. 2005. www.destatis.de/presse/deutsch/pm2004/ p2470024.htm.
19.
Ahrens W, Jockel KH, Patzak W, Elsner G: Alcohol, smoking, and occupational factors in cancer of the larynx: a case-control study. Am J Ind Med 1991; 20: 477–93. MEDLINE
20.
Longnecker MP, Newcomb PA, Mittendorf R et al.: The reliability of self-reported alcohol consumption in the remote past. Epidemiology 1992; 3: 535–9. MEDLINE
21.
Poschl G, Seitz HK: Alcohol and cancer. Alcohol Alcohol 2004; 39: 155–65. MEDLINE
22.
Muscat JE, Wynder EL: Tobacco, alcohol, asbestos, and occupational risk factors for laryngeal cancer. Cancer 1992; 69: 2244–251. MEDLINE
23.
Stein CJ, Colditz GA: Modifiable risk factors for cancer. Br J Cancer 2004; 90: 299–303. MEDLINE
24.
Ezzati M, Lopez AD: Estimates of global mortality attributable to smoking in 2000. Lancet 2003; 362: 847–52. MEDLINE
1. Ferlay J: GLOBOCAN 2000: Cancer incidence, mortality and prevalence worldwide 2001. IARC Press. IARC Cancer Base No. 5. Lyon. www.iarc.fr/IARCPress/general/mono.pdf.
2. IARC monographs on the evaluation of carcinogenic risks to humans: Tobacco smoke and involuntary smoking. IARC Press, Lyon, France 2005. www.iarc.fr/IARCPress/general/mono.pdf.
3. Becher H, Ramroth H, Ahrens W, Risch A, Schmezer P, Dietz A: Occupation, exposure to polycyclic aromatic hydrocarbons and laryngeal cancer risk. Int J Cancer 2005; 116: 451–7. MEDLINE
4. Dietz A, Ramroth H, Urban T, Ahrens W, Becher H: Exposure to cement dust, related occupational groups and laryngeal cancer risk: results of a population based case-control study. Int J Cancer 2004; 108: 907–11. MEDLINE
5. Boffetta P, Richiardi L, Berrino F et al.: Occupation and larynx and hypopharynx cancer: an international case-control study in France, Italy, Spain, and Switzerland. Cancer Causes Control 2003; 14: 203–12. MEDLINE
6. IARC monographs on the evaluation of carcinogenic risks to humans: Alcohol drinking. IARC Press, Lyon, France 2005. www.iarc.fr/IARCPress/general/mono.pdf.
7. Ramroth H, Dietz A, Becher H: Interaction effects and population-attributable risks for smoking and alcohol on laryngeal cancer and its subsites. A case-control study from Germany. Methods Inf Med 2004; 43: 499–504. MEDLINE
8. Kreienbrock L, Schach S: Epidemiologische Methoden. Stuttgart: Fischer 2005.
9. Brugere J, Guenel P, Leclerc A, Rodriguez J: Differential effects of tobacco and alcohol in cancer of the larynx, pharynx, and mouth. Cancer 1986; 57: 391–5. MEDLINE
10. Tuyns AJ, Esteve J, Raymond L et al.: Cancer of the larynx/hypopharynx, tobacco and alcohol: IARC international case-control study in Turin and Varese (Italy), Zaragoza and Navarra (Spain), Geneva (Switzerland) and Calvados (France). Int J Cancer 1988; 41: 483–91. MEDLINE
11. Zatonski W, Becher H, Lissowska J, Wahrendorf J: Tobacco, alcohol, and diet in the etiology of laryngeal cancer: a population-based case-control study. Cancer Causes Control 1991; 2: 3–10. MEDLINE
12. Lopez-Abente G, Pollan M, Monge V, Martinez-Vidal A: Tobacco smoking, alcohol consumption, and laryngeal cancer in Madrid. Cancer Detect Prev 1992; 16: 265–71. MEDLINE
13. Dosemeci M, Gokmen I, Unsal M, Hayes RB, Blair A: Tobacco, alcohol use, and risks of laryngeal and lung cancer by subsite and histologic type in Turkey. Cancer Causes Control 1997; 8: 729–37. MEDLINE
14. Talamini R, Bosetti C, La Vecchia C et al.: Combined effect of tobacco and alcohol on laryngeal cancer risk: a case-control study. Cancer Causes Control 2002; 13: 957–64. MEDLINE
15. Gallus S, Bosetti C, Franceschi S, Levi F, Negri E, La Vecchia C: Laryngeal cancer in women: tobacco, alcohol, nutritional, and hormonal factors. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2003; 12: 514–7. MEDLINE
16. Menvielle G, Luce D, Goldberg P, Bugel I, Leclerc A: Smoking, alcohol drinking and cancer risk for various sites of the larynx and hypopharynx. A case-control study in France. Eur J Cancer Prev 2004; 13: 165–72. MEDLINE
17. Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Bekanntgabe der Zusatzstoffe in Tabakerzeugnissen für das Jahr 2004 nach § 5 Abs. 3 Satz 2 der Tabakprodukt-Verordnung. www.verbraucherministerium.de.
18. Fast drei Viertel der Bevölkerung sind Nichtraucher. Statistisches Bundesamt Pressemitteilung vom 28. 5. 2005. www.destatis.de/presse/deutsch/pm2004/ p2470024.htm.
19. Ahrens W, Jockel KH, Patzak W, Elsner G: Alcohol, smoking, and occupational factors in cancer of the larynx: a case-control study. Am J Ind Med 1991; 20: 477–93. MEDLINE
20. Longnecker MP, Newcomb PA, Mittendorf R et al.: The reliability of self-reported alcohol consumption in the remote past. Epidemiology 1992; 3: 535–9. MEDLINE
21. Poschl G, Seitz HK: Alcohol and cancer. Alcohol Alcohol 2004; 39: 155–65. MEDLINE
22. Muscat JE, Wynder EL: Tobacco, alcohol, asbestos, and occupational risk factors for laryngeal cancer. Cancer 1992; 69: 2244–251. MEDLINE
23. Stein CJ, Colditz GA: Modifiable risk factors for cancer. Br J Cancer 2004; 90: 299–303. MEDLINE
24. Ezzati M, Lopez AD: Estimates of global mortality attributable to smoking in 2000. Lancet 2003; 362: 847–52. MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema